Wie die Regionalwerke Cham den Strom ins eigene Netz bringen wollen

Wer sind die Leute, die dafür sorgen sollen, dass wir künftig den eigenen Strom aus Wind und Sonne in der Region behalten können? Wie soll das gehen? Und wann wird das sein? Dr. Klaus Amberger und Martin Ritt sind zuständig als Geschäftsführer der Regionalwerke Landkreis Cham. Sie haben schon Antworten, aber nicht auf alles.
Der Job ist leicht zu beschreiben, was die Aufgabe nicht einfacher macht: 365 Tage im Jahr, 8760 Stunden im Jahr, zuverlässig Strom aus der Region für die Region beschaffen. Die Voraussetzung ist, dass von 39 Gemeinden möglichst 39 mitmachen – oder mindestens 90 Prozent der Einwohner erreicht werden.
Dieses Ziel hat Landrat Franz Löffler vorgegeben. Es ist schon übertroffen. „Aktuell sind wir bei 96,34 Prozent der Gemeinden. Eschlkam stimmt noch im Januar ab. 100 Prozent von 39 Gemeinden zu kriegen, das ist schwierig. Wir haben nochmal Informationen nachgelegt und alle Fakten auf den Tisch gebracht“, sagt Amberger.
„Hier kommt eine Region“
„Die erste Abstimmung war eine Grundsatzerklärung. Jetzt legen sich die Gemeinden fest, um Planungssicherheit zu schaffen. Bei manchen war die Informationslage zunächst nicht so, dass man zustimmen konnte“, sagt Ritt.
Der Gemeinderat Rettenbach hat mit 7:6 dagegengestimmt. Traitsching war komplett dagegen. Beide haben nun noch einmal Gelegenheit, zu diskutieren. „Uns wären die 100 Prozent lieber, weil es einfach ein anderer Auftritt ist, wenn man sagt: Hier kommt eine Region“, erklärt Amberger.
Im Juli 22 hat der Landkreis den Energienutzungsplan beschlossen. Und dann habe der Landrat gesagt: Jetzt kennen wir die Ziele, aber wer macht das jetzt? „Das war der Urkeim der Entwicklung“, sagt Ritt.
Der Landkreis hat 50 Prozent der Stimmen. Nicht mehr. Die andere Hälfte haben die Gemeinden. Im Verwaltungsrat mit den Bürgermeistern fallen strategische Grundsatzentscheidungen, zum Beispiel, wie viel Geld 2024 zur Verfügung steht, um die Projekte anzupacken. Auch wesentliche Entscheidungen, die kommunale Planungshoheit betreffend – wie zum Beispiel bei Flächenfestlegungen –, müssen dann durch Gemeinderats- und Kreistagsabstimmungen gefällt werden.
Bei einer Zustimmung von 100 Prozent zahlen Landkreis und Gemeinden jeweils drei Euro für jeden der rund 128000 Bürger. Das entspricht einem Startkapital von rund einer Dreiviertelmillion Euro.
600 Hektar Flächenphotovoltaik stehen als Ziel bis 2040 im Energienutzungsplan, 300 davon in den nächsten zehn Jahren. 850 Gigawattstunden sollen auf den Dächern erzeugt werden. Das entspricht einem Viertel der Dachflächen im Landkreis. Biogas werden bis 2040 190 Gigawattstunden zugeschrieben.
500 Gigawattstunden sollen die Freiflächen-Photovoltaik beitragen. Dem Landkreis Cham, so dessen Pressesprecher Fabian Koller, sind derzeit neun bestehende Freiflächen-PV-Anlagen mit rund 20 000 Quadratmetern bekannt. Derzeit befänden sich aber bereits 17 weitere Bebauungspläne für PV-Anlagen in den Aufstellungsverfahren der Gemeinden. Und der Wind ist mit 80 Gigawattstunden dabei. Das entspräche etwa zwölf Windkraftanlagen – je nach Technik und Leistung.
Ohne Wind läuft es nicht, sagt Amberger: „Wind hat den Vorteil, dass er auch nachts geht und im Winter tendenziell mehr als im Sommer. Das ist ein gewisser Ausgleich zu den PV-Anlagen.“
Wo werden diese Anlagen stehen? In der jetzigen Phase, sagt Ritt, gibt es über Windkraft keine konkreten Debatten, aber es gibt Überlegungen von früher. Wenn der Landkreis nicht selbst Flächen für Windkrafträder findet und erschließt, dann kommen fremde Investoren zum Zug. Das wäre genau das, was der Landkreis verhindern will.
