Regensburg zieht immer mehr Pendler an: Droht der Verkehrsinfarkt?

Auf seinem Weg zum Halbleiterhersteller Infineon in Regensburg fährt Harald Hiendl durch den Pfaffensteiner Tunnel und über die A93. „Es herrscht bedeutend mehr Verkehr als vor zehn Jahren“, sagt der Regenstaufer. Das Auto nimmt der 50-Jährige trotzdem, weil er ehrenamtlich im Rettungsdienst arbeitet und schnell vor Ort sein muss.
Tausende Berufstätige quälen sich wie der Infineon-Beschäftigte über die Stadtautobahnen. Staus gehören bei ihnen zum Alltag. 2022 sind die Autofahrer in Regensburg durchschnittlich 35 Stunden in der Blechkarawane gestanden.
Und nun ist die Zahl der Einpendler erneut um 1600 gestiegen: auf rund 97.600. Das zeigen Daten, die das Bayerische Landesamt für Statistik im November online veröffentlicht hat. Es sind alle Berufstätigen, die in die Stadt pendeln, darunter sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (fast 81.500), mehr als 10.900 Selbstständige und Geringverdiener sowie über 5100 Beamte. Zum Vergleich: 2014 waren es erst gut 70.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die einpendelten. Die Zunahme ist drastisch.
Wie viele Berufstätige mit dem Auto kommen oder mit Bus und Bahn, erhebt das Landesamt nicht. Zwei Drittel dürften jedoch den eigenen Pkw nutzen. Das stellt das Statistische Bundesamt für ganz Deutschland fest. Überdies pendeln innerhalb der Stadt beinahe 62.800 Menschen und rund 27.800 verlassen Regensburg zum Arbeiten.
Folge der Wirtschaftskraft
Die Zahl der Einpendler spiegelt die Regensburger Wirtschaftskraft wider. Zugleich werden die Verkehrswege immer stärker belastet. Das alles hängt auch mit den hohen Mieten und immer noch teuren Immobilien zusammen. Viele Städter weichen deshalb zum Wohnen in den Landkreis oder sogar ins Städtedreieck aus. Auch das zeigt die Statistik: Zahlreiche Einpendler kommen aus acht Umland-Kommunen. Lappersdorf führt die Liste an mit fast 4000 Beschäftigten, die in der Stadt ihr Geld verdienen.
Harald Hiendl ist froh, dass er zwei Wochentage im Homeoffice arbeiten kann. „Dann bin ich mindestens eine Stunde weniger unterwegs. Das ist Lebensqualität.“ Und es komme der Verkehrslage zugute.
Die Auspendler steuern vor allem fünf Städte und Gemeinden an. Auffallend viele zieht es nach Neutraubling mit seiner Industrie (3360), darunter Krones. Dass München (rund 2500) und Nürnberg (mehr als 1000) viele Regensburger Pendler aufnehmen, überrascht nicht. In Obertraubling arbeiten 850 Städter, in Regenstauf rund 800.
Welche Lösungen werden angestrebt? Stadt und Landkreis haben 2020 zusammen erreicht, dass die Bayerische Eisenbahngesellschaft einen 30-Minutentakt auf der Schiene und mehr Haltepunkte für die Region ankündigte. Freilich wird die Realisierung genau wie die einer Stadtbahn bis in die 2030er-Jahre dauern. Der Bahnhaltepunkt Walhallastraße soll 2026 oder 2027 in Betrieb gehen. Die Kommune baut Radwege aus, aber der große Wurf fehlt: die Hauptrouten vom Westen in den Osten und vom Süden ins Zentrum.
Wolfgang Bogie, Kreisvorsitzender des alternativen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) fordert, die Stadtbahn und der 30-minütige S-Bahn-ähnliche Verkehr müssten so schnell wie möglich realisiert werden, zu Stoßzeiten sei ein 20-Minuten-Takt nötig. „Beide Schienenprojekte zusammen verbessern den Pendlerverkehr.“
Das Bayerische Landesamt für Statistik hat keine Möglichkeit, die Homeoffice-Nutzung in der Pendlerstatistik zu berücksichtigen. Das kritisiert Wolfgang Bogie. Man weiß aber vom Mikrozensus, dass 24,2 Prozent der Berufstätigen im Vorjahr bundesweit zumindest gelegentlich im Homeoffice arbeiten. Wie viele Fahrten das einspart, ist nicht bekannt.
Drei Forderungen der regionalen Wirtschaft formuliert Martin Kammerer, Geschäftsführer des IHK-Gremiums Regensburg: die rasche Inbetriebnahme des Bahnhaltepunkts Walhallastraße, den Bau der Sallerner Regenbrücke und weiterer Gleise zwischen Regensburg und Obertraubling. Die Sanierung des Pfaffensteiner Tunnels sei ja bereits beschlossen.
3000 Beschäftigte mit Abo
Doch die Planungsmühlen mahlen langsam. Gegenwärtig erarbeiten externe Verkehrsplaner im Auftrag von Stadt, Landkreis und Freistaat ein Mobilitätskonzept für den Großraum Regensburg. Erste Ergebnisse wurden vorgestellt. Demnach sollen die Kommunen bis 2035 mit allen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sein, auch ohne eigenes Auto. Zwei Ziele spielen eine große Rolle: Maßnahmen für Fußgänger, Radfahrer und öffentlichen Nahverkehr sollen vorrangig umgesetzt werden. Zugleich sollen klassische und innovative Angebote wie Bahn, Bus, On-Demand-Verkehr, Car- und Bike-Sharing verknüpft werden. Straßenbau wird nicht ausgeschlossen.
Gute Nachrichten verkündet Geschäftsführer Kai Müller-Eberstein vom Regensburger Verkehrsverbund: Diesen nutzen täglich rund 110.000 Fahrgäste, fünf Prozent mehr als im Vor-Corona-Jahr 2019. Über 20.000 Menschen haben das Deutschlandticket des RVV abonniert. Auch wenn viele von anderen Tarifen umgestiegen sind, ist das positiv. Denn ein Abo führe grundsätzlich zu mehr klimafreundlichen Bus- und Bahnfahrten, sagt Müller-Eberstein.
Das sagt die Stadt
Schwerpunkt: Die Stadt hat 2023 im Radverkehr den Fokus auf Stadt-Umland-Beziehungen gelegt. Es geht um Lücken-Schließungen im Radwegenetz, um das Rad-Pendeln sicherer zu machen.
Maßnahmen: die Donaubrücke nach Sinzing für zwölf Millionen Euro, der Radweg entlang des Unterislinger Wegs zur Stadtgrenze (Scharmassing), der Lückenschluss an der Donaustaufer Straße und der Ausbau der Radstrecken bei Irl mit Lückenschlüssen über die Autobahnbrücke nach Barbing sowie den ausgebauten Feldweg nach Neutraubling.
Fahrradboxen: Diese bieten laut Stadt eine Alternative für Einpendler. Sie wurden an Stadtrand-Haltestellen von Regionalbuslinien platziert. Dort kann man ein Rad deponieren, um rasch die großen Arbeitgeber zu erreichen. Auch E-Scooter könnten in Kombination mit der Schiene eine Alternative zum Auto sein. Auf der Arcadenseite des Bahnhofs und in Burgweinting wurden Scooter-Ladesäulen eingerichtet.
Nachverdichtung: Regensburg will über verdichtetes Bauen und Nahversorgung in Wohnquartieren den Binnenverkehr reduzieren.
