Ihre Wähler werden jünger: Wie TikTok und Krisen der AfD den Weg ebnen

Die AfD boomt – vor allem bei jungen Menschen. Während fast alle Parteien bei den bayerischen Landtagswahlen Stimmen einbüßen mussten, gewann sie 4,4 Prozent Neuwähler. 16 Prozent aller Kreuze für die AfD setzten Menschen unter 25. Was macht die Partei für junge Wähler attraktiv?
Manch einen mag es überraschen, aber die AfD ist unter den Jungen beliebter als bei den über 70-Jährigen. Von allen AfD-Wählern waren 34 Prozent zwischen 18 und 34 – aber nur sieben Prozent waren 70 Jahre oder älter. Junge Leute wählen also ausgerechnet eine Partei, die für konservative Werte steht, sich für eine starke Begrenzung von Migration stark macht und gleichgeschlechtliche Ehen verbieten will. Eine Partei, die vor populistischer Hetze nicht zurückschreckt und in Teilen gesichert rechtsradikal ist. Warum entscheiden sich junge Menschen für die AfD? Und wie gefährlich ist diese Entwicklung aus demokratischer Sicht?
Donnerstag. 16.30 Uhr am Alex-Center im Regensburger Norden. Vier Monate nach der Landtagswahl in Bayern. Im Stadtteil Konradsiedlung-Wutzlhofen haben im Oktober fast 27 Prozent und in Reinhausen mehr als 22 Prozent AfD gewählt. An diesem Nachmittag im Januar sprechen einige Menschen offen über ihre Wahlentscheidung. Auf das traditionelle Wahlgeheimnis legt die jüngere Generationen offenbar nicht mehr viel Wert.
Eine junge Deutsche, 20 Jahre alt, hat bei der vergangenen Landtagswahl die AfD gewählt. Es sind ihr „zu viele Ausländer“. An sich habe sich nichts gegen Ausländer, aber „wenn mir fremde Männer hinterherpfeifen, geht das gar nicht“. Mit dem Wahlprogramm der AfD habe sie sich bisher nicht auseinandergesetzt, gibt sie ehrlich zu. Aber ihre Freunde, die würden auch alle AfD wählen.
Auf einer Bank sitzen zwei Jungs und essen Fast-Food. Es stellt sich heraus, sie sind erst 16 und 17 Jahre alt. Ob sie sich denn schon mal mit politischen Parteien befasst haben? Sie schütteln den Kopf. Wenige Sekunden später ruft einer „AfD!“ – Für sie offenbar ein Spaß.
Apropos Spaß: Eine oberbayerische Schule, die nicht näher genannt werden will, hat das potenzielle Wahlverhalten einiger Schüler evaluiert. Demzufolge trifft eine Mehrheit, die angab, der AfD ihre Stimme zu geben, diese Wahl „aus Spaß“.
Zulauf zu Grünen und FDP kehrt sich um
Prof. Dr. Ursula Münch ist Direktorin der Akademie für politische Bildung in Tutzing. Für sie kommt die Zunahme an Jungwählern für AfD nicht überraschend, aber in ihrem Ausmaß unerwartet. „Die AfD weckt immer öfter Interesse bei Erstwählern. Dieses Phänomen kennen wir von jungen Männern aus Ostdeutschland schon länger, aber die Bayerische Landtagswahl hat gezeigt, dass es hier eine ähnliche Entwicklung gibt“, so Münch. Der Zulauf der Generation Y – auch bekannt als Millennials – über den sich 2018 noch die Grünen und die FDP freuen konnten, kehrt sich offenbar um.
„Grundsätzlich profitieren extremistische und populistische Parteien von Krisen“, sagt Münch. Heißt konkret: Die AfD gewinnt unter anderem Stimmen, weil Menschen angesichts aktueller Krisen verunsichert, besorgt oder ängstlich sind.
Für junge Wähler komme aber ein weiterer Faktor hinzu: Social Media – oder besser gesagt TikTok. Auf der Plattform, die hauptsächlich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen genutzt wird, hat die AfD die etablierten Parteien abgehängt. Mit 389 Tausend Followern und 6,6 Millionen Likes ist sie Spitzenreiter. Neben diversen Videos, die hitzige Ansprachen und Forderungen im Bundestag zeigen, kursieren auch zahlreiche Beiträge einzelner AfD-Mitglieder, in denen sie die Bundesregierung ins Lächerliche ziehen und Sachverhalte oder Entwicklungen überspitzt darstellen.
