Auf den Spuren des Waldmünchner Christbaums für Rom – Botschaft bleibt aktuell

Von Petra Schoplocher · 4. Dezember 2023 um 19:00

Bisweilen sind sie mühsam, die Schritte durch den tiefen Schnee im Böhmerwald. Über sie legt sich eine besondere Stimmung, schließlich hat jeder, der sich an diesem Sonntag zu dem Ort aufmacht, an dem ziemlich genau zehn Jahre zuvor der Christbaum für Rom gefällt wurde, bringt eigene Gedanken, eine eigene Wahrnehmung mit. So entsteht inmitten des Waldes bei Fichtenbach ein wunderbares Erinnerungs-Potpourri.

Eines, das mit gespickt ist mit Anekdoten. Der Hubschrauber des Bundeswehrgeschwaders aus Laupheim, der den Baum letztlich doch nicht ausfliegen konnte – strich einen Tag vor dem Einsatz wegen eines technischen Defekts die Segel. Improvisieren war gefragt, und das binnen eines Tages und nicht nur die Logistik betreffend. Der direkte Weg für den Abtransport hätte dazu geführt, dass der Baum „ein Further“ gewesen wäre. Also entschieden sich die Waldmünchner für die Route über Höll, erinnert Vorsitzender Martin Frank.

Mit dem Tieflader in den Wald

„Ausbaden“ musste diese Entscheidung Albert Weinfurtner, weil der mit dem Tieflader den mehr als sieben Tonnen schweren Baum abholen musste. Das sei „herausfordernd“ gewesen– ein Wort, das an diesem Nachmittag noch öfter fallen sollte. Thomas Engelmann ergänzt es um das Attribut „spannend“. Schließlich galt es eine Menge Genehmigungen einzuholen, „aber wenn du weder Länge noch Gewicht kennst, wird es schwierig“, erinnert sich der Disponent der Firma Rädlinger. Offenbar hat er gut geschätzt...

Logistische Herausfordrungen

Dabei ging es nicht nur die Organisation des Wegs von A nach B (schließlich sollte der Baum sowohl in Regensburg (Innenstadt? undenkbar) als auch in München gesegnet beziehungsweise weltlich auf gute Reise geschickt werden). Italien und seine Vorgaben waren tatsächlich auch für die Unternehmensgruppe seinerzeit Neuland.

Der zweite Baum, der nicht aus Italien kam

Deutlich wird eine andere Besonderheit: 1983 war es das österreichische Innsbruck, das als erster nicht-italienischer Ort einen Christbaum für den Vatikan liefern durfte. Ein Jahr später war Waldmünchen dran. Einmalig bis heute, dass die Trenckianer ein zweites Mal zum Zuge kommen. Die hatten ursprünglich 2014 im Visier, zum Jubiläum. Als der 2013-er Lieferant aber absagte, traf die Anfrage ein, ob sie denn schon ein Jahr früher bereit wären...

„Der erste Christbaum 1984 kam aus der Welt zwischen Freiheit

und Unfreiheit, der zweite aus der Mitte Europas.“

Martin Frank

Trenckvereinsvorsitzender

Dies setzt Betriebsamkeit in Gang. Schon die Suche nach einem geeigneten Exemplar gerät zur Herausforderung, schließlich wollte man sich bestens präsentieren. „Nicht, dass wir nicht einen schönen Baum gehabt hätten“, relativiert Martin Frank. Aber: „Er musste ja auch zugänglich und abtransportierbar sein.“ Folglich suchte man Kontakt zu den tschechischen Freunden in Person von Jan Benda, seinerzeit Direktor der städtischen Wälder Domažlice. In denen gäbe es bei den Kasernen eine Menge, dem Anforderungsprofil entsprechend, ließ der Forstdirektor wissen. „Da könnt‘ ihr euch einen aussuchen.“ Sepp Liegl von der hiesigen WBV und Benda-Nachfolger Jan Skala sind es dann, die DEN Baum entdecken.

Eine Nacht im Wohnwagen auf dem Petersplatz

Um dessen früheren Standort wird viel gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Fred Uldschmid etwa, er dürfte der einzige gewesen sein, der jemals in einem Wohnwagen auf dem Petersplatz übernachtet hat. Fahrer Albert Weinfurtner gibt zu, kaum ein Auge zugetan zu haben, „so eine Spitze ist ja schnell mal weg“. Disponent Engelmann machte sich derweil Sorgen um eine Engestelle in Bozen. Maximal erlaubte Transportbreite dort: 3,50 Meter.

Audienz beim Papst

Aufgewärmt wird die Kleidervorschrift „Bundfaltenhose“ für die Papst-Audienz ebenso wie das kleine Mammutprojekt hinter dem großen, schließlich wurden weitere 60 kleinere Bäume gefällt, verpackt und nach Rom geschickt.

Lesen Sie hier: Der Kardinal zu Besuch in Waldmünchen

Auch der Papst-Rücktritt tritt ins Bewusstsein und mit diesem eine Phase der Unsicherheit, lautete die Idee doch: Ein Baum aus Bayern für den Papst aus Bayern. Mittlerweile kann Alois Frank darüber lachen. „Dann hätten wir ihn eben woanders hin geliefert.“

Generalstäbsmäßige Organisation

Neben humorvollen fallen auch ernste Worte. Andreas Bierl etwa betont dass unglaubliche Miteinander der rund 50 Helfer, der die generalstabsmäßige Organisation nicht entgegen stand. Jeder sei in seinem Fachbereich eine Macht gewesen und dennoch alle ein Team. Grundsätzlich ordnet er ein: „Das war und ist in unserem Leben ein Meilenstein.“ Bierls Worte treffen Martin Franks Nerv, der in genau dieser Arbeitsteilung und dem großen Engagement das Erfolgsgeheimnis der Trenckfestspiele als solcher sieht.

Nicht nur für Christen

Der 2013er-Christbaum für Rom sollte seinerzeit mehr sein als einer, der auf dem Petersplatz steht, erinnert er. Gedacht war er als Friedensbaum aus der Mitte Europas für die gesamte Christenheit. „Weihnachten als Fest des Friedens sollte wieder viel mehr ins Bewusstsein rücken.“ Für diese Botschaft und das Erinnerungspotpourri ist kein Schritt durch den Schnee zu schwer.

Die Firma Rädlinger vertrat Thomas Engelmann (rechts), damals als Disponent gefragt, hier mit Mitorganisator Andreas Bierl
Bewegender Moment: Der Christbaum aus dem Böhmerwald erstrahlt am 13. Dezember 2013 auf dem Petersplatz in Rom. Es war nach 1984 der zweite, den „Waldmünchen“ geliefert hat. Foto: Frank
Die Nachbarbäume, sie stehen noch rund drei Kilometer hinter der Grenze, während an die Fichte, die vor zehn Jahren zum Christbaum für Rom wurde, „nur“ noch eine Gedenktafel erinnert. Sie war Ziel einer besonderen Wanderung am Sonntag. Fotos: Schoplocher
Da werden Erinnerungen wach: Fahrer Albert Weinfurtner, der seinerzeit die gesamte, 1150 Kilometer alleine zurückgelegt hat, und Alois Frank, der damalige Vorsitzende des Trenckvereins (rechts)
Bayerwald trifft Vatikan: Der Tieflader war vor dem Einsatz sogar noch neu lackiert worden. Eine von vielen Anekdoten.
Die Gedenktafel musste erst vom Schnee befreit werden. Von ihr gibt es zwei weitere , „beim Rädlinger“ und am Trenckhäusl.