Eselsohren erwünscht: In Wackersdorf werden aus alten Büchern Kunstwerke

Von Verena Müller · 6. Dezember 2023 um 19:00

Bei einem Workshop in der Wackersdorfer Bücherei wurde mit ausgedienter Literatur gebastelt. Dabei entstanden aus gelesenen Seiten wahre Meisterwerke. Und für diese nachhaltigen Weihnachtsgeschenke muss man kein Bastelprofi sein, versichern Teilnehmer und Lehrer.

„Wie lange man daran wohl sitzt?“: Das fragten sich viele Besucher, als sie am Donnerstag die Buch-Kunstwerke in der Wackersdorfer Bücherei sahen. Aus einem aufgestellten und aufgeblätterten Hardcover ist kunstvoll durch das Falten der Seiten ein Herz entstanden, ein anderes sieht aus wie ein Kleeblatt. Bastelexpertin Manuela Schwendtner, durch deren Hände all diese Kunstwerke Form angenommen haben, sagt: „Ein Buch schaffe ich auf etwa zwei Stunden. Was man halt so macht, wenn nichts Gescheites im Fernsehen kommt!“

Schon im vergangenen Jahr hat in Wackersdorf ein Workshop zum Thema Basteln mit Büchern stattgefunden. Damals war Schwendtner noch als Teilnehmerin dabei. Seitdem hat sie sich zum Profi im Seitenfalten entwickelt – und nicht nur sie hat Blut geleckt. Auch Christina Kostka, die Leiterin der Bücherei, ist begeistert von den im wahrsten Sinne des Wortes vielseitigen Basteleien. „Nachhaltigkeit ist in der Bücherei überhaupt das Thema“, erklärt sie. Es gehe der Einrichtung schließlich darum, dass Bücher, Spiele und DVDs ausgeliehen und wieder zurückgebracht werden, statt immer Neues zu kaufen.

Knick an der richtigen Stelle

Während Eselsohren in Büchern normalerweise nicht gerne gesehen werden, geht es beim Orimoto genau um diese Knicke und darum, sie richtig zu setzen: Der Begriff leitet sich von den japanischen Wörtern „oru“ für „falten“ und „moto“ für „Buch“ her. Da bei dieser Technik weder gemessen noch geschnitten werden muss, benötigt man nur ein ausgedientes Buch und eine Faltanleitung, die man Seite für Seite in den Schmöker einlegt, um an der markierten Stelle ein Eselsohr zu knicken.

Das erfordert Fingerspitzengefühl und Geduld, ist aber für jeden leicht erlernbar. „Das habe ich mit meinen Sechstklässlern gemacht. Wenn die das schaffen, schafft ihr das auch!“, spornt Manuela Schwendtner, hauptberuflich Lehrerin an der Wirtschaftsschule in Schwandorf, die Teilnehmerinnen des Workshops an. Viele von ihnen sind in Handarbeit geübt. Aber auch den Bastel-Anfängerinnen gelingt das „Buch-Origami“ mit Schwendtners Tipps.

Hardcover stehen besser als Taschenbücher, aber auch letztere lassen sich zum Falten verwenden. Man kann sie auch auf einer Unterlage oder einem Bildhintergrund befestigen und dann aufhängen. Oder man verwendet nicht das ganze Buch sondern nur einzelne Seiten, aus denen man Kreise oder Sterne ausschneidet, um sie zu plastischen Kugeln und Sternen zusammenzukleben. Auch die Bascetta-Sterne aus 30 quadratischen Papieren, die einzeln gefaltet und zusammengesteckt werden, kann man aus Buchseiten basteln. So entsteht Weihnachtsschmuck für Leseratten. Die Teilnehmerinnen finden schnell Gefallen am Falten: „Es macht viel Spaß und ist fast ein bisschen meditativ.“ Und wenn etwas einmal nicht auf Anhieb klappt, baut man sich gegenseitig auf.

Wer eine Pause braucht, kann sich weitere Upcycling-Ideen von Manuela Schwendtner holen. „Ich bin keine Zero-Waste Tante, aber ich schmeiße kein Tetrapak mehr weg“, erklärt sie. Stattdessen werden Getränkekartons oben abgeschnitten und „ausgezogen“, also die äußere, bedruckte Schicht wird abgezogen. Dann können sie beklebt oder bemalt werden. Die wasserfesten Gefäße dienen als Blumentopf, Stiftehalter oder Süßigkeitenbox. Wer möchte, kann Motive aus den Seitenwänden herausschneiden und so ein Windlicht basteln. Versehen mit einer Schnur wird eine Tasche oder eine Laterne daraus. „Wenn ich irgendwo eingeladen bin, habe ich so immer ein individuelles Geschenk parat“, sagt die Lehrerin.

Bücher über Nachhaltigkeit

Noch mehr Bastelideen zur Müllvermeidung findet man in der Bücherei. Kostka schafft immer wieder Bücher an, die einen nachhaltigen Lebenswandel unterstützen. Das Thema liegt ihr selbst sehr am Herzen, weshalb sie auch die Bücherei möglichst ressourcenbewusst betreibt. Wer sich als Ausleiher anmeldet, bekommt eine Stofftasche geschenkt, in der die Bücher transportiert werden können.

Doch sie muss sich immer wieder von Büchern trennen. „Die Leute wollen aktuelle Sachen lesen“, sagt Kostka. Deshalb kauft sie regelmäßig ein und sortiert zerlesene oder wenig beliebte Werke aus. Abgelegte Bücher werden aber nicht weggeworfen. Einmal im Jahr ist ein Bücherflohmarkt.

Der Kreativität sind bei der Verarbeitung ausgedienter Bücher keine Grenzen gesetzt. Foto: Verena Müller
Das Bücherfalten verlangt Konzentration, doch die Ergebnisse sind ein sehenswerter Lohn. Foto: Verena Müller
Beim Orimoto wird Seite für Seite nach einer Vorlage geknickt. Hier entsteht ein Kleeblatt. Foto: Verena Müller
Im Sinne der Nachhaltigkeit bekommen leere Getränkekartons ein zweites Leben als Windlicht, Blumentopf und Co.. Foto: Verena Müller