In Regensburger Kaffeeladen gibt es zum Espresso Orchestermusik

Von Michael Scheiner · 15. Januar 2024 um 10:00

Je nach Blickwinkel kann man Sebastian Plate als Allrounder, Hansdampf-in-allen-Gassen oder als Lebenskünstler ansehen, der sich von nichts unterkriegen lässt.

In seinem Kaffeeladen „Friedel II“ im Obermünsterviertel bekommt man zum superben Espresso, den der handwerklich begabte Musiker, Pädagoge, Musikverleger und Dirigent dort auch ausschenkt, gern mal prachtvolle Orchestermusik von Jean-Philippe Rameau zu hören. Plate bewundert den französischen Cembalovirtuosen, der für Ludwig XV. komponierte und von diesem in den Adelsstand erhoben wurde.

Manchmal setzt sich Plate auch selbst ans Klavier. Dann spielt er für seine Gäste etwas von Haydn oder Mozart. An den anheimelnd gestalteten Laden am Eck zur Steckgasse ist der gebürtige Regensburger so zufällig gekommen wie überhaupt ans Geschäft mit den schwarzen Röstbohnen. Im ersten Jahr der Pandemie, als er noch tage- und nächtelang Notensätze für seinen Eichen-Verlag erstellte und unter anderem von den Einkünften lebte, die er von der Gema bezog, bekam er die Wucht des völligen kulturellen Stillstands erst verzögert zu spüren.

Sein beruflicher Kollaps

„Ich dachte erst, das betrifft mich nicht“, erinnert sich der lässig mit Jeansjacke und -hose gekleidete 54-Jährige an den ersten Lockdown. „Dann hörte ich von einem Bekannten, der für die Gema die Auswirkungen auf Musikschaffende und das Kulturleben analysierte.“ Kurze Zeit später saß er buchstäblich auf dem Trockenen: „Ich konnte nicht mehr unterrichten, nicht spielen, es gab nichts zu dirigieren und natürlich kaufte auch niemand mehr Noten“, fasst er seinen beruflichen Kollaps heute mit sarkastischer Nonchalance zusammen. Eines stand für den Vater, der getrennt von seinen Kindern und der Partnerin wieder in seiner Geburtsstadt lebt, von Anfang an fest. Zum Arbeitsamt oder Jobcenter, wie von politischen und administrativen Stellen vorgesehen, würde er keineswegs gehen und Unterstützung beantragen. Der Kontakt zu einem Freund, der in Berlin eine Kaffeerösterei betreibt, brachte ihn auf die Idee, dessen Kaffee auf dem Markt zu vertreiben.

Mit einem gebrauchten Gastro-Automaten, den er hartnäckig selbst repariert hatte, bekam er zusätzlich auch eine Erlaubnis Kaffee auszuschenken – und bald standen die Genießer samstags Schlange am Bismarckplatz. Endgültig geglückt war der Sprung vom vielseitig beschäftigten Tonkünstler zum Händler und Cafetier mit der Eröffnung seines eigenen Ladens vor einem guten Jahr.

Hier trifft Plate gelegentlich auch ehemalige Mitschüler und Kollegen aus seiner Zeit am Goethe-Gymnasium, wo er den Leistungskurs Musik belegte, und beim ALB e.V. Bei diesem Pflegedienst leistete er seinen Zivildienst, indem er MS-kranke und andere schwerbehinderte Menschen dabei unterstützte, ihren Alltag zu bewältigen. „Meine Freizeit verbrachte ich damals in der Schwedenkugel“, grinst Plate vergnügt, „oder am Klavier“. Unterricht bekam er von einem japanischen Musikwissenschaftler, der eine Zeit lang an der Uni Regensburg forschte. Eine erste Bewerbung an der Musikhochschule München ging in die Hose, ein Jahr später war der Fan von Deep Purple und Klassik an der Folkwang-Schule in Essen erfolgreich. Das Ziel des Musikpädagogen vor Augen, wechselte er allerdings nach einigen Semestern an die Musikhochschule in Köln, um sich endlich tief in die Musiktheorie stürzen zu können. „Ich wollte schon immer verstehen, was Musik ist und wie alles zusammenhängt“, begründet er seine lange unbefriedigt gebliebene Neugierde. „Heute kann ich sagen, dass ich immerhin die Buchstaben des (Musik-) Alphabets kenne“, seufzt der kräftige Mann.

Um die Welt getourt

Die Grammatik verstehe er noch immer nicht, meint Plate, der immerhin schon Vorstand der Jungen Deutschen Philharmonie war und mit diesem Orchester durch Russland und Schottland getourt und außerdem bei den Proms in der Londoner Royal Albert Hall aufgetreten ist. Später arbeitete er zusammen mit seinem jüngeren Bruder David, ebenfalls ein Musiker, für den WDR, fertigte Notensätze und eignete sich dabei die Grundlagen für seine verlegerische Arbeit an.

Diese startete er vor 20 Jahren mit dem Kauf der Verlagsrechte der Werke seines Onkels Anton Plate. Letzten Herbst ist er verstorben. Für ihn war „ich die Hebamme“, meint der ruhelose Neffe lakonisch. Denn letztlich hat er das gesamte kompositorische Werk des Onkels verlegt und zur Aufführung gebracht. Erst vergangenes Jahr ist „Casino“, ein Werk, an dem der Onkel jahrelang gefeilt hat, vom Deutschen Symphonieorchester Berlin unter Ingo Metzmacher uraufgeführt und vom NDR gesendet worden. Jetzt kümmert sich Plate um den umfangreichen Nachlass. Eine Arbeit, die ihn neben dem Kaffeeladen und gelegentlichen Auftritten wohl längere Zeit in Beschlag nehmen wird.