Wie kommt man trotz Krisen gut ins neue Jahr? Regensburger Psychologin gibt Tipps

Von Marion Neumann · 28. Dezember 2023 um 10:00

Zukunftsangst statt Vorfreude? Nach einem von Krisen und Kriegen geprägtem Jahr fällt es vielen Menschen nicht leicht, positiv ins neue Jahr zu starten. Wie das dennoch gelingt und ob es hilft, sich zum Jahreswechsel neue Ziele zu setzen, erklärt Ines Turbanisch, Psychologische Psychotherapeutin und Coach mit Praxen in Regensburg und im Bayerischen Wald.

Mehr Sport, gesünderes Essen oder weniger Alkohol: Viele Menschen nutzen den Jahreswechsel für Vorsätze. Macht es überhaupt Sinn, sich zu diesem Zeitpunkt neue Ziele zu setzen?

Ines Turbanisch: Unter bestimmten Voraussetzungen schon. Wenn ich mir allerdings an Silvester ganz spontan um kurz vor Zwölf mit einem Glas Sekt in der Hand etwas vornehme, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ich mich daranhalte. Wenn ich mein Verhalten nachhaltig verändern möchte, ist es wichtig, dass ich meine Wünsche und Ziele in einer ganzheitlichen Sichtweise betrachte.

Wie gelingt mir das am Besten?

Turbanisch: Die Frage ist, warum nehme ich mir etwas vor? Bin ich unzufrieden mit mir selbst, möchte ich mir und Anderen etwas beweisen? Möchte ich gemocht zu werden? Dann ist das eher der Holzweg. Das Allerwichtigste ist, aus einer liebevollen, akzeptierenden Haltung heraus über Veränderungen nachzudenken und diese ohne Druck reifen zu lassen. Auf der Verhaltensebene ist es dann wichtig, möglichst schriftlich und konkret zu beschreiben, welche Veränderungen ich mir für mich wünsche. Ein klarer Zeitrahmen hilft als Strukturierung und als Möglichkeit, den Erfolg zu überprüfen.

Und damit klappt es dann mit den Vorsätzen?

Turbanisch: Noch nicht ganz. Ich muss jemanden in meine Pläne einweihen, zum Beispiel einen guten Freund oder eine gute Begleiterin für dieses Thema. Als nächsten Schritt sollte ich mir das Ziel vorstellen – also so, als ob ich den Zustand schon erreicht hätte. Ich male mir zum Beispiel aus, dass ich mich über die nächsten drei Monate hinweg täglich eine halbe Stunde bewege. Wie gut ich mich dann fühle, weil ich dadurch mehr Kraft und Lebensfreude habe.

Politisch und gesellschaftlich betrachtet war 2023 kein einfaches Jahr. Wie sehr haben uns die Nachrichten von Kriegen und Krisen beeinflusst?

Turbanisch: Man muss wirklich sagen, dass dieses Jahr sehr viel verändert hat. Die frühen 2020er Jahre waren nicht einfach. Diese Zeit haben bei vielen Menschen Angst oder Überforderung ausgelöst und uns zu einer bis dahin kaum bekannten Umstellungsbereitschaft aufgerufen. Es ist eine Atmosphäre entstanden, wo politischer Streit nicht mehr das Suchen von guten Wegen als Teil der Demokratie bewertet wird.

Kann ich etwas dagegen tun, wenn mich schlechte Nachrichten einfach zu sehr belasten?

Turbanisch: In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, das Phänomen der Negativitätsverzerrung zu kennen. Das bedeutet, dass sich negative Gedanken, Gefühle und Erlebnisse psychisch stärker auswirken als neutrale oder positive. Da also negative Nachrichten stärker wahrgenommen werden, macht es Sinn, den eigenen Nachrichtenkonsum im Blick zu haben.

Mich komplett vom Weltgeschehen zu distanzieren, kann aber doch auch keine Lösung sein?

Turbanisch: Natürlich ist es wichtig, sich zu informieren und Geschehnisse einordnen zu können. Trotzdem ist es nicht gut, den ganzen Tag am Handy zu scrollen, wenn sich das negativ auf die Stimmung auswirkt. Gerade über die sozialen Medien bekommen wir vieles sehr nahe, ungefiltert oder auch manipuliert mit. Dabei ist auch das Stichwort Resilienz wichtig. Wer über eine hohe psychische Widerstandsfähigkeit verfügt, kann leichter differenzieren. Die eigene Widerstandsfähigkeit wird erhöht, indem man reguliert, welche Nachrichten man aufnimmt und wie häufig man diese an sich heranlässt.

Ist es denn tatsächlich so, dass die Krisen immer mehr werden – oder können wir nur zunehmend schlechter damit umgehen?

Turbanisch: Es ist eher so, dass kriegerische Auseinandersetzungen geografisch näher an unseren Lebenswirklichkeiten stattfinden. Der politische Wettbewerb wird außerdem immer abwertender und unversöhnlicher geführt. Was wirklich neu ist, dass wir eine weltweite Pandemie erlebt haben. Wir hatten keine Erfahrungswerte für eine solche Situation. Das hat uns individuell und kollektiv tief verunsichert.

Sind diese Nachwirkungen immer noch spürbar?

Turbanisch: Ja, das würde ich schon sagen. Die Menschen sind distanzierter geworden und mehr fixiert auf ihren eigenen Lebensbereich. Dazu sind viele Unsicherheiten entstanden. Gibt man sich noch die Hand? Wie viel Abstand hält man auf einer Feier zum Gesprächspartner ein? Und wir müssen leider auch erkennen, dass sich große, psychische Belastungen und Lerndefizite bei Kindern und Jugendlichen ergeben haben, die wir nun versuchen müssen, wieder auszugleichen.

Groß in der Öffentlichkeit thematisiert werden diese Unsicherheiten nach der Pandemie aber nicht mehr, oder?

Turbanisch: Den Eindruck habe ich auch. Das Hineinfinden in eine neue Normalität passiert in vielen kleinen Schritten und braucht Zeit.

Um selbst nicht zu negativ in die Zukunft zu blicken: Wir werden uns doch an diese neue Normalität gewöhnen, oder?

Turbanisch: Wir sollten die Aufmerksamkeit auf das richten, was uns gelingt und uns nicht darauf fokussieren, was nicht gelingt. Das lässt uns auch zuversichtlicher werden. Ein guter Weg ist aus meiner Sicht, mit anderen verbunden zu bleiben und Mitgefühl zu haben.