Amberger stellt klar: „Wir müssen in dieses Thema einsteigen. Wir werden die Energieflächen nie verstecken können. Man wird das sehen können. Ein Atomkraftwerk sieht man auch. Windkraft sei Daseinsvorsorge und gehöre der Region. „Das wird kommen. Am Ende ist nur die Frage, wer es baut und ob der was davon hat, der es anschauen muss“ erklärt der Geschäftsführer. Und: „Wenn alle in Deutschland erneuerbare Energie erzeugen, dann muss das auf dem Land passieren. Soll das flache Land erzeugen, während andere alles verwerten?“
Der erste strategische Schritt ist, die Energie ins Portfolio der Gemeinden zu bekommen. Der Bau eines Windrades dauert bis zu sieben Jahren. Der Strom soll dann über die Stadtwerke als Kooperationspartner gehandelt werden. „Die bekommen unseren Strom und müssen daraus ein Produkt machen, das sicher zur Verfügung steht – jede Stunde im Jahr. Das ist für sie ja nichts Neues“, sagt Amberger.
Die Regionalwerke haben festgestellt, dass die Mittelspannungsebene meist schon hoch belastet ist und sich deswegen auf die großen 110-KV-Leitungen konzentriert. Grundsätzlich kann man da Strom draufgeben, sagen die Bayernwerke. Dazu braucht man aber ein Einspeise-Umspannwerk. „Wir müssen uns finanziell selber tragen“, sagt Ritt. Es sei Strategie, Flächen mit Windkraft und PV-Anlagen zu schaffen, die so wirtschaftlich sind, dass sie so ein Umspannwerk mit fünf bis sechs Millionen Euro finanzieren können.
Derzeit gilt jedoch das Verursacherprinzip: Der Einspeiser gilt als Verursacher und muss die finanziellen Folgen tragen. Die andere Sicht der Dinge: „Wenn wir künftig die Power Plants der Region sein sollen und auch Energie für andere produzieren, dann wäre es nur fair, wenn wir das nicht alleine finanzieren müssten“, sagt Ritt. Gleichzeitig lobt er die gute Zusammenarbeit mit dem Bayernwerk. „Wir werden da in der strategischen Planung total gut unterstützt. Das ist gerade die Umdrehung des bisherigen Konzeptes, das den Strom von zentralen Kraftwerken in die Fläche gebracht hat. Jetzt läuft es umgekehrt.“
Das Bayernwerk sei froh darüber, dass der Flächenlandkreis Cham eine Struktur in das Angebot bringt und damit Planungssicherheit. „Da weiß man, dass wirklich gebaut wird, bevor man millionenschwere Kabel in die Hand nimmt.“
Doch die Regionalwerke haben längst noch nicht auf alles eine Antwort, mit der sie zufrieden wären. „Als Erzeuger denken wir jetzt schon über Speicherung nach: Wie bekomme ich erneuerbare Energie vom Tag in die Nacht und vom Sommer in den Winter? Eine Fünf-Megawattanlage die einen Fünf-Megawattspeicher hat – macht den in einer Stunde voll. Baue ich dann einen 20 Megawattspeicher? Das wird schnell eine Preisfrage. Wir bräuchten Langzeitspeicher. Da wäre Wasserstoff ein Thema. Da sind die Regionalwerke halt aufgerufen, mitzuplanen“, sagt Amberger. Er sagt aber auch: „Wir werden das Deutschlandproblem nicht lösen. Es macht keinen Sinn, wenn man an der Basis wirtschaftlich untergeht, weil sich Wasserstoff am Ende nicht rechnet. Und Dauersubvention ist nicht die Lösung“, sagt Amberger.
Deswegen sei die Entwicklung auf Jahrzehnte angesetzt. Sicher sei, so Ritt, dass die Zukunft auf Strom gründet. Das sei der Rohstoff der Zukunft. Was am Ende die technisch gangbare Lösung sei, da habe noch keiner den endgültigen Plan. Es könne auch darauf hinauslaufen, dass es viele kleine Lösungen gebe. Aber die Basis sei der Strom. Und wenn der der kommunalen Familie gehört…
Nichts ist ohne Risiko
„Das Fenster ist jetzt offen. Wir müssen nur entscheiden, ob wir uns selbstbestimmt versorgen wollen, oder nicht“, sagt Amberger. „Wenn wir jetzt nichts tun, enden wir vielleicht in der Abhängigkeit. Und in zehn Jahren kann es schon zu spät sein, das Ruder rumzureißen.“
Die beiden Geschäftsführer spielen sich die rhetorischen Bälle zu wie ein altgedientes Ehepaar: „Wir sind ein Unternehmen und das heißt so, weil man was unternimmt. Und das ist nie ohne Risiko. Aber was ist die Alternative? Nichtstun?“, fragt Ritt. Und selbst das sei ein Risiko. „Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht halt nichts“, legt Amberger nach. – Der aktuelle Weg ist ein vernünftiger Weg, sagen beide.