Neue Zahlen: In Bayern fehlen deutlich mehr Busfahrer als bisher angenommen

Der Busfahrermangel in Bayern ist deutlich größer als bisher angenommen. Das geht aus neuen Zahlen des Landesverbands Bayerischer Omnibusunternehmen (LBO) hervor, die der Mediengruppe Bayern exklusiv vorliegen. Neben dem Verband schlagen auch die regionalen Betriebe Alarm.
Der LBO, der die privaten Busbetriebe vertritt, hatte erst auf seiner Mitgliederversammlung in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass im Freistaat rund 2500 Fahrer fehlen. Das beruhte auf einer rund zwei Jahre alten Umfrage. Parallel zum Branchentreff in Regensburg befragte der LBO anwesende Unternehmen erneut – mit einem dramatischen Ergebnis.
Wie die neue Hochrechnung, die der Mediengruppe Bayern exklusiv vorliegt, zeigt, ist der Mangel viel größer als gedacht. So gaben die 67 teilnehmenden Firmen an, dass ihnen 472 Busfahrer fehlen. Rechnet man das auf die knapp tausend privaten Busunternehmen in Bayern hoch, kommt man auf rund 6700 fehlende Fahrer. Außerdem beschäftigen die 67 Unternehmen 454 Rentner als Fahrer – für ganz Bayern wären das 6400 Rentner.
„Am Ende werden wir bei 4000 plus X liegen“
Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. „Es sind nur 67 Unternehmen befragt worden, und das waren eher größere Firmen“, sagt LBO-Geschäftsführer Stephan Rabl auf Anfrage unserer Zeitung. Um herauszufinden, wie repräsentativ das Ergebnis ist, hat der Verband eine große Umfrage unter allen Mitgliedern gestartet. „Bisher sind wir bei 140 Teilnehmern, aber am Gesamtbild ändert sich wenig“, sagt Rabl. Ob tatsächlich zwischen 6000 und 7000 Busfahrer fehlen, könne bezweifelt werden. „Aber die 2500 sind auf jeden Fall weit überholt. Ich schätze, dass wir am Ende bei 4000 plus X liegen werden“, erklärt der LBO-Geschäftsführer.
Auch bei den vielen Rentnern hinterm Steuer bestätige sich der Trend der „kleinen“ Umfrage. „Aktuell sind 44 Prozent der fahrenden Belegschaft älter als 55 Jahre. In den nächsten zehn Jahren steuern wir auf riesige Probleme zu.“ Die Personalengpässe der öffentlichen Busbetriebe, die wohl ähnlich hoch sein dürften, sind in den Zahlen nicht eingepreist.
Helfende Rentner „halten den Laden am Laufen“
„Ohne die helfenden Rentner würden noch viel mehr Busse ausfallen. Sie halten den Laden am Laufen“, sagt Rabl. Das große Problem: Die Rentner könnten jederzeit sagen, dass sie Ende des Monats aufhören. Die Unsicherheit ist dementsprechend groß. Die Busbranche litt in den vergangenen Jahren unter mehreren Krisen. Die Corona-Pandemie ließ die Arbeit teils komplett einbrechen, seit dem Krieg in der Ukraine kämpfen die Unternehmen mit stark gestiegenen Preisen. „Wir hatten schon harte Zeiten, aber so schlimm wie derzeit war es noch nie“, sagt Rabl. Die knapp tausend privaten Busunternehmen in Bayern beschäftigen rund 13500 Fahrer. Dem LBO zufolge betreiben diese rund 70 Prozent des ÖPNV im Freistaat.
Carolin Lambürger-Treml leitet das gleichnamige Busunternehmen aus Zwiesel (Landkreis Regen) und ist LBO-Vorsitzende für den Bezirk Niederbayern. Sie kennt die Probleme nur zu gut. „Kein Unternehmen in der Region findet genug Busfahrer“, sagt sie der Mediengruppe Bayern. Sie sieht das Problem vor allem im umständlichen und teuren Busführerschein: So muss man getrennt vom Führerschein eine Berufskraftfahrerqualifikation ablegen. Das dauert insgesamt sechs bis neun Monate und kostet rund 12.500 Euro. Das sei abschreckend für Berufseinsteiger. Mittelständische Unternehmen bekommen zwischen 40 und 60 Prozent des Busführerscheins gefördert, den Rest muss der Anwärter selbst zahlen.
Busführerschein kostet in Österreich nur ein Viertel
Lambürger-Treml zufolge heißt das Vorbild Österreich: Dort kann man Führerschein und Berufskraftfahrerqualifikation zusammen erledigen. Dadurch sind deutlich weniger Stunden nötig – und die Kosten liegen zwischen 3000 und 4000 Euro.
Isabelle Brodschelm, Geschäftsführerin des gleichnamigen Busbetriebs in Burghausen (Landkreis Altötting) und LBO-Vizepräsidentin, sieht den Ball auch bei der Politik. Ausländische Ausbildungen würden zu oft nicht anerkannt. So dürften nach Deutschland geflüchtete Ukrainer selbst mit 20 Jahren Berufserfahrung nicht für ein Unternehmen fahren. Ihr Führerschein gestatte den Ukrainern zwar, privat einen Bus zu steuern – gewerblich sei das aber verboten. „Das kann doch nicht sein“, kritisiert Brodschelm.