Die Veitskirche in Bad Kötzting soll profaniert werden – es wäre nicht zum ersten Mal

Von Christina Hainzinger-Feigl · 12. Februar 2024 um 11:00

Es wäre ein historischer Schritt: Mit der Veitskirche soll erstmals in der Region eine Kirche profaniert werden. Tatsächlich wäre es aber nicht das erste Mal, dass St. Veit profaniert und fortan nicht mehr sakral benutzt wird. Ein Blick in die Geschichtsbücher und in die bewegte Vergangenheit des Gotteshauses am oberen Markt.

„Wer weiß, wie lange schon der hl. Veit in Kötzting eine Kapelle besaß?“, fragt Max Piendl 1953 in einem Artikel in der Kötztinger Umschau anlässlich des Patroziniums der Veitskirche (das übrigens am 15. Juni ist). Wann die Veitskirche erbaut wurde, lässt sich nur vermuten. Der frühere Stadtpfarrer Max Heitzer schreibt im Heftchen „Kirchen und Kapellen der Stadt Kötzting“: „Das Veitspatrozinium passt zu den im späten 10. Jahrhundert gegründeten Dorf-Orten um Kötzting, im Zeller- und Weißenregental. St. Veit ist der Hauspatron der Sachsenkaiser, in deren Zeit die Dorf-Orte gegründet wurden.“

Kapelle oder Pfarrkirche Kötzting?

Heitzer vertrat auch die Theorie, dass es sich bei der Veitskirche um die ursprüngliche Pfarrkirche von Kötzting handeln könnte. Gesichert ist diese Theorie nicht: Zum einen ist im Matrikelbuch der Diözese Regensburg von der „Kapelle St. Vitus“ die Rede (Vitus ist der lateinische Name von Veit). Eine „Kapelle“ kann aber kirchenrechtlich keine Pfarrkirche sein. Zum anderen sind laut Stadtarchivar Clemens Pongratz bei keiner der vielen Sanierungsarbeiten rund um die Veitskirche und am oberen Marktplatz Spuren eines frühen Friedhofs aufgetaucht. „Solch ein (eingefriedeter) Hof rund herum um eine Kirche/Kapelle wäre aber der entscheidende Hinweis, dass diese Kirche das erste religiöse Zentrum des frühen Kötztings gewesen war“ („Die Kötztinger Friedhöfe Teil I“).

Im November 1633 wurde die Veitskirche von den Schweden niedergebrannt. „Sobald jedoch sich der Markt von den Folgen des Brandes erholt hatte, dachte man daran, St. Veit wieder aufzubauen“ (Max Piendl). 1645 wurde die Kirche laut Max Heitzer wieder aufgebaut, der Turm erneuert und mit einem hölzernen Turm versehen. 1696/97 mussten Chor und Turm erneuert werden. Erst 1697, also 60 Jahre nach dem Schwedeneinfall, „konnte die neue Veitskirche eingeweiht werden“ (Piendl).

Im Jahr 1804 wurde St. Veit zum ersten Mal profaniert. Während der napoleonischen Kriege benutzte man die Kirche als Fourage-Magazin, also als militärisches Vorratslager. Piendl: „(...) sie sollte sogar gesperrt und versteigert werden, wie auch Weißenregen abgebrochen werden sollte, da sie unnötig sei und nur Kosten verursache“. Bürger, Magistrat und Pfarramt aber erreichten, dass St. Veit und Weißenregen erhalten blieben.

Spitzturm statt Kuppel

1826 war die Veitskirche dank der Spenden der Bürger wiederhergestellt. Doch schon 1829 sei die nächste Profanierung geplant gewesen, sagt Stadtarchivar Clemens Pongratz. Man wollte Schulzimmer in die Kirchen einbauen – ein Vorhaben, das schlussendlich an den Kosten scheiterte.

Beim großen Marktbrand von Kötzting in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1867 wurden 60 Wohnhäuser – darunter teilweise auch die Veitskirche – und 90 Nebengebäude ein Raub der Flammen. Der Brand zerstörte die Turmkuppel der Kirche, danach erhielt sie statt der Kuppel einen Spitzturm.

