„Mutter, Vater, Kind“: Waldmünchner Bücher(ei)wurm ist zum Autor geworden

Der Gedanke kommt unaufgefordert. Huhn oder Ei, was war zuerst da? Auf Ingrid Milutinovic übersetzt lautet er: Hat die Liebe zum Lesen sie zur Bibliothekarin gemacht oder ihr Beruf sie zum Bücherwurm – und jetzt sogar zur Autorin.
„Mutter, Vater, Kind“, heißt das Erstlingswerk der 73-Jährigen. Die Grundfeste einer Familie geraten ins Wanken, als der Vater krank wird und alle von der Vergangenheit eingeholt werden.
Initialzündung in der Pandemie
Die Initialzündung für die ehrenamtliche Leiterin der Waldmünchner Bücherei, selbst zum Stift zu greifen, erfolgte tatsächlich während der Corona-Pandemie. Nicht, weil Milutinovic zu viel Zeit hatte oder auf der Suche nach einer (neuen) Beschäftigung war. Vielmehr sollte/wollte sie in der Zeit der Kontaktbeschränkungen einen Beitrag für den „Distanz“-Wunderbar-Wandelbaren Adventskalender leisten, eine Vorlesestunde auf Video. Nur: „Mit Urheberrecht hatte ich schon zu viel erlebt“, erklärt sie. Kurzerhand schrieb sie selbst eine Weihnachtsgeschichte – und kam auf den Geschmack.
Familie(n)-Geschichte(n)
Von der ersten Idee, die eigene Familiengeschichte aufzuschreiben, ist sie rasch wieder abgekommen. Familie aber sollte es sein und etwas, das sich in jeder zutragen könnte. Also erfand sie eine: Hauptpersonen, Namen, deren Alter, Orte, Entfernungen. „Du kannst deine Protagonisten nicht zum Kaffeetrinken vorbei schicken, und dann wohnen sie in Frankfurt und München“, führt sie vor Augen, welche Gedanken sie sich gemacht hat. „Das muss stimmig sein“. Deswegen hat sie ihren Roman im Rhein-Main-Gebiet angesiedelt, da hat sie lange gelebt, da kennt sie sich aus.
Im Mittelpunkt: Julia de la Motte
Warum nicht Waldmünchen? Weil dort schon die Weihnachtsgeschichte verortet ist, die sie sich 2021 ausgedacht hat, erläutert sie. „Ich wollte was anderes.“ Das gilt auch für den Fantasienamen der Figur, um die sie alles angesiedelt hat: Julia de la Motte. „Eben nicht Meier oder Müller.“
Während der Schreibphase nutzte die frühere Leiterin der Universitätsbibliothek Darmstadt zeitweise eine Skizze als Arbeitshilfe. Motto: Wo will ich hin und was passiert dazwischen. Lange genutzt hat sie sie nicht, „das hat sich schnell verselbstständigt“, beschreibt sie den Entstehungsprozess.
Spaß stand im Vordergrund
Vor allem der „Spaß an der Freude“ habe sie angetrieben, sagt sie rückblickend. „Wem‘s gefällt, dem gefällt‘s, und wem nicht, dem nicht“, sagt sie entsprechend entspannt. Zumal dies stets auch themenabhängig sei.
Lesestoff für 6,99 Euro
Aus all diesen Gründen und der Tatsache, dass es nicht ums Geldverdienen geht, hat sie sich für die Veröffentlichung über die Plattform Books on demand, Bücher auf Bestellung, in ganz schlichter Variante entschieden (was den Preis von 6,99 Euro erklärt).
Bestellbar auch im Buchhandel
Ganz durchgehalten hat sie den Grundsatz „kein Luxus“ letztlich nicht. Nachdem ihr eine Freundin bescheinigt hatte, dass „sich das toll liest“, hat sie beschlossen, sich für 40 „verschmerzbare“ Euro eine ISBN-Nummer zu gönnen. Diese stellt sicher, dass ihr Roman im Buchhandel bestellt werden kann und überall gelistet wird.
