Markus Lüpertz zeigt sich als Teufelskerl der Künste mit auch zarteren Seiten

Markus Lüpertz zeigt in der Regensburger Galerie Art Affair neue Arbeiten in „Schwarz & Weiß“ – der große Auftritt eines großen Künstlers ist inklusive.
Dass dieser Markus Lüpertz, der Ende April 83 Jahre alt wird, Diabolisches an sich hat, das trägt er unübersehbar vor sich her. Allein der elegante Dreiteiler mit langem Mantel, sein Hut, das Einstecktüchlein, seine Kettchen, Ohrringe, Fingerringe, sein reichlich ornamentierter Gehstock – all diese Accessoires, sie betonen seinen Willen zur Inszenierung als Teufelskerl der Künste und als Magier. „Ich bin Markus, der Bildermaler – Markus, der Meister!“, wird er an diesem Abend vor seinen Bewunderern kokettieren. Und bestätigt damit ein Selbstbild, das er beschwört, wenn er in Interviews den Künstler als solchen (und damit natürlich sich selbst) höher positioniert als Gott. Sein Gastspiel in der Galerie „Art Affair“ neben dem Alten Rathaus, es gleicht einem Wortgottesdienst, einer intensiven Andacht in der nur minimal illuminierten Kutschdurchfahrt neben den Galerieräumen. Dem Hausherrn Karl-Friedrich Krause kommt dabei die Rolle des Mediators zu, dessen Auftrag es ist, die kunstgöttliche Botschaft weiterzutransportieren, an die versammelte Gemeinde der Gläubigen.
Die Seele der Skulptur
Natürlich ist er, der neben Georg Baselitz und Gerhard Richter wohl der berühmteste lebende deutsche „Bildermaler“ ist, unzufrieden, was die Wahl des Ausstellungstitels anbelangt. Aber Granteln und raunende Rechthaberei machen diesen gebürtigen Böhmen, der mehr als zwei Jahrzehnte lang Rektor der Akademie in Düsseldorf war, ebenso aus wie eine aus dem Nichts auftauchende, unvermittelte Großzügigkeit: Ja, ja – so signalisiert er mit großer Geste, „Schwarz & Weiß“, das treffe schon in etwa das, was er hier zu präsentieren habe. Denn schließlich sei dieser denkbar größte Helldunkel-Kontrast das Mittel seiner Wahl, um einzutauchen, in die Gegenwelt der Schatten.
Fasziniert sei er gewesen, als er im Hof seiner Gießerei die Entdeckung gemacht habe, dass Schatten Geheimnisse bergen. Und damit auch die Chance, auf eine altbekannte Skulptur einen völlig neuen Blick zu werfen. „Ich hab‘ dann ein Brett hingeschoben und die Linien nachgemalt – und dabei entdeckt, dass sich meine Harlequin-Statuen dafür hervorragend eignen.“
Und dann sagt dieser Markus Lüpertz, der schroff sein kann und nicht nur Spott und Häme dazu nutzt, sich zu wappnen, gegen Kritiker – plötzlich etwas sehr sehr Schönes und Sensibles: „Das war irgendwie, als hätte ich die Seele meiner Skulpturen eingefangen!“ Tapfer erkämpft er sich aber den Mephisto-Status zurück und weigert sich, diesen aus hohler Hand geschaffenen Eindruck des Guten ad infinitum zu prolongieren. „Egal, was ich dafür kriege – ich würde gerne meinen Schatten verkaufen. Ich glaube, ich kann ohne Schatten leben.“
Peter Schlemihl, die von Adelbert von Chamisso geschaffene Märchenfigur, sie schmeißt am Ende das nie versiegende Säckel Gold, das er als Lohn erhalten hatte, für den Verlust seiner Kontur, in den Abgrund. Und kauft sich so frei, von dem Fluch. Um bereit zu sein, für die Liebe zur schönen Mina. Lüpertz aber inszeniert sich als Einzelgänger, der seine Souveränität aus höchst eigenem Willen schöpft. Den Schatten möchte er „eine eigene Präsenz verleihen, ein Eigenleben“. Er liebt das Dunkle, das Numinose und Unbegreifliche, egal, ob er seine verzerrten Harlequin-Abbilder in einem komplexen Aquatinta-Verfahren in Szene setzt. Oder ob er sich in seiner Graphik-Serie „Tosca“ von der Landschaft des mittleren Italien inspirieren lässt, dort, in der Toskana, wo er ein Haus hat und „unentwegt malt, auch wenn nebenbei der Fernseher läuft“. Auf keinem der Bilder fehlt der Totenschädel als „memento mori“ – also als Erinnerung daran, dass auch Kunstgötter irgendwann einmal abtreten müssen, von der irdischen Bühne. Nie aber ist der Schädel allein, stets gesellt er ihm Kompagnons bei, sei es eine Ananas, eine Steinkugel, Knaben oder Mädchen, ein Schneckenhaus oder „ein alter Hut“. Und so werden plötzlich in dieser Inszenierung des Monochromen auch Zwischentöne erkennbar: Der heitere Lüpertz. Der Ironiker. Derjenige, der sich selbst in Frage stellt. Der die Augenbraue zückt und leise lacht, wenn er sich als „Meister“ bezeichnet. Und so öffnet er das Tor, hin zu seinen „bunten“ Arbeiten, wie den dem dionysischen Figurenkanon entspringenden Mänaden. Eine Frau aus der Besucherschar steht ganz fasziniert vor den beiden bunten Krähenbildern und bekennt: „Das weiß ich jetzt schon, dass ich nächste Woche reinkomme, auf eine halbe Stunde, und mir diese Bilder anschauen werde!“
Besondere Vögel
Auch das hat er also zu bieten, dieser Kraftmensch Markus Lüpertz: dass die von ihm so bewunderten Krähenvögel zum Quell des Trostes und der Freude werden, für andere. Wenn Lüpertz dann aber aus Brehms Tierleben zitiert und berichtet, wie die Krähen ihre Konkurrenten, die Adler, besiegen, dann ist klar: Auch das ist nur die halbe Wahrheit. Erst Schwarz und Weiß in Kombination, sie lassen ein ganzes Bild von ihm entstehen.