Der Landkreis Cham hat starke Feuerwehren, aber auch ein paar Problemzonen

Von Johannes Schiedermeier · 1. Januar 2024 um 15:00

Die Feuerwehren im Landkreis Cham haben die Folgen der Erwärmung nicht kalt erwischt. Doch obwohl sie gut vorbereitet waren, ist das Ausmaß der Herausforderungen doch erschreckend: 669 Einsätze zu Sturmschäden verzeichnet die unvollständige Statistik für 2023. Mehr als 50 Flächenbrände waren zu löschen, 15 davon an einem einzigen Wochenende.

In seiner Kreiseinsatzzentrale hat Kreisbrandrat Michael Stahl die Frage beantwortet wie es um die mehr als 10.000 Mitglieder seiner 19 Wehren steht. Die zunehmend kritischere Lage im Ehrenamt hat die Feuerwehr auch erfasst, wenn auch noch nicht so dramatisch, wie in anderen Bereichen. Aber auch hier wird es immer schwieriger für alle Wehren Vorstände und Führungspersonal zu finden. „Das muss man schon im Auge behalten“, sagt Stahl.

27 verletzte Einsatzkräfte

Zusammengezählt haben die 190 Wehren im vergangen Jahr 45.000 Kräfte an die Einsatzorte gebracht. Dabei wurden 92 Menschen gerettet, 17 über die Drehleiter. 27 Feuerwehrler wurden im Einsatz verletzt, 24 vor Ort versorgt. 24 Einsatzkräfte haben anschließend psychosoziale Nachsorge gebraucht. Dafür wurde eine spezielle Struktur entwickelt, die eine eigene Ausbildung der Psychologen für die Versorgung von Helfern nach harten Einsätzen vorsieht.

Denn der Job der Retter hat auch dunkle Stunden. Innerhalb von zwölf Monaten wurden zehn Personen tot geborgen nach Bränden und Unfällen, elf weitere wurden bei Einsätzen oder nach Wohnungsöffnungen tot aufgefunden.

Sechs schnelle, wendige Einsatzfahrzeuge auf Quad-Basis beschafft

Den steigenden Herausforderungen begegnet die Feuerwehr laut Kreisbrandrat Stahl mit spezieller Ausbildung, verbesserter Technik und Ausstattung. Die Flächenbrände zum Beispiel haben 2023 die Feuerwehr nicht völlig überraschend getroffen. „Man sieht ja, dass sich das entwickelt, und ich bin ein Fan davon, solche Lagen vorher schon abzuarbeiten“, sagt Stahl, während ein großer Bildschirm im Eck seines Büros anzeigt, dass die Feuerwehr Waldmünchen gerade eine 200 Meter lange Ölspur abarbeitet.

Die Auswirkungen verschiedenster Unetter mit Sturm, Hagel und Überschwemmung haben die Feuerwehren des Landkreises ja seit Jahren beschäftigt. Die Flächenbrände gab es auch schon, aber nie in einem solchen Ausmaß. Stahl hat gemeinsam mit den Gemeinden und dem Landkreis reagiert. Er hat sechs schnelle, wendige Einsatzfahrzeuge auf Quad-Basis beschafft. Sie werden dort in den Einsatz geschickt, wo die schweren Löschfahrzeuge in den Wäldern und im Gelände an ihre Grenzen kommen.

„Schneller und flexibler zu sein, darum geht es“

„Schneller und flexibler zu sein, darum geht es“, sagt Stahl. Dazu kommen leistungsstarke Drohnen und 20-fachem Zoom und Wärmekameras. Es wurden Waldwege im Netz kartiert, Wendepunkte eingezeichnet und Plätze festgelegt, an denen Faltwasserbecken aufgestellt werden können und ein Hubschraubereinsatz möglich ist. Das ausgeklügelte Waldbrandkonzept im zusammenwirken mit Flughelfern, F-Schläuchen und Drohnen kann jeder auf Youtube besichtigen.

In einer weiteren Stufe erhielten die Mannschaften eine spezielle Ausbildung für den Einsatz bei Flächen- und Waldbränden und ihre Führungskräfte durften die dazugehörigen Taktiken büffeln. „Die große Belastungsprobe war dann die Übung “Heißer Bogen„ – die ist perfekt gelaufen“, sagt Stahl und der Stolz auf seine Feuerwehren ist deutlich spürbar.

Ehrenamt so professionell wie möglich ausfüllen

Wie hoch die Ansprüche an die Retter sind, merkt man an einem kurzen Satz: „Wir versuchen, unser Ehrenamt so professionell wie möglich auszufüllen.“ Das ist ein Widerspruch an sich, wenn man bedenkt, dass der Begriff Ehrenamt irgendwann einmal als Abgrenzung zur Professionalität einer Berufsfeuerwehr erfunden wurde.

Dieser Anspruch gilt auch bei der Ausrüstung. Um im Wald den Herausforderungen gewachsen zu sein, muss sie flächendeckend kleinteiliger werden. Inzwischen ist die Feuerwehr auf in der Luft gut unterwegs. „Wir haben Drohnen, die liefern Dir bei einem Großbrand jedes einzelne Glutnest mit ihren Wärmebildkameras“, sagt der Kreisbrandrat. In Zusammenarbeit mit einer Firma ist er gerade dabei die Einsatzmöglichkeiten einer funkgesteuerten Drohne auszuloten, die an einem Kabel 50 Meter hoch aufsteigen kann. „Die wartet an einem strategisch günstigen Punkt in einem Kasten, bis wir ihr sagen: Steig auf und mach uns ein Lagebild“, sagt Stahl.

Am Ende aber ist dem Kreisbrandrat eines klar: „Keine Technik der Welt und keine App wird dir ein Feuer löschen. Dazu werden immer die Menschen und das Miteinander notwendig sein.“ Genau hier hat die Feuerwehr aber Problemzonen abzuarbeiten: Inden dörflichen Bereichen wird es immer schwieriger, aus den weniger werdenden Betrieben und Landwirtschaften zu jeder tages- und Nachtzeit Einsatzkräfte zu bekommen.

Eine große Aufgabe

„Es wird eine große Aufgabe sein, bei all den Anforderungen das Ehrenamt der Feuerwehr attraktiv zu halten“, so Stahl. „Vor zwei Wochen hatten wir innerhalb von 14 Tagen 300 Schneeeinsätze. Da brauchst du einfach auch die Masse von Leuten, die wir derzeit auch noch haben. Wir sind sogar in der Lage, im Ahrtal nachhaltig auszuhelfen, ohne dabei die Basis im eigenen Landkreis auszudünnen. Aber das bleibt eine große Aufgabe.“

Stahl macht sich nichts vor: „Es werden einige Feuerwehren in den nächsten Jahren verschwinden. Die Anzeichen dafür verdichten sich. Das kann man eine Weile durch neue Vernetzungen und Umgruppierungen auffangen, aber wenn es überhand nimmt, wird es schwierig.“

Damit es nie 5 vor 12 für seine Feuerwehren wird, muss Kreisbrandrat Michael Stahl viel im Blick haben. Foto: si