Hochwasserschutz-Leiter: Regensburg ist statistisch „extrem überfällig“ für größeres Hochwasser

Von Benedikt Baumgartner · 7. Februar 2024 um 15:26

Zehn Jahre liegt das letzte größere Hochwasser in Regensburg zurück. „Das hat es in 100 Jahren Aufzeichnung noch nicht gegeben“, sagt Franz Kastenmeier, Abteilungsleiter des Hochwasserschutzes in Regensburg. Statistisch sei ein solches überfällig. Entsprechend gelte es bei Behörden und in der Bevölkerung die Sinne zu schärfen.

„Mütter mit Kindern haben die Absperrung beiseite geschoben, damit sie ans Wasser können“, berichtet Franz Kastenmeier von Szenen während des Weihnachtshochwassers an der Wurstkuchl. Der Abteilungsleiter des Hochwasserschutzes bei der Stadt ist noch immer fassungslos. Im trüben Flutwasser herrscht an der Kaimauer Lebensgefahr.

Die Gefahr, die vom Wasser ausgehen kann, dürfe man nicht vergessen. Das gilt für die Bevölkerung wie für die am Hochwasserschutz beteiligten Ämter. Daher kündigt Kastenmeier eine Nachbesprechung des Weihnachtshochwassers mit Polizei und Behörden an.

Ein weiterer Punkt, der aufgearbeitet werden muss: die Freimachung der Flächen für mobile Schutzelemente. In der Werftstraße habe man Autos abschleppen müssen, die trotz Halterermittlung der Polizei nicht umgeparkt worden waren. Vier Stunden habe man dadurch verloren, so Kastenmeier. Er richtet einen Appell für Achtsamkeit an die Bevölkerung – und für Respekt gegenüber den Absperrungen. Die werden künftig massiver ausfallen, um nicht verschoben zu werden. Auch das ist eine Erkenntnis aus dem Weihnachtshochwasser.

Zehn Jahre ohne Flut

Das erreichte mit einem Pegelstand von 5,03 Metern an der Eisernen Brücke gerade so Meldestufe Drei, ein zweijährliches Hochwasser (HW2). Nass wurde nur das Pflaster vor der Wurstkuchl. Eine richtige Flut erreichte Regensburg zuletzt 2013. „Wir hatten seit zehn Jahren kein Hochwasser mehr. Das hat es in 100 Jahren Aufzeichnung noch nicht gegeben“, sagt Kastenmeier und schlussfolgert: „Statistisch sind wir extrem überfällig für ein größeres Hochwasser.“ Achtsamkeit und Aufarbeitung tun also Not.

Damals, 2013, stieg das Wasser am Unteren Wöhrd bis über die mobilen Schutzelemente. „Vielleicht war das ganz gut“, argumentiert Kastenmeier heute, „weil viele schon gesagt haben, der städtische Grundschutz reicht“. Den beschloss die Stadt Anfang der 2000er-Jahre zur Überbrückung, bis der staatliche Vollschutz ausgebaut ist (siehe Info-Kasten). Das 2013er Hochwasser hat die Sinne geschärft – und die Gelder beim Freistaat gelockert. „Wir haben wahnsinniges Glück gehabt“, sagt Rainer Zimmermann, stellvertretender Leiter des Wasserwirtschaftsamtes – Glück, dass bislang kein extremes Hochwasser auf den städtischen Grundschutz getroffen ist. Der hätte zwar auch bei einem HW100 einen großen Zeitvorteil gebracht, aber „es wäre viel abgesoffen“.

Zehn von 18 Abschnitte haben Vollschutz

In weiten Teilen der Stadt, zehn von 18 Abschnitten, ist der Vollschutz des Freistaats mittlerweile fertiggestellt. In vier Abschnitten ist die Planung noch nicht angelaufen, geplant oder gebaut wird aktuell ebenfalls in vier Abschnitten: Sallern, Gallingkofen sowie Unterer und Oberer Wöhrd. Am weitesten fortgeschritten ist bei diesen der Vollschutz in Sallern, dort wird bereits gebaut. Allerdings wird die Maßnahme entzerrt, da die Gelder für den Bau nicht mehr so schnell wie nötig aus München fließen. Die Bauzeit wird aktuell ein Jahr länger prognostiziert als bisher vorgesehen, bis Ende 2025. Aus der Entzerrung dieser Maßnahme, beteuert Zimmermann, könne man keine Rückschlüsse auf den Zeitplan zukünftiger Bauvorhaben schließen.

An das Teilstück Sallern grenzt der Hochwasserschutz in Gallingkofen. „Ein wichtiger Baustein zur Fertigstellung des Hochwasserschutzes auf der linken Regen- und Donauseite“, sagt Kastenmeier zu diesem Abschnitt. Hier stehe man kurz vor Einleiten des Planfeststellungsverfahrens.

Wöhrdinsel ist das Herzstück

Etwas weiter ist man bereits bei einem Herzstück des Hochwasserschutzes in Regensburg: dem Unteren Wöhrd. Hier erwartet Zimmermann die Fertigstellung der Planung im Frühjahr. Dann wird die Landes-Finanzierung abgeklopft. Sobald die steht, wird der Einleitungsbeschluss im Stadtrat gefasst und die Hochwasserschutzplanung geht mit der entsprechenden Kostendimension in das Rechtsverfahren. Zwei Jahre, so schätzen Kastenmeier und Zimmermann, werde dies dauern bis Baurecht erteilt wird und der Maßnahmenbeschluss im Stadtrat ansteht: „Dann geht es in der Stadt ums Geld“, blickt Kastenmeier voraus. Ein Großteil der Kosten – aktuelle geschätzte 40 Millionen Euro – habe mit Hochwasserschutz gar nichts zu tun. Viel werde investiert in städtebaulichen und landschaftsplanerischen Mehrwert, in eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Werftstraße.

Wann wird Vollschutz in Stadtamhof angegangen?

„Wenn man hier startet, ist die Erwartungshaltung die Inselgruppe“, sagt Kastenmeier, also auch der Vollschutz an Oberem Wöhrd und in Stadtamhof. Nördlich der Steinernen Brücke ist der Grundschutz jedoch stabil gebaut, Stadtamhof ist in der Priorität nicht sonderlich weit oben angesiedelt. Weiter ist man am Oberen Wöhrd, das Gebiet steht am Anfang des Planungsverfahrens. Die Vorentwurfsplanung ist fertiggestellt, die Varianten für den Verlauf des Hochwasserschutzes sind abgesteckt, eine Vorzugsvariante ist identifiziert. Diese wird demnächst Stadtrat und Bürgern vorgestellt.

„Wir sind super unterwegs mit der städtebaulich-technischen Qualität und der Einbindung der Bürger“, beteuert Kastenmeier. Er ist positiv gestimmt, dass ein hochwertiger Vollschutz in den kommenden Jahren gelingt. Zu hoffen bleibt, dass das nächste große Hochwasser noch lange genug auf sich warten lässt – entgegen aller statistischer Wahrscheinlichkeit.

Um den Vollschutz (bis HW100) kümmert sich Rainer Zimmermann vom Freistaat, um Grundschutz (bis HW20) und Katastrophenschutz (über HW100) Franz Kastenmeier von der Stadt.