Warum sich die Stadtwerke Cham wegen nichts an Kunden wenden und der Chef Bluthochdruck hat

Von Johannes Schiedermeier · 5. Dezember 2023 um 19:00

„Wir schreiben Ihnen der Form halber. Sie müssen aber nichts tun und Ihr Strom wird trotzdem 2024 billiger.“ – Echt jetzt? So steht es tatsächlich in einem Schreiben der Stadtwerke, das an die Kunden-Haushalte des Stromversorgers ging. Und das in Zeiten, in denen der Blutdruck von Werke-Chef Stefan Raab ohnehin in ungesunde Höhen steigt. Dazu gibt es aber noch gar keinen Brief. Was ist da los?

Unter dem Strich handelt es sich wohl um ein Musterbeispiel für das Scheitern des Projekts „Eindämmung der Bürokratie“. Die Stadtwerke mussten ihren 8500 Kunden schreiben, um zu verhindern, dass deren Verträge einfach alle in den Grundversorgungs-Tarif fallen“, sagt Stadtwerke-Leiter Stefan Raab.

100 Prozent öko und regional

Die Stadtwerke haben die Ungunst der Stunde aber genutzt, um ihren Kunden mitzuteilen, dass sie bei der Gelegenheit auch gleich den Namen des Tarifs aktualisiert haben. Bisher bekamen die Stromabnehmer nämlich den „Regenbogen-Tarif“. Jetzt ist daraus der Regionalbogen-Tarif geworden. Raab erklärt das so: Der Strom aus diesem Tarif ist nicht mehr nur 100 Prozent öko, sondern auch gleich 100 Prozent regional. 33 Megawatt stammen aus der Direktvermarktung in einem Umkreis von 50 Kilometer um Cham. Der Rest wird regional zugekauft.

Dabei hatten die Stadtwerke in den letzten Jahren ein derart glückliches Händchen, dass sie die komplette Strompreis-Explosion zum Niedrigtarif ausgesessen haben und nun bis 2025 sogar noch billiger sind als aktuell schon.

Das Brief-Problem war also eigentlich ein Luxusproblem und im Gründe überflüssig. Die Fragestellung: Wie sage ich meinem Kunden, das eigentlich nichts passiert und er auch nichts tun muss, aber sein Tarif sich trotzdem verbilligt? Wieso sich das dann so kompliziert liest? Raab grinst: „Wenn der Hausjurist nach 1000 Mal drüberlesen auch die letzten rechtlichen Eventualitäten berücksichtigt hat... dann liest sich das so.“

Er habe schon rückgemeldet bekommen, dass manche Kunden sich gefragt hätten: Was will der eigentlich? Deswegen sei auch oft die wichtige Nachricht hinter der Nachricht untergegangen. In den Briefen steht nämlich: „...wollen wir Ihnen eine neue Preisgarantie bis 31.12.2025 erteilen für den von uns direkt beeinflussbaren, festen Preisbestandteil...“

Dabei geht es aber ausdrücklich nur um Energieerzeugung und Vertrieb. Was Raab den Blutdruck in ungesunde Höhen treibt, sind die Bestandteile auf die er keinen Einfluss hat, und die derzeit völlig unberechenbar geworden sind.

Das hat wieder einmal damit zu tun, dass die Ampel derzeit Schaltprobleme hat. Mal Rot, mal Grün, mal Gelb... Ja nachdem, wer gerade das Mikro in der Hand hat, wird die Strompreisbremse aufgrund des Milliardenlochs infrage gestellt, oder aufrechterhalten. Oder die EEG-Umlage. Oder die Subvention des Bundes für das Netzentgelt.

„Dann reden wir plötzlich von einem ganz anderen Strompreis, der von uns nicht beeinflussbar ist“, sagt Raab. Da ist es für ihn auch nur ein geringer Trost, dass die Kunden der Stadtwerke trotzdem weiter viel weniger zahlen werden als andere, die bei der Strombeschaffung zu spät dran waren. Denn Netzentgelt und EEG-Umlage treffen alle Stromanbieter gleich.

Was die Strompreisbremse angeht, so haben die 8500 Kunden der Stadtwerke sie nie kennengelernt. Mit ihren 33,83 Cent pro Kilowattstunde sind sie im derzeitigen Regiobogen-Tarif weit unter den 40 Cent Subventionsgrenze. „Natürlich gibt es verbrauchsabhängig andere Tarifkunden, die mehr oder weniger zahlen“, sagt Raab.

Es gibt auch Gewerbekunden, die den Absprung nicht geschafft und trotz der Warnungen der Stadtwerke den Kaufzeitpunkt versäumt haben. Die haben sehr wohl von der Strompreisbremse profitiert und müssten es büßen, wenn sie nun ausgesetzt würde, weil dem Bund das Geld ausgeht.

Raab hat auch für die Verständnis, die damals nicht bestellt haben. Denn vor der Strompreisexplosion war der Markt eher träge. Jetzt ist er fast so unberechenbar, wie die politischen Entscheidungen. Das ist es, was Raab Sorgen bereitet.

„Weiß nicht, wie es ausgeht“

Die Rede ist nämlich nicht von irgendwann, sondern von einem Stichtag 1. Januar 2024. Dann wackelt die Strompreisbremse. Und wenn der Staat sich dann noch entscheidet, seine fünf Milliarden-Subvention in die Netzentgelte nicht zu wiederholen, dann sind das schnell einmal sieben Cent auf den Strompreis oben drauf.

„Ich weiß nicht, wie es ausgeht“, sagt Raab. Am meisten fürchtet er einen Schnellschuss, der für seine Stadtwerke wieder einen extremen Klimmzug bedeuten würde: „Die reden sich alle leicht, aber wir müssen unsere Gebührenrechner komplett umstellen und alle über die Änderungen informieren. Dafür hatte man früher üblicherweise ein halbes Jahr Zeit. Heutzutage musst du froh sein, wenn es ein Monat ist. “