Einer aus dem Landkreis Cham, der viele Fäden in der Hand hielt – Theo Zellner wird 75

„Beim 75. Geburtstag öffnet sich ein Fenster, durch das man zurückschaut“, sagt Theo Zellner, der dieses Ereignis an diesem 1. Februar feiern kann. Und was er entdeckt, sind die Fundamente dessen, was ihn immer angetrieben hat, der Treibstoff für bewegte Jahre in ganz unterschiedlichen Verantwortungen: „Es geht mir immer um die Menschen!“
Und offensichtlich nutzt Chams ehemaliger Landrat nicht nur Geburtstage, um von Kindheit und Jugend zu erzählen. „Gell, Opa, weißt‘ noch früher...“ , sagen da schon einmal die beiden Enkelkinder etwas süffisant. Theo Zellner macht heute wie alle Opas die üblichen Erfahrungen. Er wolle wissen, was die 16- und der 14-jährige Nachwuchs denn einmal machen wollen, beruflich und so, erklärt der Opa. Offensichtlich ist er da so hartnäckig wie als Bayerns Sparkassenverbandschef im Kampf um die BayernLB – „Opa, du nervst!“, heißt es dann vom Zellner-Nachwuchs.
In der Debatte um die Sparkassen in Bayern lautete manche Antwort ähnlich. „Euer Förderalismus interessiert mich nicht!“, habe Joaquín Almunia, spanischer EU-Wettbewerbskommissar 2009 in der Bankenkrise, zu ihm gesagt. Die BayernLB, die zur Sparkassenlandschaft gehört, war 2009 nach einem Milliardeninvest in den maroden Bankenkonzern Hypo Alpe Adria ins Trudeln geraten.
Es sei um 10 Milliarden Euro gegangen – davon hätten die Sparkassen in Bayern fünf tragen sollen. „Da ging es um deren Existenz“, so Zellner, der damals Landkreistagspräsident war. Er habe sich als solcher in der Verantwortung gesehen, nachdem sein Vorgänger auf dem Chefposten zurückgetreten war.
Die schwierigste Aufgabe
„Das war eine der schwierigsten Aufgaben!“, sagt er. Er habe das Amt übernommen, weil die Sparkasse zur Daseinsvorsorge der Kommunen gehört: „Ich musste es machen!“ Es sei ein Vierfrontenkrieg gewesen: der Landtag, der die Sparkassen bluten lassen wollte, die Sparkassen, die überleben wollten, der Bund für Beihilfen und Europa mit Wettbewerbskommissar Almunia.
Der wollte die Banken zahlen lassen und dazu die Struktur zerschlagen. Am Ende, als der Blaibacher vom Verhandlungstisch in Berlin und Brüssel mit Merkel, Almunia und Schäuble aufstand, zahlten Bayerns Sparkassen „nur“ 1,65 Milliarden Euro, bekamen aber auch 25 Prozent an der BayernLB und die Landesbausparkasse dazu. Er habe da keine Angst gehabt – „die Bodenhaftung, zu wissen, wo man herkommt, macht stark.“ Kritikern seines damaligen Weggangs hält er entgegen, dass er es wieder machen würde, „weil es wichtig war!“
Zuvor im Amt des Landkreistagspräsidenten habe er auch spannende Leute kennengelernt, etwa mit Frank-Walter Steinmeier, dem heutigen Bundespräsidenten und damaligen Kanzleramtsminister, über die HartzIV-Gesetze und deren Umsetzung auf kommunaler Ebene diskutiert.
Dass er einmal auf die Straße gegangen ist, damals in den wilden 68ern, um den Muff von 1000 Jahren durchzulüften, sieht er nicht als Widerspruch zu seiner konservativen Haltung. Er sei zu der Zeit Jahrgangssprecher und Klassensprecher gewesen, am Humanistischen Gymnasium in Cham. Es sei an der Zeit gewesen, gegen den Stillstand zu protestieren. Wegweisend war für ihn neben dem Blaibacher Elternhaus sein Lehrer Konrad Hecht, der Griechisch und Latein unterrichtete und mit seinen Schülern die übersetzten Texte debattierte: „Da ist es oft um Politik gegangen!“
Und es hätten sich Parallelen zur damaligen Nachkriegszeit aufgetan, die die Chamer Gymnasiasten zum offenen Protest animierte. „Aber Rudi Dutschke war da weit weg“, lacht Zellner, rebellisch seien sie dennoch gewesen. Heute sei es wieder Zeit, auf die Straße zu gehen – gegen Rechtsextremismus und AfD. Als junger Geschichtslehrer an der Hauptschule in Kötzting sei er mit den Abschlussklassen immer nach Berlin gefahren, habe sich die Mahnmale der Naziherrschaft mit den Schülern angeschaut, den Bendlerblock, Plötzensee und die Villa, wo die Wannsee-Konferenz stattfand. Gerade diese Fahrten seien den ehemaligen Schülern bis heute im Kopf geblieben.
