Zulassungssperre und zu wenig Nachwuchs: Monatelange Wartezeiten beim Hautarzt

Von Kilian Graef · 4. Januar 2024 um 05:00

Acht Monate wartet man momentan darauf, um in Matthias Wenigs Hautarztpraxis in Regensburg einen Termin zu bekommen. Das, obwohl Wenig jeden Tag bis zu zwölf Stunden arbeitet, um möglichst viele Patienten versorgen zu können. Die Diagnose: Es gibt zu wenige Hautärzte

„Ich kann Ihnen leider erst in acht Monaten einen Termin anbieten.“ Diesen Satz bekommt man nicht etwa zu hören, wenn man nach einer Audienz beim Papst fragt. Acht Monate wartet man momentan darauf, um in Matthias Wenigs Hautarztpraxis einen Termin zu bekommen. Das, obwohl Wenig jeden Tag bis zu zwölf Stunden arbeitet, um möglichst viele Patienten versorgen zu können.

Notfallsprechstunde

„Wir bieten täglich eine Notfallsprechstunde an. Uns ist klar, dass nicht alles acht Monate warten kann“, sagt Wenig. Man könne am Vortag ab 8 Uhr anrufen.

„Um 8.05 Uhr sind dann auch die Notfalltermine weg“. Noch sei die Versorgung bei dringlichen Fällen sichergestellt. Es gebe Lücken in der Terminplanung, um beispielsweise einen bösartigen Tumor schnell herausschneiden zu können. „Aber auch diese Lücken im Terminplan werden weniger“, sagt Wenig. Um Patienten zu informieren, liegt in seiner Praxis ein Informationszettel aus. Der Inhalt: Eine zweiseitige Begründung, warum die Anzahl der zeitnahen Hautarzttermine so begrenzt ist. Es gebe zu wenige kassenärztliche Dermatologen.

Ein Grund dafür: „In Regensburg gibt es seit 30 Jahren eine Zulassungssperre für kassenärztliche Dermatologen“, sagt Wenig.

Wir sind offiziell überversorgt

Nach Zahlen des Landes- und Bundesausschusses gilt Regensburg nämlich mit 139 Prozent als überversorgt. Das heißt: Es darf keine kassenärztliche Praxis neu eröffnet werden. Privatpraxen sind nicht betroffen. Interessierte Dermatologen müssen warten, bis ein Platz frei wird – zum Beispiel, wenn ein Vorgänger in den Ruhestand geht.

„Ursprünglich sollte die Zulassungssperre dazu führen, dass sich mehr Kassenärzte außerhalb der größeren Städte niederlassen. Heute ist sie nur noch ein Instrument zur Kostendeckelung im Gesundheitswesen, das die adäquate Versorgung der gesetzlich versicherten Patienten gefährdet", sagt Wenig, der seine Praxis seit 20 Jahren führt.

Vor allem Probleme auf dem Land

Auf dem Land gebe es aber immer noch nicht genug kassenärztliche Dermatologen, sodass mittlerweile viele Patienten aus dem Umland zum Arzt nach Regensburg fahren. „Ich hätte genug Arbeit übrig, um sofort zwei weitere Ärzte in Vollzeit anzustellen. Dann könnten wir schneller Termine vergeben und die Leute besser versorgen“ sagt Wenig. Prinzipiell würde das zwar auch jetzt gehen. Finanziell wäre es aber nicht stemmbar. „Ich darf alleine so viel arbeiten, wie ich will. Sobald ich einen zweiten Arzt anstelle, werde ich auf den Umsatz gedeckelt, den ich vorher alleine erwirtschaftet habe“, erklärt Wenig. „Das heißt: Ich muss einen zweiten Arzt bezahlen, es wird für die zusätzlich erbrachten Leistungen aber nur noch etwa zehn Prozent des theoretischen Honorars ausbezahlt.“

Besorgnis erregende Entwicklung

Jahre lang gab es mehr interessierte Hautärzte, als kassenärztliche Sitze. Es bildeten sich lange Wartelisten und gelernte Dermatologen, die sich in Regensburg niederlassen wollten, durften sich glücklich schätzen, wenn sie einen freien Sitz ergatterten. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Heutzutage gibt es laut Markus Schwürzer-Voit, Vorsitzender des Berufsverbandes Dermatologie der Oberpfalz und Hautarzt aus Hemau, ein größeres Problem: Man findet gar keine Dermatologen mehr, die sich in Regensburg als Kassenärzte niederlassen wollen.

