Glück und Pech unter Kötztings Casino-Kuppel: Susanne Neumann macht aus vermeintlichem Abfall Poesie

Von Christina Hainzinger-Feigl · 18. November 2023 um 11:00

Ein Kunstwerk muss zu dem Ort passen, an dem es ausgestellt wird, sagt Susanne Neumann. Also die Farbe der Wand und das Bild, das an ihr hängt....? Aber nein – Künstlerin Neumann meint etwas ganz Anderes: „Meine Installationen haben immer einen Bezug zum Ausstellungsraum.“ Ihre aktuelle Installation ist im Foyer der Spielbank Bad Kötzting zu sehen. Die Themen: Glück und Pech, Arm und Reich, aber auch das Dauerthema von Susanne Neumann: das Unterwegs-Sein.

„Mobile“ heißt die Installation, die am Donnerstag, 23. November, eröffnet und als eine Art „Bühnenbild“ (Neumann) von einigen neuen Gemälden der Künstlerin begleitet wird. „Mobile“: Im Titel stecken gleich mehrere Bedeutungsebenen. Die Installation selbst ist als Mobile gestaltet, das von der goldenen Decken-Kuppel spiralförmig Richtung Boden wirbelt. Die Gegenstände der Installation sind Fundstücke und Alltagsgegenstände, die Susanne Neumann an ihren Wohnorten in Waldsassen, in Wien und in der Toskana, aber auch auf Reisen gesammelt hat. Und das ist das zweite Thema der Ausstellung: das Reisen, das „Mobil“-Sein.

Der große Buchstabe „M“

Ziemlich weit oben im Mobile hängt ein großes „M“, das für genau dieses „Mobil“-Sein stehen könnte. Oder auch nicht. Denn das sei das Spannende an der Objektkunst, der künstlerischen Arbeit mit Alltagsgegenständen, sagt Susanne Neumann: Der Betrachter erkenne die einzelnen Gegenstände, habe seine eigenen Assoziationen dazu. Der zweite Zugang sei über das Kunstwerk: Wieso wurden die Gegenstände so arrangiert? Was ist die Botschaft – der Künstlerin oder meine ganz eigene?

„Mobile“ spiegelt ein Stück weit die Welt des Spielcasinos wider: Ganz oben hängen bäuerliche Objekte – Körbe, ein Heinzen (ein Gestell zur Heutrocknung), Plastikblumen (stehen für die Natur) und jede Menge Rehbock-Schädel. Vieles davon stammt aus dem Schuppen von Neumanns Großvater in Waldsassen. Anderes stammt aus Wien (13 schwarze Plüschkatzen – symbolisieren das Pech) oder Florenz (alte Fahrradlampen). Die Künstlerin weiß: „Das wirkt für manchen erst einmal wie Abfall. Aber ich gebe den Dingen ein zweites Leben, mache etwas Poetisches draus.“ Nach dem Anruf von Spielbank-Direktor Andreas Weigert – wie sollte es anders sein, war Neumann gerade im Auto unterwegs, von Italien in die Oberpfalz – und der Anfrage, in der Spielbank Bad Kötzting eine Ausstellung zu machen, suchte die Künstlerin Gegenstände für die Installation zusammen.

Der Alltag in Schachteln

„Ich habe zu Hause alles in Schachteln geordnet: eine für kurzes, eine für altes Holz; eine für langes, eine für schönes, eine für besonderes Holz.“ Und so weiter. Neumann wusste: Die Installation sollte spiralförmig werden und sich von den Farben her von oben braun (bäuerlich, arm, alltäglich, banal) nach unten goldfarben entwickeln (wertvoll, adelig, reich – gemäß dem Wunsch des Spielers, das Casino als Gewinner zu verlassen). Aufgebaut wurde die Installation jedoch erst von Mittwoch bis Freitag in der Spielbank. „Das ist natürlich riskant, weil ich es nicht zu Hause ausprobieren kann.“ Andreas Weigert nennt die Installation einen „absoluten Hingucker“, der durchaus Diskussionen verursachen könne. Bewusst wollte der Spielbank-Direktor für die aktuelle Ausstellung eine Künstlerin haben – noch dazu eine, die nicht aus der direkten Region stamme. „Susanne Neumann kommt aus der Nordoberpfalz – und wir sind die Spielbank für die ganze Oberpfalz.“ Bislang hätten vor allem regionale Künstler im blauen Edelstein ausgestellt.

Neben der Installation sind auch Bilder von Susanne Neumann zu sehen – „Reise“-Bilder. Neumann sammelt auf ihren Fahrten nicht nur Gegenstände, sondern auch Ideen, Eindrücke und Landschaften. „Auch mein Auto ist mein Atelier.“ Neumann hat eigene Reise-Bilder gemalt – etwa Orte, wo sie eine Reise-Pause einlegte –, aber auch fremde. Wie die Auto-Raststätte, die auf einer alten Postkarte zu sehen ist, die Neumann auf dem Flohmarkt gekauft hat. Es ist eben ihr Lieblingsthema: Der Mensch als Reisender. Rastlosigkeit. Mobilität...

Die Künstlerin und die Ausstellung

Künstlerische Vita: Susanne Neumann wird geboren 1975 in Waldsassen geboren. Nach dem Abitur studiert sie von 1997 bis 2022 an der Akademie der Schönen Künste in Florenz Malerei in der Klasse von Professor Gustavo Giulietti (Abschluss mit Auszeichnung). Ab 2000 ist sie Atelierassistentin des Schweizer Objekt- und Installationskünstlers Daniel Spoerri. Es folgen 2004 bis 2010 Aufenthalte in Berlin, 2006 wird sie Vizepräsidentin der Daniel Spoerri Stiftung in der Toskana. Seit 2010 hat Neumann ein Atelier in Wien. 2014 beginnt sie in Wien zudem ein Philosophie-Studium an der Akademie der bildenden Künste. 2018 entwickelt sie zusammen mit Künstlerkolleg ein Konzept zur Umnutzung eines ehemaligen Badehauses in der Nähe von Waldsassen. Das verlassene Kurbad wird zu einem Kunst-Hotspot der nördlichen Oberpfalz. Die Arbeitsbereiche von Susanne Neumann umfassen Installation, Malerei und Objektkunst. Sie lebt und arbeitet in Wien, Waldsassen und Seggiano (Toskana), wo sie sich um „Il giardino“, den Skulpturengarten von Daniel Spoerri, kümmert.

Die Installation: Mobile wird am Donnerstag, 23. November um 19 Uhr in der Spielbank Bad Kötzting eröffnet; zur Einführung spricht Wolfgang Herzer vom Kunstverein Weiden. Zu sehen ist die Installation bis zum 29. Februar zu den Öffnungszeiten der Spielbank – täglich von 12 bis 2 Uhr.

Der nächste Künstler, der ab Mai in der Spielbank ausstellen wird, ist übrigens Florian Nörl, der den „Textilstein“ erfunden hat und in diesem Jahr mit zwei Werken in Bad Kötzting bei der Kunstausstellung vertreten war.

Susanne Neumann mit einem Teil eines großen Wand-Tableaus, das aber auch als einzelnes Bild stehen kann und in der Spielbank zu sehen ist.
Ursprünglich ein Postkarten-Motiv, dann von Susanne Neumann gemalt: eine Autoraststätte.