Wochenbett-Depressionen: Tausende Eltern sind davon betroffen – aber niemand spricht darüber

Von Daniela Laitinen · 17. Januar 2024 um 12:19

15 Prozent aller frisch gebackenen Mütter, bei den Vätern sind es etwas weniger, entwickeln im ersten Jahr nach der Geburt eine Wochenbett-Depression. Aber die Dunkelziffer ist viel höher, erfährt man in der Hedwigslinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Barmherzigen Brüder in Regensburg. „Weil es immer noch ein Tabu-Thema ist.“

Es war eigentlich eine Bilderbuch-Schwangerschaft, erinnert sich Susanne, 36, aus Deggendorf. Keine Schmerzen, keine Essgelüste, keine launischen Verstimmungen. Auch die Geburt ihres Sohnes Luis im März 2022 war fast völlig schmerzlos, nur ein Piksen im Rücken in regelmäßigen Abständen. Ihr Mann fährt sie ins Deggendorfer Klinikum, kurze Zeit später ist der Nachwuchs da. Ein strammer Bub, kerngesund.

Zusammen mit Tochter Lisa, die gerade erst vier geworden ist, scheint das Glück der jungen Deggendorfer Familie perfekt. Das Baby ist ruhig, schläft fast schon durch. Anders als bei ihrer Erstgeborenen klappt es bei Luis sogar mit dem Stillen. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, heute ist sich Susanne da nicht mehr sicher, ändert sich ihre Stimmung nach etwa fünf Wochen. „Das Still-Thema hat mich belastet.“ Weil sie, als sonst sehr organisierter Mensch, nie sagen kann, wann der Bub das nächste Mal Hunger hat, wann sie ihn wieder anlegen muss. Das Stillen macht einen Tagesplan unmöglich. „Life-Event“ nennt man das im Fachjargon, sagt Prof. Dr. Sara Fill Malfertheiner, bis Jahresende Geschäftsführende Oberärztin an der Klinik St. Hedwig in Regensburg. Es handelt sich dabei um ein Ereignis, dass das Leben verändert - oftmals auf belastende Art.

In nur zwei Wochen komplette Wandlung

Dazu kommt bei Susanne das bedrückende Gefühl, nicht beiden Kindern gerecht werden zu können. Innerhalb von nur zwei Wochen wird aus der sonst so lebensfrohen Frau ein komplett anderer Mensch. „Ich lag nachts wach und versuchte einen Plan für den nächsten Tag zu machen, wissend, dass er sowieso nicht funktionieren würde.“

„Ich war kurz davor, meine Kinder an die Großeltern abzugeben, weil ich mich nicht mehr kümmern konnte und auch nicht mehr wollte.“ Ihre Schwester, eine Krankenschwester, kommt extra aus Chemnitz, um ihr beizustehen. „Sie versuchte mich zu motivieren, aber das half nicht.“ Auch dass sich ihr Mann Thomas, Konstrukteur bei einem Unternehmen im Landkreis Deggendorf, Urlaub nimmt, um die junge Mutter zu entlasten, bringt keine Besserung.

Die Idee schließlich: Die ältere Tochter für ein paar Tage auf Urlaub zur Tante und den Großeltern in die 400 Kilometer entfernte Heimatstadt geben, und zuhause einen „Reset“ zu machen. Nur die frischgebackenen Eltern und das Neugeborene. Doch anstatt eines erfolgreichen Neustarts kommt der totale Absturz.

Oftmals fehlt die Sensibilität auch bei Ärzten

Es ist ein Freitag im Sommer 2022: „Ich saß nur noch auf dem Sofa, konnte mich nicht mehr bewegen, nichts mehr tun, nicht mal mehr weinen. “ Und weil sich Susanne schon denkt, dass Wochenbett-Depressionen der Grund sein könnten, ruft sie bei ihrem Frauenarzt in und schildert ihren Verdacht. Sie bittet darum, den Termin für die Nachuntersuchung zur Geburt, die normalerweise nach acht Wochen stattfindet, aufgrund dessen vorzuverlegen. Sie wird von der Sprechstundenhilfe abgewiesen.

Kein Einzelfall, wie Prof. Malfertheiner bestätigt. Es fehlt vielfach noch die Sensibilität für Wochenbett-Depressionen. „Es ist nach wie vor ein Tabu-Thema“, sagt sie. Eine Geburt ist ein freudiges Ereignis, da passten Trauer, Angst, innere Leere, Antriebs- und Mutlosigkeit nicht ins Bild. Die Krux: die Entwicklung einer postpartalen Depression sei ein schleichender Prozess, für die Angehörigen daher nur schwer greifbar. Symptome wie Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, oder soziale Isolierung seien nach einer Entbindung nicht unbedingt ungewöhnlich. Ein anhaltendes Stimmungstief, einhergehend zum Beispiel mit Schuldgefühlen, erhöhter Reizbarkeit, Kopfschmerzen und Traurigkeit, sollte aber hellhörig machen.