Von 1946 bis 1955 war die Veitskirche Simultankirche (aus der Stadtchronik „50 Jahre Stadt Kötzting“) und wurde von katholischen und evangelischen Christen genutzt. Hintergrund: Am Ende des 2. Weltkriegs lebten etwa 4500 evangelische Christen in Kötzting und Umgebung. Schnell wurde der Betsaal in der Bahnhofstraße für die vielen neuen Gemeindemitglieder zu klein. „Besonders dankbar sind wir dafür, dass uns vom ersten Augenblick an die Veitskirche für die Kötztinger Gemeinde überlassen wurde“, schreibt Günther Carqueville – ein heimatvertriebener schlesischer Pfarrer, der damals die Seelsorge versah. Die üblichen katholischen Messfeiern am Freitag um 6.30 Uhr fanden in den Sommermonaten weiterhin statt.

In den 1960er Jahren wurde die Veitskirche unter Pfarrer Josef Augustin innen saniert. 1979 wurde die Außensanierung unter Pfarrer Gerhard Dirscherl und im Zuge der Markstraßensanierung in Angriff genommen. Im selben Jahr (1979) schuf der Kötztinger Künstler August Philipp Henneberger den Mosaikkreuzweg mit 15 Stationen. Ihn sowie den barocken Hochaltar bezeichnet Bad Kötztings Stadtpfarrer Thomas Winderl in der Veitskirche als „kunsthistorisch am interessantesten“.

Seit Mitte 2013 ist das Gotteshaus zugesperrt – aus mehreren Gründen. Unter anderem gab es Vorfälle, bei denen Unbekannte ihre Notdurft in der Kirche verrichteten. Bis Ende 2019 fanden allerdings noch regelmäßig Gottesdienste in St. Veit statt – mittwochs in den Sommermonaten um 9 Uhr die „Hausfrauenmesse“ und am 15. Juni der Patroziniumsgottesdienst.

Nach wie vor ist die Veitskirche große Kulisse für den Festgottesdienst an Pfingstmontag nach dem Ausritt der Reiter und nach deren Rückkehr beim Festakt. An Pfingsten wird auch das Allerheiligste in St. Veit aufbewahrt, ehe der Pfarrer dort am Pfingstmontag die Reiter segnet. Und vielleicht es es auch der Pfingstritt, der der Veitskirche zu einer neuen Bestimmung verhilft – wenn sie womöglich eines Tages profaniert und zum Pfingstrittmuseum wird.

Die Weihnachtskrippe in der Veitskirche

Attraktion für Groß und Klein: Etwa 1869 ließ das Kloster Neukirchen b. Hl. Blut den Kötztingern eine Krippe als Stiftung zuteil werden. Viele Jahre hatte das Kripperl seinen festen Platz in der Veitskirche und war wegen seiner liebevoll gestalteten Details bekannt. Betreut wurde sie von den Kripperlvätern Max Wanninger, Josef Kerscher, Franz Stauber und Walter Scholz. Kirchenpfleger Max Wanninger übernahm das Ehrenamt etwa 1924, entwarf das ganze Jahr über immer neue Bilder von den Hauptereignissen des Kirchenjahres und war eine ganzjährige Attraktion. Renate Serwuschok schreibt am 22. Dezember 1978 in der Kötztinger Umschau: „Ein Zehnerl genügte, um die Hirten auf dem Felde und die Weisen aus dem Morgenland in Marsch zu setzen, das Lagerfeuer zu entzünden und andere Bewegungen auszulösen.“

Reaktiviert: 1981 schaffte Pfarrer Gerhard Dirscherl mit Unterstützung der Kolpingsfamilie neue Figuren an. Der damalige Kirchenpfleger Franz Sonnleitner war bestrebt, die Krippe zu reaktivieren und konnte dafür Bäckermeister Josef Kerscher gewinnen. Zuvor war die Krippe 20 Jahre lang verwaist gewesen. 2013 wurde die Veitskirche zugesperrt, weshalb Stadtpfarrer Herbert Mader 2014 die Weihnachtskrippe in die Stadtpfarrkirche brachte und komplett überarbeitete. Seit 2015 ist sie dort in der Weihnachtszeit am rechten Seitenaltar zu sehen. Heute kümmert sich Christian Riederer um das Kripperl. In der Veitskirche blieben nur Reste der Krippenkulisse.