Ausbildungsbilanz 2023 in Cham: Auf alle wartet der Wunschberuf

Von Christoph Klöckner · 9. November 2023 um 05:00

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – diese Weisheit mussten sich jahrzehntelang Auszubildende anhören, um bei kargem Lohn weitreichende Dienste zu leisten. Heute sieht das anders aus im Landkreis Cham – die Schulabgänger können wählen, wo sie ihre Berufslaufbahn starten. Das heißt, wer sich als Unternehmen nicht um den Nachwuchs und um sein Image bemüht, dessen Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt.

Und nicht nur die – denn es gibt einfach zu wenig Bewerber für zu viele Stellen, wie Landrat Franz Löffler gemeinsam mit Siegfried Bäumler von der Agentur für Arbeit, die beide Branchenvertreter, Fortbildungseinrichtungen und Schulen zur Ausbildungsbilanz 2023 geladen hatten, feststellte. Wobei sich die Ausbildungswelten zu dem, was noch vor zehn oder 15 Jahren gegolten habe, ins Gegenteil verkehrt hätten, stellte Löffler fest. Wer damals als Schulabgänger eine Ausbildung starten wollte, musste erst einmal zahlreiche Bewerbungen schreiben, um irgendeinen der begehrten Stellen zu ergattern.

Heute, so Bäumler, seien im Landkreis Cham von den Firmen 1993 Ausbildungsstellen angeboten worden – das seien noch einmal 14 Prozent mehr als im Vorjahr gewesen. Dem standen 646 gemeldete Bewerber – auch hier ein Plus von fast zehn Prozent zu 2022 – gegenüber, wobei etwa 100 davon zur Weiterbildung auf Schulen oder gleich ins Studium wechseln. „Ende September waren noch 526 Ausbildungsplätze zu haben – und das in allen Berufen!“, sagte Bäumler, der von einer hervorragenden Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Landkreis sprach.

Dass die Betriebe mehr Plätze angeboten hätten, zeige auch den Bedarf an Fachkräften, der die „zentrale Herausforderung“ sei. Dennoch werde wohl manche Firma merken, was es bedeute, keine Auszubildenden zu haben. Er hob hervor, dass regionale Projekte wie die 2023 erstmalige Anwerbung von Azubis aus Kirgisien ausgebaut würden. Die bisherige Zahl von 20 werde 2024 verdoppelt oder verdreifacht.

Die Nachricht sei nicht, dass so viele Stellen unbesetzt blieben, sondern dass es nochmals mehr Bewerber gebe als 2022, so Landrat Franz Löffler: „Die Leute kommen von auswärts, aus anderen Landkreisen, um hier ihre Ausbildung zu machen!“ Immer mehr Menschen würden einpendeln und hier arbeiten – aktuelle etwa 14000 – entsprechend sei die Zahl der versicherungspflichtigen Jobs im Landkreis weiter gestiegen. Auch wenn der demografische Wandel herausfordernd sei, „stehen wir nicht schlecht da!“ Das zeige die Stärke der Wirtschaft in Cham, die auch auf der dualen Ausbildung in Deutschland fuße, die einzigartig sei. Allein im Landkreis gebe es 130 verschiedene Berufe, die man erlernen könnte.

Die gute Bilanz bestätigten auch die Branchenvertreter von IHK und Kreishandwerkerschaft. Der Landkreis habe mit die stärksten Ausbildungszahlen in der Oberpfalz, so IHK-Vertreter Ralph Schwarzfischer – gut 500 Ausbildungsverträge seien in Industrie, Handel oder im Tourismusbereich unterzeichnet worden. Doch 47 Prozent der Betriebe hätten nicht alle Plätze besetzten können, „37 Prozent haben gar keine Bewerbung bekommen!“

Im Handwerk starteten 372 junge Menschen ihre Ausbildung, wie Kreishandwerksmeister Georg Braun erläuterte – das seien nochmals 21 Prozent mehr als 2022 gewesen.

Gleich verdoppelt zu Zahlen von 2019 hat die Gastronomie ihre Zahlen: 66 Azubis aus zwölf Nationen starteten hier, wie Manuela Heizler erläuerte – allein 23 Köche seien in Ausbildung.

Die Bauinnung, die durch Obermeister Franz Wilhelm vertreten wurde, betonte die Stärke des Baus im Landkreis und in der Oberpfalz. 45 neue Ausbildungsverträge zum Maurer oder anderen Bauberufen seien abgeschlossen worden.

Zahlen und Fakten zur Ausbildung

Stellen: Laut der Zahlen der Agentur für Arbeit waren im Herbst von den Chamer Unternehmen 1993 Ausbildungsstellen gemeldet worden – 247 oder 14,1 Prozent mehr als im Vorjahr.

Bewerber: Die Zahl der bei der Agentur gemeldeten Bewerber lag in diesem Jahr bei 646 Personen, was auch ein Plus von 57 Jugendlichen oder fast zehn Prozent bedeutete. Doch 100 der Bewerber setzen ihre Ausbildung fort, gehen an die FOS oder ins Studium.

Offen: So zählt die Agentur für Arbeit am Ende 526 freie Ausbildungsstellen in allen möglichen Berufen – von der Pflege bis zum Zerspaner. 130 Ausbildungsberufe gibt es im Landkreis Cham.

Schulen: Über die Fachschulen der VHS referierte Winfried Ellwanger – an der Physiotherapieschule hätten 21 neue begonnen, an der Pflegefachschule in Bad Kötzting 99 – die Helferausbildung mit 40 Teilnehmern sei sogar zweizügig.

Landrat Franz Löffler (re.) und Siegfried Bäumler von der Agentur für Arbeit hatten zur Ausbildungsbilanz geladen.