Tote Kälber auf der Weide des Saaler Landwirts Dillinger: War ein Wolf im Spiel?

Zwei teils gefressene Kälber-Kadaver auf der Wiese und eine Kuhherde, die offenbar in Panik aus der Weide ausbrach: Für Landwirt Markus Dillinger aus dem Saaler Ortsteil Einmuß (Landkreis Kelheim) liegt der Verdacht nahe, dass ein Wolf der Auslöser war. Nun laufen Untersuchungen.
Ein schwer erträgliches Bild bot sich Landwirt Markus Dillinger, als er vorigen Samstagmittag bei Gruppe aus neun Kalbinnen und einer Kuh nach dem Rechten sah: Zwei tote Kälbchen lagen auf der Weide; eines war zur Hälfte aufgefressen, das andere wies auch Fraßspuren auf. Bei den Kälbchen dürfte es sich allerdings um Totgeburten gehandelt haben, ist sich Dillinger ziemlich sicher, anhand der Kadaver und weil die Zwillinge etwa drei Wochen früher als errechnet zur Welt kamen. Dennoch beunruhigt den Landwirt, dass womöglich ein oder mehrere Wölfe an den Kadavern fraßen.
Diesen Verdacht hegt er zum einen angesichts der Masse an Fleisch, die vom einen Kadaver weggefressen wurde: die gesamte hintere Hälfte, also zwischen 15 und 20 Kilo, schätzt er. Unter anderem wurde die Wirbelsäule, mit immerhin etwa fünf Zentimetern Durchmesser, durchgebissen.
Herde durchbrach Weidezaun
Ein zweiter Grund, der Dillinger einen Wolf vermuten lässt, ist das Verhalten der restlichen Weidegruppe, die er noch am Samstag auf eine andere Weide transportierte: Von dort brachen sieben der zehn Tiere aus, mutmaßlich am frühen Sonntagmorgen. Sie liefen mehrere Kilometer quer durch die Flur, bis sie schließlich auf einer Fläche nahe Stocka entdeckt wurden. Dort konnte Familie Dillinger die Tiere wieder einfangen und per Hänger zum Hof zurückbringen. Im Stall hätten sich die Tiere dann beruhigt; nun, zurück auf der Weide, seien sie wieder unruhig, beobachtet der Bauer.
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Die Familie Dillinger hält seit vielen Jahren jeweils einen Großteil ihrer im Schnitt 100 Tiere auf der Weide; dass eine der Herden ausbricht, sei die letzten zwölf Jahre nicht mehr vorgekommen, so Dillinger. Freilich: Wenn eine Kuh mit mehreren Hundert Kilo Masse zum Beispiel in Panik gerät, dann hält sie der Elektrozaun – ansonsten eine „magische Grenze“ – nicht mehr auf.
Solch eine Panik-Reaktion vermutet der Landwirt anhand der Spuren auf der Ackerweide: Neben normal-flachen Trittspuren finden sich sehr tiefe Abdrücke, als ob ein Tier aus vollem Lauf abgebremst hätte oder mit voller Wucht gesprungen wäre: „Das machen sie sonst allenfalls im Frühjahr, wenn sie das erste Mal auf die Weide kommen.“ Nun freilich ist die entscheidende Frage: Wer könnte so eine Panikreaktion ausgelöst haben, und vor allem: wer hat an den Kälbern gefressen?
Proben wurden entnommen
Im Idealfall klären das die Untersuchungen, die eingeleitet wurden. Nach etlichen Telefonaten landete Markus Dillinger am Montag schließlich beim zuständigen Landesamt für Umwelt, das am selben Tag einen Vertreter des „Netzwerks Große Beutegreifer“ vorbeischickte. Das Ergebnis dieser „Erstdokumentation“ (siehe Info am Text-Ende) lag am Montag noch nicht vor. Allerdings begünstigen die Umstände des Falls dessen Klärung nicht unbedingt: Vor allem der starke Regen dürfte viele Spuren vernichtet haben. Gut möglich außerdem, dass mehrere „Verwerter“ an dem Kadaver gefressen haben: Füchse, streunende Hunde, auch Krähenvögel bedienen sich ebenso an Aas wie Wölfe.
