„Hot Chip“-Verbot in Bayern: Wie sinnvoll ist das?

Vor einer Woche hatte das Amt noch gewarnt, nun geht es einen Schritt weiter: Das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) nimmt die extrem scharfen „Hot Chips“ aus den Regalen der bayerischen Läden.
Das bestätigte ein Sprecher auf Anfrage der Mediengruppe Bayern. Zunächst hatte die „Augsburger Allgemeine“ berichtet. Das Amt reagiert damit auf gefährliche Zwischenfälle in der Vergangenheit.
Ein Blick auf die Homepage der „Hot Chips“ bietet, mit dem Verbot und den Zwischenfällen im Hinterkopf, ein zynisches Bild: „Glaubst du, dass du es drauf hast?“, prangt in dicken weißen Lettern auf dem rot-orange lodernden Hintergrund. Links daneben wird auf die Vorzüge der Chips verwiesen: glutenfrei und vegan sind sie. Verpackt sind die Chips in einem Karton in der Form eines Sargs.
14-Jähriger in den USA stirbt nach Challenge
Auch das hat einen bitteren Beigeschmack, denn ein 14-Jähriger aus Massachusetts (USA) verstarb Anfang September nach Teilnahme an der Mutprobe „Hot-Chip-Challenge“, die der Hersteller selbst auf der Website bewirbt. In Deutschland und auch in Bayern mussten einige Jugendliche aufgrund der Challenge im Krankenhaus behandelt werden.
Die „Hot-Chip-Challenge“ besteht darin, sich beim Essen des Chips zu filmen und das Video in den Sozialen Medien – vorzugsweise „Tik Tok“ – hochzuladen. Selbstverständlich mit allen Folgen: Je mehr Tränen, Schmerzen, Übelkeit, desto besser.
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Aus medizinischer Sicht findet es Prof. Dr. med. Siegfried Wagner, Chefarzt der Gastroenterologie am Donau-Isar-Klinikum Deggendorf-Dingolfing-Landau, „keinen großen Verlust“, dass die Chips nun aus den Regalen verbannt werden. Er macht aber auch klar, dass das Capsaicin, der Wirkstoff, der für die Symptome bei der Challenge sorgt, ganz natürlich etwa in Chilischoten oder auch in Cayenne-Pfeffer enthalten ist. Es sei daher ein klassischer Fall von „die Dosis macht das Gift“, wie Wagner sagt.
Todesfälle sind tragische Ausnahmen
Der Wirkstoff regt die Schmerzrezeptoren an, steigert die Durchblutung und erhöht den Blutdruck. Bei übermäßigem Konsum führe das dann zu den typischen Beschwerden der Challenge, wie Übelkeit und Erbrechen, und schädigt zudem die Schleimhäute. Das seien jedoch alles reversible Erscheinungen, wie Wagner sagt. Todesfälle, wie in den USA, sind tragische Ausnahmen: „Es kann natürlich auch zu einer Anaphylaxie kommen, so kann ich mir das in diesem Fall auch erklären“, sagt Wagner. Ihm selbst seien in der Klinik noch keine Patienten infolge der „Hot-Chip-Challenge“ untergekommen.
Auf der Website der Challenge heißt es: „Die ,Hot Chip Challenge‘ wird Sie nicht verletzen.“ Möglich sei aber, „dass Sie während des Verzehrs unscharf sehen, das Atmen schwerer fällt und dass Sie literweise in Schweiß baden.“ Schwangeren und stillenden Frauen, Kindern und Menschen mit schwachem Magen wird vom Verzehr abgeraten.
Der Drang nach Aufmerksamkeit
Als „sehr gefährlich“ stuft Prof. Dr. Maximilian Sailer, Inhaber des Lehrstuhls für Erziehungswissenschaft an der Uni Passau, die Challenge ein. Es sei normal, dass sich Jugendliche ausprobieren und ihre Grenzen ausloten. Durch Soziale Medien steige jedoch der Druck, immer noch einen draufzusetzen, um Anerkennung zu bekommen. Ein Verbot sei eigentlich kontraproduktiv: „Ein Verbot animiert dazu, es zu umgehen“, so Sailer. Stattdessen sollten Eltern ihre Kinder über die Gefahren aufklären und andersherum ihren Kindern genau zuhören, was sie bewegt.
Nun bereitet das LGL dem Verkauf der Chips in den Läden ein Ende. Der „Augsburger Allgemeinen“ teilte ein Sprecher mit, es sei aufgrund der bisherigen Untersuchungsbefunde davon auszugehen, dass keine Charge als sicher eingestuft werden könne.
Chips im Online-Shop ausverkauft
Die für den Vollzug zuständigen Kreisverwaltungsbehörden „wurden bereits darüber informiert und gebeten, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen und das Produkt chargenunabhängig aus dem Verkehr zu nehmen“, so der Sprecher weiter.
Ob das Verkaufsverbot wirkt, wird sich zeigen: Im Online-Shop des Herstellers sind die Chips derzeit ausverkauft.