28-Jährige tauscht sonniges Strandparadies gegen harsche Winterwelt

Von Christoph Klöckner · 23. Januar 2024 um 17:00

Dort, wo es in ihrer Rodinger Wohnung so kalt ist wie gerade draußen vor der Tür, im Kühlschrank, da wartet ein Stück Heimat, was irgendwie alt und neu bei Hellen Rodriguez vereint: eine Cerveza Cubana, ein Bier aus Kuba. Ihr Lieblingsfeierabendgetränk aus der alten Heimat ist gleichzeitig das Nationalgetränk ihrer neuen Heimat, wie auch der Schweinsbraten hier wie dort Nationalgericht ist. Denn die 28-Jährige hat sich 2023 im Landkreis einbürgern lassen – sie ist eine von 240 neuen Chamern, die 2023 den deutschen Pass bekamen.

Und gerade jetzt, wo die dunklen Regenwolken am Himmel stehen, Blitzeis und Schneeschauer gepaart mit dem Böhmischen das Draußen gräulich werden lassen, muss man sie nach dem „Warum“ fragen. Denn, da wo sie herkommt, lacht immer die Sonne, lockt der weiße Strand und der Longdrink unterm Palmendach. Also: Warum wechselt man vom Urlaubstraumland ins kalte Deutschland, wo doch – zumindest im TV – die Richtung eigentlich umgekehrt ist?

Die Antwort fällt der 28-Jährigen nicht schwer und teilt sich in zwei Gegensatzpaare – Deutschland, oder besser Bayern, sei immer ihr Traumziel gewesen – während sich Kuba immer mehr zum Alptraum entwickelt habe. „In Kuba ist es immer warm und es scheint die Sonne. Dort gibt es die schönsten Sonnenuntergänge“, beschreibt sie – „und das ist oft auch das einzige Licht, was da ist!“

Denn was Urlaubern als Traumland präsentiert werde, sei für die meisten Kubaner eine schwierige Heimat, aus der es nur selten ein Entkommen gebe. „Strom und Wasser gibt es nur zeitweise“, erläutert sie. Und alles werde in dem sozialistischen Einparteienstaat kontrolliert und überwacht: „Selbst die Farbe, mit dem du dein Haus streichst!“

Man dürfe nichts Falsches sagen, müsse genau aufpassen, was man mache und mit wem. Die Mangelwirtschaft mache die Menschen aus der Not heraus zu Werkzeugen der Herrschenden: „Wer die Nachbarschaft ausspioniert, bekommt etwas mehr Reis“, so Hellen Rodriguez. Als ihre Mutter krank geworden sei, habe sie dem Arzt immer Fisch, Fleisch oder Ähnliches mitgebracht, um gut behandelt und gesund zu werden. Die Lebensqualität in dem Land sei miserabel, werde immer schlechter, „eine Katastrophe!“, sagt sie.

Hellen Rodriguez hat es geschafft, die Insel zu verlassen. Geholfen hat ihr dabei ihre Tante, die schon lange in Roding wohnt und hier verheiratet ist. Sie hat 2015 für ihre Nichte eine Ausbildung zur Elektronikerin bei der Rodinger Firma Mühlbauer besorgt, damit sie herkommen konnte. Nur dadurch war die Aus- und Einreise möglich –„mein Plan B war die Flucht“, sagt sie. Als sie dann 2018 mit ihrem Rodinger Freund, den sie beim Volksfest kennengelernt hat, auf Reisen gehen wollte, wurde der kubanische Pass zum Hindernis. Denn überall hätte sie ein Visum gebraucht – so ging nur dorthin, wo auch sie ohne Probleme einreisen konnte.

Und weil sie sich schnell eingelebt und auch schnell ans Bayerische „angepasst“ hat, wie sie sagt, und sich wohlfühlt, war die Einbürgerung und der Weg zum deutschen Pass das nächste Ziel: „Ich liebe die bayerische Kultur, die Werte, die Menschen und die Traditionen!“ Sie habe die Deutschen als kalt und hochnäsig erwartet, wie die Klischees vorgäben, „doch hier war von Anfang an alles total schön, die Leute haben mich überall freundlich gegrüßt und aufgenommen!“

Das einzig schwierige hier, was ihr auch nach neun Jahren echte Probleme bereitet, ist die deutsche Pünktlichkeit, wie auch Freund Alex Zimmerer bestätigt. „Wenn wir in Kuba sagen, wir treffen uns um vier, kommen die ersten um sechs!“, sagt sie. Hier dagegen sei vier gemeint, wenn vier gesagt werde. Sie kämen daher meist zu spät – schon einmal zwei Stunden. „Zum Glück habe ich in der Arbeit Gleitzeit“, lacht sie.

Von Heimweh ist sie so weit entfernt wie Kuba von Deutschland: „Das einzige, was ich vermisse, sind meine Eltern!“ Denn ihre Schwester ist nun auch hier und macht eine Ausbildung bei Mühlbauer. Sie sei mit offenen Armen empfangen worden, „die Rodinger sind so nett!“, sagt sie. Es sei alles schön in der Stadt – ihr Heimatort sei ähnlich groß wie Roding gewesen und Deutsch sei einfacher als Englisch.

Und wenn sie doch einmal kommt, die Sehnsucht nach Sonne und Strand, wartet ja noch etwas Heimatgeschmack auf sie im Kühlschrank.

Hellen Rodriguez mit Freund Alex Zimmerer un weiteren Freunden beim Besuch in Kuba. Fotos: H. Rodriguez
Sie liebt bayerische Traditionen mit Festen, Dirndln, Lederhosen – und natürlich dem Bier dazu.