Und weil das Geschäftsmodell von TikTok so gut zur Strategie der AfD passt – komplexe Themen simpel, aber überspitzt darstellen – herrsche eine Art Waffenungleichheit, sagt Münch. Aber: „Ich rate dringend davon ab, dass seriöse Parteien auf diesen Zug des Wahlkampfes aufspringen.“ Denn die Konsequenz wäre, dass die AfD die Spielregeln bestimmt.
Halbwahrheiten und Desinformation kursieren auf Social Media
Das Problem in Münchs Augen: Die klassischen Medien erreichen junge Menschen nicht mehr und die fehlende Kontrolle, was junge Menschen in sozialen Medien konsumieren, macht ihr Sorgen. „Es wird zu einem immensen Problem, wenn sich nur noch Halbwahrheiten und Desinformationen verbreiten.“ Dem etwas entgegensetzen müssten vorrangig Schulen. Münch fordert: Förderung von politischer Aufklärung und Medienkompetenz . Aber auch die Medien selbst seien in der Pflicht, junge Leser anzusprechen und von ihrer Arbeit zu überzeugen.
Einen Kommentar zum dem Thema finden Sie hier: Gefährliche Wissenslücke – Wer übernimmt Verantwortung?
Mit jungen AfD-Wählern macht auch der Präsident des bayerischen Jugendrings, Philipp Seitz, hin und wieder Erfahrung. „Die haben das Gefühl, von der Politik nicht erst genommen zu werden“, berichtet er. Ein Beispiel: Während der Corona-Pandemie sei in Debatten über Regeln und Verbote immer nur von Schülern die Rede gewesen. „Da stellte sich die Politik nur die Frage: Distanzunterricht – ja oder nein? Dass die Pandemie auch – und das für die Jugendlichen vorrangig, – die Freizeit massiv eingeschränkt hat, wurde in aller Regel außer acht gelassen“, so Seitz.
Dieses Argument spricht für eine Wahl aus Protest. Seitz vermutet aber noch einen anderen Grund: Die Suche nach einfachen Antworten. Weil junge Wähler in ihrem Leben – im Gegensatz älteren Generationen – noch nicht die Erfahrung gemacht hätten, dass „Krisen auch wieder vorübergehen“, wünschten sie sich einfache und schnelle Lösungen. Und die liefert die AfD.
Auch Menschen mit Migrationshintergrund wählen AfD
Zurück im Alex-Center: Ein junger Mann, 20 Jahre alt, bislang Nicht-Wähler hat eine klare Meinung. „Das nächste Mal wähle ich die AfD!“ Er habe selbst Migrationshintergrund, aber die „ganzen Ausländer, die Sozialschmarotzer“ würden überhandnehmen. Er fühle sich von der Regierung nicht gesehen . Die AfD sei „etwas radikal“, aber er finde das notwendig, damit „die Probleme gelöst werden“.
Ein junges Paar, beide 25, reagiert bei der Frage nach ihrer Wahlentscheidung missmutig. „Ich will darüber eigentlich gar nicht reden“, sagt der Mann. Er redet dann doch: „Ich gehe nicht wählen, aber wenn, würde ich die AfD wählen!“. Er bleibt einen Moment stehen, scheint zu überlegen. Entscheidet sich dann dagegen, mehr zu sagen. Seine Freundin fügt noch rasch hinzu: „Die Flüchtlingspolitik geht gar nicht, deswegen würde ich die AfD wählen.“
Ein ziemlich radikales Bild scheint sich abzuzeichnen. Allerdings gibt es auch die andere Seite: Viele Leute treffen an diesem Tag im Alex-Center Aussagen, die sich klar gegen die AfD positionieren. Sie geben an „niemals die AfD“ wählen zu wollen. Aber auch aus diesen Gesprächen geht hervor: Die jungen Wähler sind sich in ihrer politischen Meinung oft unsicher. Manch einer kann sich gar nicht erinnern, wo er bei der vergangenen Wahl sein Kreuz gesetzt hat. Eine Frau, 23, studiert Elektrotechnik. Sie selbst hat die Grünen gewählt, weiß aber: Kommilitonen haben der AfD „aus Protest“ ihre Stimme gegeben.