An einen Hund als Verursacher glaubt Markus Dillinger nicht – an Hunde seien seine Kühe gewöhnt und ließen sich kaum einschüchtern.
„Streuner“ gab es wohl schon
Sollte ein Wolf auf der Weide nachgewiesen werden, könnte es sich um ein umherstreifendes Jungtier handeln; diese müssen das mütterliche Rudel verlassen musste. Vermutete Sichtungen solcher „Streuner“ gab es im Landkreis Kelheim schon ab und an; einen „C1-Fall“ gemäß LfU-Definition allerdings noch nicht, sprich einen Nachweis mit „harten Fakten“: Lebendfang oder Totfund, ein genetischer Nachweis oder Fotos.
Solche Durchzügler stellen nach Einschätzung von Klaus Amann, Geschäftsführer beim Landschaftspflegeverband Kelheim VöF, bislang kein größeres Problem dar. Anders wäre die Lage, wenn sich in der Region ein Wolfsrudel etablieren und regelmäßig hier jagen würde.
Herdenschutz mit Zäunen dürfte zum Beispiel an den felsigen Hängen von Donau und Altmühl aufwendig und schwierig werden; ebenso der Einsatz von Herdenschutzhunden im touristisch sehr frequentierten Landkreis. Auch Markus Dillinger sieht seine Form der Weidehaltung in Gefahr, sollten sich Wölfe im Raum Kelheim ansiedeln: Mit Herdenschutzhunden will er persönlich keinesfalls arbeiten, und ein wolfssicheres Einzäunen der großen Weideflächen, auf denen er seine Tiere abwechselnd grasen lässt, sei zu aufwendig. Die Rückkehr zur Stallhaltung wäre die Alternative, aber die sei weder wirtschaftlich sinnvoll, noch ökologisch und unterm Aspekt Tierwohl. Dillinger fordert nun eine landkreisweite Debatte zum Umgang mit dem Wolf.
Auch Klaus Amann hält es für sinnvoll, eine Strategie im Umgang mit dem Wolf zu entwickeln. Den geeigneten Rahmen hierfür sieht er im erst kürzlich gestarteten Naturschutzprojekt „Weidelandschaften und Biotopverbund im Donau- und Altmühltal“, das der VöF betreut.
So läuft die Untersuchung ab
Erstdokumentation: Das LfU arbeitet mit einer 140-köpfigen Gruppe von Ehrenamtlichen – Jäger, Landwirte, Naturschützer – zusammen. Sie sind Ansprechpersonen bei Verdacht auf einen Nutztier-Riss unter Beteiligung von Wolf, Bär oder Luchs und kümmern sich um die Erst-Dokumentation vor Ort, nehmen Proben vom Kadaver.
Zweitdokumentation: Der Kadaver wird dann am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) seziert. Falls danach nicht ausgeschlossen ist, dass ein „großer Beutegreifer“ (mit) am Werk war, gilt der Vorfall als „Verdachtsfall“; das LfU veranlasst eine genetische Untersuchung der Probe.
Auswertung: Das LfU dokumentiert online die 65 Verdachtsfälle des letzten halben Jahres samt Ergebnissen: Etliche bleiben ungeklärt, z.B. wegen zu fortgeschrittener Verwesung. Beim Gros der Fälle ist die „Beteiligung von wildlebenden großen Beutegreifern nicht bestätigt“. Oft aufgeführt ist ein Nachweis von Fuchs-, Dachs- und/oder Hunde-DNA. Nur in fünf der 65 schon abgeschlossenen Fälle ist eine Wolfsbeteiligung „nicht ausgeschlossen“.