Daher plädiere er für mehr Sozialkundeunterricht und Geschichte an den Schulen. „Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas nochmal kommt!“, sagt er mit Blick auf die Hassreden der AfD: „Die verbauen die Zukunft meiner Enkelkinder!“ Auch den blühenden Nationalismus in Europa kann er nur schwer ertragen. „Ich habe nicht die Gelassenheit, dass das so einfach an mit vorbeigeht“, sagt er.
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Der gebürtige Blaibacher ist im Handwerksbetrieb des Großvaters großgeworden, da der Vater bereits gestorben war. Zuhause sei es bei seiner Mutter und dem Großvater wie später seinem Stiefvater viel um Politik gegangen, erinnert er sich. Der Großvater war Mitgründer der CSU in Blaibach. „Einmal habe ich es gewagt, mir das SPD-Programm zu holen – da war was los!“
Sozialisiert im Glauben und in der Kirche in Blaibach habe für ihn seine Mutter bestimmt, dass er das Abitur macht. Nach einem „ganz tollen“ Lehramtsstudium sei er 18 Jahre Lehrer gewesen und immer politikinteressiert, sei früh über die Junge Union, dann die CSU in den Stadtrat, ins Kötztinger Bürgermeisteramt und schließlich als Landrat gewählt worden, „was nie mein Ziel war. Man ist da so reingewachsen.“ Der ländliche Raum sei sein Thema gewesen: „Ich wollte dem Landkreis ein neues Selbstbewusstsein geben, dass es nicht immer nur heißt: Die da hinten ....“
Vor allem über die Wirtschaft, die er förderte, wo es ging. Er beschleunigte das Verfahren für Bauanträge von Firmen. Das trug vielerorts Früchte beispielsweise im Mechatronik-Projekt – der ehemalige „Kältepunkt“ der Republik in Sachen Jugendarbeitslosigkeit begann zu schmelzen. Aus dem Lehrerstudium nahm er eine für ihn zentrale Weisheit von SPD-Politiker Carlo Schmid mit: Macht ist nur zeitgegeben. „Das muss man wissen, wenn man in die Politik geht“, sagt Zellner. Das schönste seiner vielen Ämter sei der Landratsposten gewesen. Der Mensch sei bei ihm vor der Vorschrift gekommen. Es galt, Spielräume im Gesetz zu nutzen, um den Vorhaben der Chamer so weit wie möglich entgegenzukommen.
Das Ehrenamt begeistert ihn
Nach Landrat und Sparkassenverbandspräsident wechselte er zum BRK als Präsident. Hier erwartete ihn mit der Flüchtlingskrise 2015 und später mit Corona viel Arbeit. „Die wichtigste Erfahrung ist hier das Ehrenamt“ – allein im Landkreis seien es 3000 BRKler, die mithelfen würden. 2021 trat er vom BRK-Chefposten zurück, führt seitdem den BRK-Kreisverband. „Die Menschen lassen sich begeistern, man muss sie nur zusammenbringen“, so seine Erfahrung.
Theo Zellner kann vieles, nur bei einem tut er sich schwer: sich der Kunst hinzugeben. Mehr als ein Strichmännchen bekomme er nicht hin. Das wird auch mit 75 so bleiben, wo Gleichaltrige schon einmal ihre Freizeit mit Malerei füllen. Lesen liege ihm da mehr, gerade sei er bei Robert Harris‘ neuem Krimi Königsmörder. Er reise gern – zuletzt zum Indian Summer und nach Boston in den USA.
Und wenn er heute an seinem 75. durchs Fenster zurückschaue, sei es vor allem Dankbarkeit für alles Gute, was er erfahren durfte, für seine Frau Inge und die Familie. So bleibt sein Wunsch nach Gesundheit für alle und einer guten Zukunft für die Enkelkinder Katharina und Lukas.
Aus Blaibach in die Welt
Leben: Geboren am 1. Februar 1949 in Blaibach und aufgewachsen im Malerbetrieb des Großvaters absolvierte er nach dem Abitur ein Lehramtsstudium, arbeitete 18 Jahre in dem Beruf bevor er seine Karriere in der Politik, bei der Sparkasse und dem BRK startete.
Familie: Bereits im Studium, kurz vor Ende, heiratete er seine Inge, die er bereits auf der Fahrt zur Schule nach Cham kennengelernt hatte. Das Paar bekam zwei Söhne, einer verstarb früh. Heute haben sie zwei Enkelkinder und wohnen in Bad Kötzting.
Ehrungen: Zahllose Auszeichnungen bekam er in seiner Laufbahn, darunter die Kommunale Verdienstmedaille, den Bayerischen Verdienstorden und 2011 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Vereine: Er und seine Frau Inge sind in über 30 Vereinen und Verbänden Mitglieder, oft schon Ehrenmitglieder, wie etwa beim BRK oder den Kreisfeuerwehren.



