Gedenkstätte Flossenbürg: Antisemitische Provokationen im Gästebuch

Drei Post-Its verdecken israelfeindliche Sprüche im Gästebuch. „Dieser Eintrag entspricht nicht der Haltung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg“, ist darauf zu lesen. Jörg Skriebeleit, Leiter des Erinnerungsortes, hebt die Zettel an.
„Free Gaza“ steht da und „From the River to the Sea“ (vom Fluss bis zum Meer), eine antisemitische Parole, die die Existenz Israels in Frage stellt. „Es hat sich etwas verändert“, konstatiert Skriebeleit. Im Besucherbuch der Gedenkstätte tauchen in letzter Zeit häufiger derartige Provokationen auf. Sie werden bewusst nicht entfernt, sondern nur bedeckt. Wer es sich zumuten will, kann sie lesen.
Die politische Stimmung, die Aufgeregtheit und Gereiztheit, die seit den Corona-Beschränkungen mitschwingt und die sich durch die Debatten um das Hamas-Massaker am 7. Oktober enorm verstärkt hat, klammert auch jene Orte nicht mehr aus, an denen das NS-Regime einst seine Menschenverachtung bis in die letzte Konsequenz zelebriert hat. „Die vermeintliche Selbstverständlichkeit, dass es sich um ein wichtiges Thema handelt und alle daraus lernen wollen, wird zunehmend hinterfragt“, stellt Skriebeleit fest.
Der Ort Flossenbürg hat lange gebraucht, um sich der Vergangenheit zu stellen. Zwar gab es einen Friedhof und ein Mahnmal für die KZ-Opfer, aber erst 1995 begann der Aufbau der jetzigen Gedenkstätte. In Flossenbürg waren inklusive der über 80 Außenlager etwa 100000 Männer und Frauen aus über 30 Ländern inhaftiert. In dem Oberpfälzer Gefangenenlager wurden die Menschen bis ans Ende ihrer Kräfte im Granitsteinbruch ausgebeutet. Das Totenbuch enthält über 21000 Namen. Ausgegangen wird von mindestens 30000 Toten.
Neue Wege der Aufklärung
Der Kies knirscht unter den Schuhen der jungen Besucher, die an diesem Mittwochmorgen den weitläufigen Appellplatz durchqueren. Es ist eine von mehreren Schulklassen und Gruppen, die sich für diesen Tag angemeldet haben. Auch junge Polizisten und Krankenpflegeschüler sind darunter.
Kalt ist es und ziemlich nebelig. Ihre Mützen haben die Jugendlichen tief ins Gesicht gezogen, die Hände in den Jackentaschen vergraben. Der Blick ist gesenkt. Können die Jugendlichen der Generation TikTok an diesem nüchternen, nur mit Informationstafeln ausgestatten Platz überhaupt nachempfinden, welche Menschenverachtung hinter den täglichen Appellen steckte? Begreifen sie, dass hier vor den Augen der Mithäftlinge aus fadenscheinigen Gründen gehängt wurden? Dringen die Schilderungen über gnadenlose Ausbeutung, permanente Demütigung und extremen Hunger zu ihnen durch? Es sind Fragen, die Skriebeleit umtreiben. Wie kann die Botschaft, die von Flossenbürg ausgeht, die Menschen weiter erreichen, wenn die Generation der Zeitzeugen gestorben ist? Und dieser Zeitpunkt ist absehbar. Maximal fünf Überlebende des Konzentrationslagers, so schätzt Skriebeleit, werden am diesjährigen Gedenktag der Befreiung im April, noch teilnehmen können. „Damit rückt die Zeit des Nationalsozialismus weiter weg.“ Der Gedenkstättenleiter ordnet ein: Es kämen inzwischen Besucher, die den Begriff Konzentrationslager allenfalls mal im Schulunterricht gehört, aber keine Vorstellung hätten, was hier passiert ist, sagt er. „Es verändert sich etwas und wir sind gut beraten, diese Veränderungen auch ernst zu nehmen!“
Ein wichtiger Schritt, die Geschichte des Erinnerungsortes weiterzuerzählen, wird die Einbeziehung des Steinbruchs sein, in dem noch bis Ende März Granit abgebaut wird. Dann läuft der Pachtvertrag aus. Danach soll das Gelände Stück für Stück in die Gedenkstätte integriert werden. Das werde mehrere Jahre dauern, sagt der Gedenkstättenleiter. Wenige Meter weiter wurde ein ehemaliges Trafo-Häuschen notgesichert. Im Turm haben Gefangene beim Bau ihre Häftlingsnummern geritzt. Skriebeleit will auch diesen Ort begeh- und erlebbar machen. So wie eine 2000 Quadratmeter große Villa, einst ein Verwaltungsgebäude – „in der die Nazis zu Mittag speisten, während vor dem Fenster die Häftlinge im Steinbruch verreckten“, bringt er die Wahrheit schonungslos auf den Punkt.
Ein Memory-Lab soll die Verbrechen sichtbar machen. Es werde auch eine Aufforderung, die herrschende Erinnerungskultur in Frage zu stellen, sagt Skriebeleit. Der Gedenkstättenleiter führt in den großen Gefolgschaftssaal, wo Kinovorführungen und Kunstprojekte stattfinden. Als die Holzvertäfelungen abgenommen wurden, kam ein Wandfresko zum Vorschein, das die Allmachtsfantasien widerspiegelt. Die Gesichter derer, die sich als stolze deutsche Handwerker oder Hitlerjungen porträtieren ließen, wurden herausgekratzt, so wie auch die Hakenkreuze. „Aber wir kennen die Namen.“
Bis die neuen Flächen erschlossen sind, wird es noch dauern. Die mit Kosten von 8,6 Millionen Euro veranschlagte Sanierung sei „in halbtrockenen Tüchern“, so der Gedenkstättenleiter. Freistaat Bayern und der Bund würden sich die Kosten teilen. In Bayern sei die Maßnahme im Haushalt eingestellt. Der Bund habe das Memory Lab zwar inhaltlich genehmigt, man müsse aber nun sehen, ob die Gelder wegen der Schuldenbremse in diesem Jahr zur Verfügung gestellt werden können. „Wenn nicht, könnte der Freistaat in Vorleistung gehen“, sagt Skriebeleit.
„Ein bedrückendes Gefühl“
Es geht zurück auf das erschlossene Gelände in die ehemalige Wäscherei, wo die multimediale Dauerausstellung Schicksale von Häftlingen in den Blick nimmt. Eine Klasse der Berufsoberschule Regensburg lauscht mucksmäuschenstill den Berichten. „Je weiter man durch die Ausstellung läuft, desto mehr stellt sich ein bedrückendes Gefühl ein. Desto mehr spürt man, was an diesem Ort geschehen ist“, fasst ein Schüler zusammen. Und eine Mitschülerin ergänzt: „Hier wird uns vor Augen geführt, was mit dem Spruch ‘Nie wieder ist jetzt‘ bei den aktuellen Demonstrationen gemeint ist.“ Skriebeleit sagt, dass ihn das Interesse der jungen Leute sehr berühre. In Flossenbürg sei nicht nur ein zurückkehrender Antisemitismus spürbar. „Es ist auch ein Ort, der viele Menschen mobilisiert, die sich im Kampf für die Demokratie einsetzen.“