Das Zweite ist in Arbeit
Milutinovic ist auf den Geschmack gekommen. „Das zweite ist schon in Arbeit“, verrät sie. An das geht sie dank und mit der Erfahrung ihres Debütromans („das war zu Beginn eher wild“) ganz anders heran. Auch inhaltlich ist es ganz anders. Der Vorspann spielt in der Kriegszeit im Osten und „ist erst einmal harte Kost“.
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Ihr Erstlingswerk steht – natürlich – bereits in den Regalen der Stadtbücherei, als eines von 3000 Angeboten. „Für mehr ist kein Platz“, erläutert sie. Noch, denn mit dem erklärten Ziel aller Beteiligten soll die städtische Einrichtung „besser heute als morgen“ barrierefrei werden.
Mitstreiter gesucht
Während dies eine im Rathaus angesiedelte Herausforderung ist, sind sie und ihr Team auf der Suche nach ein, zwei Mitstreitern, um Ausfälle besser kompensieren zu können („taufrisch sind wir alle nicht mehr“) oder auch die angedachte Ausweitung der Öffnungszeiten umzusetzen. Milutinovic schwebt ein Zeitfenster nach der Sonntags-Messe vor, „da sind schließlich viele unterwegs“.
Kinder sollen mit Büchern aufwachsen
Wünschenswert wären zudem (mehr) Veranstaltungen, schließlich würden die Angebote stets gut angenommen. „Wir dachten schon manches Mal , jetzt müssen wir die Kinder stapeln“, veranschaulicht sie humorvoll. Gerade die „einzufangen“ ist ihr ein Herzensanliegen. „Bücher bieten so unendlich viel.“ Wenn die dann noch ein schönes Bild malen würden, das die Bücherei an die Wand hängen könne, „wäre das was“.
Gnadenlos aussortiert
Ganz und gar nicht zum Lächeln zumute ist sie mit einem anderen Punkt. In öffentlichen Bibliotheken muss (im Gegensatz zu wissenschaftlichen) alles, was drei Monate nicht ausgeliehen wurde, aussortiert werden. „Das tut einem manchmal in der Seele weh“, schildert sie ihre Gefühlslage.
Karrierebeginn als Bücherkind
Zurück zu Henne und Ei. Saubere Hände und die pünktliche Rückgabe der entliehenen Bände waren in Ingrid Milutinovics Jugend Voraussetzung, den begehrten Job als „Bücherkind“ in der Bibliothek zu ergattern – der wurde schließlich mit 50 Pfenning pro Stunde entlohnt, was „für eine 14-Jährige damals viel Geld war“. Deren Aufgabe: die Karteikarte des jeweiligen Buches finden und die Vorgänge dokumentieren.
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Fünf Jahre später startete ihre berufliche Karriere inmitten tausender Bücher, „das war‘s dann im Prinzip“, schmunzelt sie, ihr Leben im Rückblick mit und umgeben von Büchern betrachtend . 1997 übernahm sie – angeheuert unter dem Motto „Du kannst das doch“ – die Ortsteilbücherei in Klein-Gerau.
Dieses „Du kannst das doch“, gilt für das Engagement in der südhessischen Gemeinde gleichermaßen wie für das in Waldmünchen. Und auch für „Mutter, Vater, Kind.“
BUCH UND LESUNG
Brandneu: Erschienen ist das Erstlingswerk am 1. November.
Umfang: Die Erzählung umfasst 90 Seiten und kostet 6,99 Euro.
Zu haben: Bestellt werden kann es in Buchhandlungen. Die ISBN-Nummer lautet 13: 9783758305733.
Lesung: Am Nikolaustag liest Ingrid Milutinovic als Beitrag zum Begehbaren Adventskalender in der Bücherei Auszüge (18 Uhr)
