Der Rettungsdienst im Landkreis Cham ist fit für 2024 – hat aber auch Sorgen

Der Rettungsdienst des BRK im Landkreis Cham hat noch nie ein Einsatzfahrzeug abmelden müssen, weil ihm die Leute ausgegangen sind. Auch deswegen, weil hinter den Hauptamtlichen eine Phalanx aus Ehrenamtlichen steht, die auf die Schnelle innerhalb einer Woche auch mal 1000 Menschen evakuieren kann, wenn ein Hotel brennt, oder eine Fliegerbombe vor der Explosion steht. Darauf sind die Rettungsdienstleiter stolz. Doch Dominik Lommer und Tobi Muhr haben auch ein paar Sorgen.
Zum 1. Januar wird offiziell die neue Rettungswache in Betrieb gehen. Das moderne Millionen-Projekt ist ein Meilenstein in der Geschichte des Rettungsdienstes. Die Tatsache, dass der Stützpunkt immer noch oben am Berg steht, ist ein Beispiel dafür, dass die Organisation der Lebensrettung ihren ganz eigenen Gesetzen folgt.
Minuten und Stockwerke
„Hätte ich irgendwo 4000 Quadratmeter bekommen, dann wären wir jetzt alle im Erdgeschoss“ sagt Rettungsdienstleiter Dominik Lommer. Doch dafür hätte er zuerst eine neue europaweite Ausschreibung gewinnen müssen, wenn er den angestammten Platz auf dem Krankenhausberg in Cham-West verlassen hätte.
Deswegen ist das BRK geblieben und hat sich maßgeschneidert und extrem nachhaltig neu aufgestellt. Allerdings müssen die Rettungsdienstler weiterhin ein Stockwerk überwinden, wenn sie zu den Autos wollen und dabei eine Minute Einsatzzeit einhalten. Die Krankentransporter haben drei Minuten für zwei Stockwerke.
Kaum ist die erste Problemstellung gut gemeistert, da lauert schon das nächste Problem. Ein neuer Standort Weiding ist europaweit ausgeschrieben. Dazu kommt noch der Standortwechsel Lam-Arrach. Auch hier geht es um Minuten. Die Einhaltung der Hilfsfrist will organisiert sein.
In Falkenstein war das BRK bei der Ausschreibung erfolgreich und der Rettungsdienstleiter freut sich darüber, dass man ein neues System testen darf, das durch ausgeklügelte Verschiebung eines Rettungswagens die ständige Bereitschaft in den Regionen rund um Falkenstein sicherstellt. Denn auch hier sind die Minuten der Maßstab: Die Hilfsfrist liegt bei zwölf Minuten in 80 Prozent der Fälle. Das müssen die 80 Rettungsdienstler bewältigen, unter denen neun Bufdis Dienst tun, wie der Bundesfreiwilligendienst genannt wird.
Das ist bereits eine weitere Sorge, die Lommer umtreibt. Wird der Bund die Bufdis 2024 noch finanzieren. Und wenn der Bund das nicht tut, werden die Kassen das übernehmen? Noch ist das ungeklärt. Aber gerade aus dem Bundesfreiwilligendienst werden in 50 bis 75 Prozent der Fälle später Rettungsdienstler. Dazu kommt, dass nach dem Auslaufen des G8 in 2025 ein kompletter Abiturjahrgang ausfällt und erneut ein Jahr droht, das wenig Nachwuchs bringen könnte. „Niemand weiß, was da auf uns zu kommt in Bezug auf Finanzierung und Verfügbarkeit. Wer reißt uns aus dem Tal und finanziert die Stellen?“, fragt Lommer.
Personal ist aber dringend notwendig, weil die Zahl der Einsätze 2023 mit 18000 wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht hat. Dabei ist diese Zahl nur ein Teil der Wahrheit. Denn für den Rettungsdienst sind die Einsätze länger geworden, weil es nur noch eine Notaufnahme in Cham gibt, die zentral angefahren wird. Dadurch sind die Mitarbeiter länger unterwegs, weil mehr Kilometer gefahren werden.
Ein Mitarbeiterproblem gibt es trotzdem nicht, versichert Tobi Muhr. Die Arbeitskonten seien durchgehend im grünen Bereich und keine Überstunden vorhanden. Allerdings habe man sich momentan mit Neueinstellungen zurückgehalten ergänzt Lommer. Schließlich sei nicht sicher, ob man die Ausschreibungen für Weiding und Arrach gewinne. „Und wir wollten hinterher niemanden ausstellen müssen“, sagt der Rettungsdienstleiter.
Mit dem Generationswechsel im Führungsteam hatte das BRK ein glückliches Händchen. In Zeiten der Pandemie war Mich Daiminger noch mit im Boot, der die Versorgung in Seuchenzeiten federführend mit managte, während Lommer den Rettungsdienst im Auge hatte und Muhr den Katastrophenfall. Als Daiminger ausschied, behielten Lommer und Muhr die Aufteilung bei und vertreten sich nun gegenseitig. „Wir verstehen uns im Traum und oft ohne Worte“, sagt Lommer.
Muhr ist seit der Pandemie dafür zuständig, den Katastrophenschutz auf die neuen Anforderungen einzustellen. Schon damals war er mit der Schnelleinsatzgruppe CBRNE (das Kürzel steht für chemische, biologische, radiologische, nukleare und explosive Gefahren) gut aufgestellt. Von den Vorräten an Schutzkleidung und Ausrüstung profitierte der Landkreis lange.
Ohne Ehrenamt – unmöglich
Hinzu kommt dass der Katastrophenschutzleiter Muhr als Landesleiter CBRNE über Erfahrungen mit Seuchen auch im Ausland verfügt und als Berater der Bundesregierung tätig war. Auch im Ahrtal hat er geholfen. Als Antwort au diese Erfahrungen besitzt der Katastrophenschutz seitdem ein hochwassertaugliches Fahrzeug, einen VW Amaroc, der den Helfern vor Ort zur Verfügung steht und im Katastrophenfall nach Cham wechselt. Derzeit arbeitet Muhr an der Anschaffung eines Unimog. „Das wäre ein Garant dafür, dass man wirklich überall hinkommt im Katastrophenfall.“
Was das Ehrenamt auf die Beine bringt, hat es auch 2023 wieder bewiesen. Es war das erste Jahr seit Lommer und Muhr im Amt sind, ohne Ausrufung des Katastrophenfalls. Aber die 3000 Ehrenamtlichen im Landkreis sind eine Bank, wenn es ans Eingemachte geht. So wurden innerhalb einer Woche beim Fund der Bombe und beim Brand im Hotel in Rimbach insgesamt 1000 Menschen evakuiert. „Dafür sind wir wirklich dankbar. Denn ohne das Ehrenamt ginge so etwas gar nicht“, da sind sich Muhr und Lommer einig.