Ansprechpartner bei Wochenbett-Depressionen

Ein wichtiger Ansprechpartner kann hierbei auch die Hebamme sein - vorausgesetzt, man hat eine. Dem ist mangels Personal nicht immer so. Hebammen werden in ihrer Ausbildung selbstverständlich auch für das Thema sensibilisiert, sagt Prof. Dr. Judith Kluck. Sie leitet den Hebammen-Studiengang an der Fachhochschule Landshut. „Die Thematik wird auf alle Fälle in der Theorie im Hebammenstudium behandelt“, erzählt sie. Es gäbe jede Menge Seminare und Fachvorträge. Des Weiteren würden geeignete Hilfsorganisationen und Netzwerke eruiert. „Eine Hebamme ist keine Psychologin, aber sie kann damit Hilfe durch andere Fachdisziplinen vermitteln.“

Und Hilfe ist hier dringend nötig. Denn aus einer Depression kann sich auch eine Psychose entwickeln, sagt Kluck. Das passiert in etwa drei von 1000 Fällen. Dann besteht durch Halluzinationen und Wahnvorstellungen Gefahr für Leib und Leben von Mutter und Kind. Beide müssten sofort getrennt und die Mutter stationär behandelt werden.

Keine freien Termine bei den Fachstellen

Susanne wendet sich an die Caritas. Bei der Beratungsstelle hört man ihr zumindest zu, versucht auf Susanne einzugehen, gibt ihr Ratschläge, an wen sie sich wenden könnte. Doch alle Fachstellen, darunter auch das Bezirksklinikum in Mainkofen, haben erst in mehreren Wochen freie Termine.

Am nächsten Morgen, einem Samstag, wird es Susannes Mann zu heikel. Seine Frau braucht Hilfe, das ist unübersehbar. Er setzt sie ins Auto und fährt zu einem Gynäkologen, der Notfallsprechstunde hat. Der lässt sich die Symptome schildern und kommt zu dem gleichen Schluss: Wochenbett-Depressionen. Er verschreibt Susanne Anti-Depressiva, zudem Schlaftabletten. Die Anti-Depressiva können aber akut nicht helfen, es dauert in der Regel mehrere Wochen, bis sie anschlagen.

Einen Tag später, am Sonntagabend, kann Susanne nicht mehr. Sie nimmt Schlaftabletten. Statt der vorgeschriebenen einen - zehn. „Ich war am Ende, es war mir alles egal. Ich hatte seit Tagen nicht mehr geschlafen, wollte einfach nur die Augen zu machen“, erinnert sie sich. Dass sie dann vielleicht gar nicht mehr aufwachen würde - in diesem Moment unwichtig. Glücklicherweise erzählt sie ihrem Mann davon. Der bringt sie sofort in die Notfallaufnahme am Klinikum Deggendorf. Dort empfiehlt man der trotz der Schlaftabletten-Überdosis hellwachen Susanne, in Mainkofen vorstellig zu werden.

Auch Männer von Wochenbett-Depressionen betroffen

Susanne hat hier doppelt Glück. Nicht nur, dass die Überdosis Schlaftabletten ohne körperliche Folgen bleibt. Auch dass ihr Mann mutig und geistesgegenwärtig reagiert. Denn nicht selten, offiziellen Zahlen zufolge fünf bis zehn Prozent, leiden auch Männer an Wochenbett-Depressionen. Größter Risikofaktor dabei: Wenn die Frau schon daran erkrankt ist. Weitere Ursachen sind, wie bei den Frauen auch, psychische Vorerkrankungen, soziale Faktoren, hohe Erwartungen oder finanzielle Sorgen. Malfertheiner geht davon aus, dass die Dunkelziffer bei Männern mit postpartalen Depressionen deutlich höher als bei den Frauen ist. In Deutschland erkranken jährlich rund 100.000 Frauen an Wochenbett-Depressionen. Eine verlässliche Statistik gibt es aber nicht.

Am Montagmorgen lässt sich Susanne stationär im Mainkofener Bezirksklinikum aufnehmen. Dort werden ihre Medikamente neu eingestellt, und sie merkt, dass es ihr nach ein paar Tagen besser geht. Zumindest abends. Anstatt dann nur auf dem Bett zu liegen, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, schafft sie es ab nachmittags, das Handy in die Hand zu nehmen und zu recherchieren. So findet sie Schatten&Licht e.V.. Das ist eine gemeinnützige Initiative, die sich auf peripartale psychische Erkrankungen spezialisiert hat. Peripartal bedeutet vor, während und nach einer Geburt. Über die Homepage des Vereins findet sie heraus, dass es spezielle Rehakliniken gibt, in denen sich eine Mutter zusammen mit ihrem Kind behandeln lassen könnte.

