Majd Tammaa kam als Flüchtling nach Regensburg – Eine Patin half ihm, Fuß zu fassen

Als Majd Tammaa als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling von Syrien nach Deutschland floh, stand er vor dem Nichts. Eine Patin half ihm, in Regensburg anzukommen. Heute profitieren beide von dieser ungewöhnlichen Verbindung.
An das erste Zusammentreffen mit Hanna Grünewald-Selig erinnert sich Majd Tammaa noch genau. „Weil sie typisch Deutsch ist, hatte sie viele Unterlagen dabei, die ich unterschreiben sollte“, sagt der 25-Jährige. Heute kann er lachen, wenn er davon erzählt. Doch damals, im Jahr 2016, ging es ihm alles andere als gut.
Denn ein Jahr zuvor war Tammaa als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Nicht nur die fehlenden Sprachkenntnisse, die Bürokratie und die ungewisse Zukunft überforderten ihn. „Ich habe mir große Sorgen um meine Familie in Syrien gemacht. Ich wusste nicht, wie es ihnen ging – ob sie überhaupt noch leben.“
Unterstützung fand er beider Sozialarbeiterin an der Berufsschule, die er zu diesem Zeitpunkt besuchte. Sie schlug Tammaa, der damals noch in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht war, vor, sich mit der Therapeutin Grünewald-Selig zu treffen. Sie hatte angeboten, sich als Patin zur Verfügung zu stellen. Warum? „Ich wollte meine eigenen Vorurteile überwinden“, sagt sie.
76-jährige Christin trifft auf 18 Jahre alten Muslimen
Von dem Zeitpunkt an, als Grünewald-Selig mit ihren Unterlagen auf Tammaa traf, entstand eine enge Verbindung. Die Regensburgerin nahm den damals 18 Jahre alten Syrer mit auf Entdeckungsreise. „Zuerst hat sie mir die Stadt gezeigt. Später waren wir in Kelheim, in Passau oder München“, sagt Tammaa. „Ich weiß noch, wie wir in Regensburg eine Stadtrundfahrt gemacht haben. Es war heiß und während des Ramadans. Ihm ist furchtbar schlecht geworden“, fügt Grünewald-Selig hinzu.
Eine 76-jährige deutsche Christin, die einem jungen syrischen Muslimen das Leben in Deutschland näher bringen will: Im ersten Moment mag diese Kombination ein wenig wie aus dem Drehbuch einer Komödie à la „Ziemlich beste Freunde“ klingen. So unterhaltsam wie die Ramadan-Geschichte waren die Treffen allerdings nicht immer. „Es ging viel um Traumabewältigung“, sagt Grünewald-Selig.
Denn als Tammaa nach Regensburg kommt, hat er nur wenig Materielles, dafür aber viele belastende Erinnerungen im Gepäck. Raketen vom Himmel, Giftgas vom Boden – die Bedrohung sei an seinem früheren Wohnort stets gegenwärtig gewesen. „Es war nie sicher, die Wohnung zu verlassen. Wenn meine Eltern zur Arbeit gegangen sind, haben sie sich immer so verabschiedet, als ob sie sich nicht wiedersehen würden“, erinnert er sich. Aufgrund des Kriegszustandes fehlte es an Nahrung, an Wasser, an Strom und an Internet. Während die Bomben fielen, schrieb der junge Syrer seine Abiturprüfungen – und bestand. Die Angst, in die Armee eingezogen zu werden, wuchs jedoch von Tag zu Tag. „So ging es nicht mehr weiter“, sagt er. Tammaa entschloss sich deshalb zur Flucht über die Balkanroute. Das Ziel war Deutschland, weil sein Vater dort schon einmal im Rahmen eines Austausches gearbeitet hatte.
Übernahme als Sozialpädagoge ist Majd Tammaa sicher
Einen Plan, wie genau es vor Ort weitergehen sollte, hatte er nicht. „In Syrien wollte ich Pharmazie studieren und Apotheker werden“, sagt er, „doch obwohl mein Abitur in Deutschland anerkannt wurde, hat der Schnitt nicht gereicht.“ Eine Ausbildung zum Pharmazeutisch-technische Assistenten scheitert zunächst – zu viele medizinische Fachausdrücke, zu wenig Sprachkenntnisse. Wieder kann Grünewald-Selig dabei helfen, dass sich die Dinge zum Guten wenden. „Ich habe ihren Tätigkeitsbereich genauer kennengelernt und mich dann entschieden, an der Uni Regensburg Soziale Arbeit zu studieren“, sagt Tammaa.
Heute ist sein Studium in den Endzügen. Noch in diesem Semester wird er seine Bachelorarbeit schreiben. Nebenbei arbeitet er bei der Familienhilfe „Im.Takt“. Die Übernahme als Sozialpädagoge nach seinem Abschluss ist ihm bereits sicher. „Er ist da sofort aufgefallen, weil er so gut mit anderen arabischen Menschen umgehen konnte“, erklärt Grünewald-Selig, „auch andere Einrichtungen wollten ihn gerne haben.“ Auch privat ist Tammaa in Regensburg angekommen, seit einem Jahr ist er eingebürgert. Außerdem hat er geheiratet, das Paar plant Nachwuchs. Seine syrische Familie lebt mittlerweile ebenfalls in Deutschland. Es ist ihm wichtig, zu betonen, dass seine Eltern arbeiten. „Mein Bruder studiert Informatik in Jena. Meine Schwester macht Abitur und meine kleinere Schwester will aufs Gymnasium gehen“, fügt er hinzu.
„Zu schade“ findet er es, wenn deutsche Politiker in Sachen Einwanderung hetzen. „Wenn ich in den sozialen Medien Videos schaue, in denen Politiker sagen, dass das Bürgergeld in Migrantengeld umbenannt werden sollte, macht mich das sehr betroffen. Ich kenne wirklich viele Beispiele, bei denen Integration anders gelaufen ist“, sagt er.
Im Übrigen habe nicht nur Tammaa, sondern auch Grünewald-Selig viel aus der Patenschaft mitgenommen. „Was er erlebt hat, hat mich sehr erschüttert“, sagt sie. Dass Integration „eine Riesen-Arbeit“ sei, will sie nicht leugnen. „Aber ich habe dadurch unendlich viel gelernt.“
Info: Institut gegründet
Interkulturelle Bildung: Ihre Patenschaft hat Hanna Grünewald-Selig auch auf beruflicher Ebene geprägt. Unter anderem durch die Begegnung mit Majd Tammaa entschloss sie sich, ein Institut für systemisch-interkulturelle Bildung und Weiterbildung zu gründen.
Angepasste Beratung: Das Team des HGS-Instituts Regensburg bietet interkulturelle und transkulturelle Beratung und Therapie an. Methoden und Techniken sind an die Bedürfnisse von Geflüchteten und an kulturspezifische Herausforderungen angepasst.