2023 sind in Regensburg insgesamt drei Kassensitze frei geworden. Vor 20 Jahren wären diese Plätze im Handumdrehen vergeben gewesen. Dieses Jahr gelang es trotz größter Bemühungen nicht, Nachfolger zu finden. „Aufgrund des mangelnden Interesses mussten schon zwei Sitze dauerhaft eingezogen werden“, erklärt Schwürzer-Voit. Diese Plätze sind, selbst wenn es in Zukunft wieder Interesse geben sollte, weg. Dass es in nächster Zeit eine Welle neuer Hautärzte geben wird, sei ohnehin unrealistisch. „Während immer mehr Ärzte aus der Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand gehen, kommt zu wenig Nachwuchs nach“, sagt Schwürzer-Voit.

Junge Kollegen lassen sich meist nicht mit eine Praxis nieder

Die jungen Kollegen würden meistens als angestellte Ärzte in der Klinik oder in wirtschaftlich geführten medizinischen Versorgungszentren arbeiten, anstatt sich mit einer Praxis niederzulassen. Ein Mittel, das zur Entspannung der Lage beitragen kann, liegt in den Händen der Patienten.

„Der deutsche Kassenversicherte geht im Schnitt elfmal im Jahr zum Arzt, der nächste in Europa ist der Österreicher mit sieben Besuchen“, sagt Schwürzer-Voit. „Die Lebenserwartung ist aber nicht signifikant anders.“

Patienten können mithelfen

Matthias Loew von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) hat einen ähnlichen Lösungsvorschlag. Die KVB veröffentlicht die Zahlen zur Versorgungslage, die von externen Ausschüssen bestimmt werden und setzt politische Vorgaben um. „Man sollte, wenn man etwas an der Haut entdeckt, erst zum Hausarzt und nicht direkt zum Facharzt, gehen“, sagt er.

„Der Hausarzt kann einem im Fall der Fälle auch mit attestierter Dringlichkeit zum Hautarzt schicken.“ Die meisten Dinge würden sich laut Loew direkt beim Hautarzt erledigen. Wenn das tatsächlich Entlastung schaffen würde, wäre diese wohl dringend nötig.

Tausende Anfragen an das Universitätsklinikum

Mark Berneburg, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie am UKR, berichtet von 2000 Anrufen am Tag. Seine Mitarbeiter am Telefon „geben sich große Mühe, aber 2000 Telefonate täglich, sind nicht möglich“, sagt Berneburg. Die Klinik ist dafür zuständig und auch darauf ausgelegt, extremere Fälle, zum Beispiel schwere entzündliche Krankheiten, wie sehr stark ausgeprägte Formen von Neurodermitis, zu behandeln, für die niedergelassene Ärzte meist nicht die Mittel haben. Viele rufen aber wegen anderer Erkrankungen an. „Sie bekommen keinen Termin beim Hautarzt und versuchen es dann natürlich bei uns“, sagt Berneburg.

Berneburg, Schwürzer-Voit und Wenig ist es wichtig zu betonen, dass sie ihren Beruf mögen und möglichst vielen Menschen möglichst gut helfen wollen. Gerade deshalb blicken sie besorgt in die Zukunft.

Infos zu Hautkrankheiten

Vorsorge: Die beste Hautcreme ist laut Dermatologen die Sonnencreme. Auch im Winter ist man nicht immer sicher vor UV-Strahlen. Zum Erhalt einer gesunden Haut sollte nicht zu oft auf Hautpflege-Produkte zurückgegriffen werden. Diese verstopfen bei häufiger Anwendung die Poren und führen eher zu Hautkrankheiten, anstatt einen davor zu bewahren.Erkrankte: Laut den aktuellsten Statistiken der Barmer-Krankenkasse, waren im Jahr 2021 14,2 Prozent der Regensburger von Hautkrankheiten betroffen. Bundesweit lag der Wert bei 15,6 Prozent.