BKH Mainkofen plant ambulantes Hilfsangebot für junge Eltern

In Mainkofen hat es von 2004 bis 2014 eine Mutter-Kind-Einheit für psychische Probleme nach der Geburt gegeben. „Wir hatten aber nur ein bis zwei Patientinnen pro Jahr“, erinnert sich Dr. Bernd Weigel, stellvertretender Leiter des Bezirksklinikums. Im Vergleich zu dem hohen personellen Aufwand war diese nicht mehr tragbar. Aber man verfolgt in Mainkofen nun ein neues Konzept. Ein ambulantes Angebot für Mütter mit Wochenbett-Depressionen soll es geben. „Wir halten dies für sinnvoller als eine stationäre Behandlung“, so Dr. Weigel. Mutter und Kind könnten so ihrem familiären Umfeld bleiben, was besonders in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt wichtig sei. Dieses ambulante Angebot für Frauen mit Wochenbett-Depressionen steht beim BKH Mainkofen auf der Agenda für 2024. Ob es sich umsetzen lässt? „Das ist angesichts des Personalnotstandes fraglich.“

Susanne könnte sich indes in Mainkofen behandeln lassen. Aber nur ohne ihr Baby. Sechs Wochen lang. Das will sie nicht. Der Zufall spielt ihr ins Blatt. In ihrer Heimatstadt in Sachsen, wo ihre Familie lebt, gibt es sogar zwei Kliniken, die ihr helfen können. In Niederbayern laut Liste von Schatten&Licht keine einzige. Die nächsten wären in Cham, Wasserburg oder Regensburg. An der Hedwigsklinik arbeitet man sehr eng mit der dortigen Bezirksklinik zusammen. „Wenn ich einen Platz brauche, dann bekomme ich ihn sofort“, lobt Malfertheiner die Zusammenarbeit.

Susanne kontaktiert indes die Klinik Carolabad in Sachsen. Hier kann sie innerhalb weniger Tage vorstellig werden, beginnt schon in der darauffolgenden Woche mit der stationären Therapie. Im Carolabad fühlt sich Susanne das erste Mal richtig gut aufgehoben, merkt, dass man ihr hier helfen kann. Und sie trifft Frauen, die das Gleiche durchmachen wie sie. „Das hat mir sehr geholfen.“ Gesprächstherapien, Entspannungstechniken und Gruppensitzungen gehören in den kommenden vier Wochen zu Susannes Alltag. Wenn sie in Behandlung ist, wird Baby Paul betreut.

Behandlung postpartaler Depressionen wird spezifiziert

Die Behandlung einer postpartalen Depressionen ist größtenteils vorgegeben. Sie ist bislang in den Nationalen Versorgungsleitlinien für die Behandlung von Depressionen definiert. Aber nicht mehr lange. Seit 2022 erarbeiten Psychologen und die Gesellschaft gynäkologische Geburtshilfe neue Leitlinien, diesmal spezifiziert auf peripartale psychische Erkrankungen. Sie sollen 2026 fertig sein. Das zeigt, das Thema gewinnt an Bedeutung. Zentraler Punkt der Anamnese wird die „Edinburgh Postnatal Depression Scala“, EPDS, bleiben. Das ist ein Fragebogen, mittels dessen die Schwere der Erkrankung diagnostiziert wird. Der Fragebogen dient als Grundlage für die Behandlung, die zumeist aus drei Teilen besteht: Psychotherapie, soziale Unterstützung und medikamentös.

Vier Wochen lang dauert die stationäre Therapie von Susanne in Carolabad, dann kann sie nach Hause. Sie bleibt aber in ständigem Kontakt mit der Klinik, hat zudem eine Notfall-Psychotherapeutin an ihrer Seite, die sie in den ersten Monaten einmal pro Woche kontaktiert. Sie nimmt zudem Medikamente. Vollständig geheilt ist sie nicht, das dauert ein bis zwei Jahre, wurde ihr gesagt. Aber sie blickt optimistisch in die Zukunft. Denn ein Umzug steht an. Die junge Familie will Deggendorf verlassen und zu den Schwiegereltern in den Landkreis Passau ziehen. Ein Neubeginn im Kreis der Familie. Und der glückt ihr auch. Im Gespräch mit unserer Redakteurin präsentiert sich Susanne als selbstbewusste junge Frau, die über ihre Erfahrungen reden will, dafür sensibilisieren, ja vielleicht sogar helfen will. „Ich könnte mir vorstellen, eine Art Selbsthilfegruppe zu gründen.“ Aber nun steht erst einmal ein weiterer Schritt ihrer Genesung an, vielleicht sogar der letzte. In wenigen Wochen will sie in Absprache mit den Ärzten beginnen, ihre Medikamente auszuschleichen. „Ich bin gespannt, wie es dann geht.“ Von Angst keine Spur.

Hilfe bei psychischen Problemen rund um die Geburt

Für Frauen, die vor, während oder nach der Schwangerschaft unter psychischer Belastung stehen, gibt es an der Klinik St. Hedwig in Regensburg immer freitags nach Terminvereinbarung eine Sprechstunden. Zudem gibt es ein Kontakttelefon bei Wochenbett-Depressionen. Montags und donnerstags von 8 bis 16 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 15 Uhr erhalten Mütter und Väter kurzfristig Unterstützung sowie auch einen sehr zeitnahen Termin. Das Kontakttelefon bei Wochenbett-Depressionen erreicht man unter: 0941/369-5202