Demo in Mainburg: Bürger zeigen buntes Gesicht für Vielfalt und gegen rechts

Bis zu 600 Menschen haben am Sonntag vor dem Mainburger Rathaus gegen Rechtsextremismus und für Demokratie und gesellschaftliche Vielfalt demonstriert. Die Versammlung verlief friedlich, wie die Polizei vor Ort bestätigte.
Die Demonstration sollte sich laut den Organisatoren, Michael Höller und Kim Krojer nicht explizit „gegen rechts“ richten. Die beiden Mainburger Bürger hatten ein „Bündnis aus der Mitte der Gesellschaft“ – Parteien, Kirchen, Moscheen, Vereine – geschaffen. Dennoch war Rechtsextremismus ein wichtiges Thema . Das wurde auf Schildern – „bunt statt braun“, „Menschenrechte statt rechte Menschen“ – und in den Redebeiträgen deutlich.
Zahlreiche Demos gegen Rechts: Wo in Bayern am Wochenende überall protestiert wird
Hanns Georg Seidl, ehemaliger Geschichtslehrer und Rektor in Mainburg und Autor des Buches „Mainburg unterm Hakenkreuz“, zog Parallelen zwischen dem derzeitigen Erstarken rechter Parteien wie der AfD und dem Aufstieg des Nationalsozialismus. So heißt der Platz vor dem Rathaus heutzutage einfach „Marktplatz“ – das war aber nicht immer so. „Sie ahnen, wo Sie stehen: Ja, das war damals der Adolf-Hitler-Platz“, sagte Seidl in seiner Rede. Die NSDAP-Ortsgruppe sei 1929 im Gasthaus gegenüber gegründet worden. Seidl erinnerte daran, wie schnell eine Zivilgesellschaft kippen kann. „In einem halben Jahr wurde die Demokratie in Mainburg abgeschafft“, sagte er. Nach dem Krieg sei das Geschehene dann verdrängt worden, mahnte Seidl: Etwa dass der TSV beim NS-Kult um den militant rechten Aktivisten Albert Leo Schlageter mitgemacht oder der Alpenverein in Mainburg einen Arier-Paragrafen eingeführt hatte. Er erinnerte an die 16 Mainburger, die ins Konzentrationslager Dachau deportiert wurden und die einzige Mainburger Jüdin, Paula Göring. Im Januar 1944 wurde sie laut Seidl ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie unter ungeklärten Umständen starb.
„Remigration“ war Thema
So etwas wie das Erstarken des Nationalsozialismus sei heute „in Ansätzen“ zu erkennen, sagte Seidl. Zahlreiche Demonstranten nahmen Bezug auf die Enthüllungen der Rechercheplattform Correctiv, die Anfang Januar für Aufsehen gesorgt hatten und mit als Auslöser für die Demo-Welle gegen rechts gelten dürfte.
„Sie ahnen, wo Sie stehen: Ja, das war damals der Adolf-Hitler-Platz.“
Hanns Georg Seidl, Autor „Mainburg unterm Hakenkreuz“
AfD-Politiker hatten demnach an einer Konferenz teilgenommen, bei der es auch um „Remigration“ ging – ein rechtes Konzept zur Rückführung von Zugewanderten. Auf der Demo in Mainburg hielten Simona Borchert, Franziska Betzenbichler und Weronika Gorgul ein Schild mit der Aufschrift „Remigriert euch ins Knie“ hoch. Die Correctiv-Recherche hatte bei den drei jungen Frauen aus Wolnzach für Entsetzen gesorgt. „Mich macht das wütend“, sagte Betzenbichler unserer Zeitung. „Wir waren schon einmal an dem Punkt und das brauchen wir nicht noch mal..“ „Das ist ein No-Go“, sagte Mainburgs Bürgermeister Helmut Fichtner (FW) über Remigration.. „Migration gehört seit Jahrzehnten zu unserer Stadt dazu.“
Die Enthüllungen hatten vor allem bei Menschen mit Migrationsgeschichte Sorgen ausgelöst. Mainburg ist für seinen hohen Anteil türkischstämmiger Bürger bekannt. Eine von ihnen ist Gamze Caglar. Sie ist in der Mainburger ÖDP aktiv. In ihrer Rede thematisierte sie ihre vielfältige Identität: „Spreche ich heute als Türkin, als Muslima, als Gastarbeiterkind der dritten Generaton – oder einfach nur als Mainburgerin?“
Demo gegen rechts: Bürger singen gemeinsam
Caglar sagte, sie identifiziere sich mit all diesen Begriffen. Sie rief dazu auf, wählen zu gehen und eine starke Gemeinschaft für Vielfalt und gegen Ausgrenzung zu bilden. Sie kritisierte, dass Gastarbeiter, die teils seit Jahrzehnten in Deutschland leben, aber noch den türkischen Pass haben, nicht wählen dürften – das schwäche die Zivilgesellschaft.
Zum Ausklang der Veranstaltung sang die 24 Jahre alte Mainburger Liedermacherin Sophia Ermeier eine Abwandlung des Protest-Liedes „Hejo, leistet Widerstand“. Der Begriff Widerstand sei ihr zu konfrontativ gewesen, daher hatte sie den Text abgewandelt: „Menschen, nehmt euch an der Hand, für Liebe, Frieden, Vielfalt hier im Land“. Zahlreiche Mainburger stimmten spontan mit ein.


