Ein „bitteres Erwachen“ nach dem Terrorakt der Hamas

Die Berliner Schriftstellerin und Regisseurin Adriana Altaras hat in ihrem autobiographischen Roman „Titos Brille“ 2011 die Geschichte ihrer jüdischen Familie geschrieben. Das Buch steht ab Februar 2024 im Fokus der Veranstaltungsreihe „Regensburg liest ein Buch“. Die Mittelbayerische erreichte Altaras am Telefon in Hamburg, wo sie aktuell an der Staatsoper die Neuproduktion „Händels Factory“ inszeniert. Im Interview spricht sie über ihr Buch, ihre Beziehung zu Regensburg und über das Aufbrechen alter Traumata durch den Terror der Hamas in Israel.
Frau Altaras, wie kommt Ihr Kontakt mit Regensburg zustande?
Adriana Altaras: Als „Titos Brille“ erschienen ist, war Ulrich Dombrowsky der Allererste, der mich eingeladen hat. Er kannte mich nicht, es war mein erstes Buch. Man kann fast sagen es war Liebe auf den ersten Blick, weil es eine so tolle Lesung war. Der Sportverein seiner Frau war da, wir haben hinterher noch lange gesessen. Ich habe in diesem tollen Orphée-Hotel gewohnt. Das ist mir in guter Erinnerung geblieben.
Danach haben Sie weitere vier Bücher geschrieben und kürzlich Ihr neues Buch bei Dombrowsky vorgestellt.
Altaras: Dieses Vorab-Vertrauen, das ist geblieben. Ich bin mit all meinen Büchern in Regensburg gewesen, es ist eine der ersten Lesereisen pro Buch. 2011 war es etwas Besonderes: Es gab das Buch noch gar nicht lange. Ulrich konnte nicht ahnen, dass es erfolgreich wird.
„Titos Brille“ war sehr erfolgreich und kam 2014 auch als Film in die Kinos. Hat der Erfolg Sie überrascht?
Altaras: Ja! Ich bin ja keine geborene Schriftstellerin. Vorher hatte ich kleine Sachen geschrieben fürs Theater, aber nicht ganze Romane.
Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Altaras: Ich glaube, es war der sehr direkte und versöhnliche Ton, so dass die Leute die Geschichte über das Trauma der Holocaust-Überlebenden und der zweiten Generation auch annehmen konnten. Und dass sie sogar Spaß hatten, es zu lesen und dabei Dinge zu erfahren wie „Juden sind ganz normale Menschen wie Du und ich! und haben auch Sorgen mit ihren Kindern“. Sowas.
Im Prolog zu „Titos Brille“ schreiben Sie: „Die Vergangenheit ist Jetzt“. Mit dem Überfall der Hamas auf jüdische Israelis hat die Vergangenheit in Form von ungezügeltem Antisemitismus Israel und auch Deutschland eingeholt. Hat das, was Sie in „Titos Brille“ schreiben, eine neue Aktualität gewonnen?
Altaras: Ja, „Titos Brille“ ist aus einem sehr traurigen Anlass wieder aktuell geworden. Mich haben die Ereignisse des 7. Oktober extrem aus den Latschen gehauen. Bei wem tut es das nicht? Für uns Juden ist es nochmal extremer, weil es wirklich an den Kragen geht, und ein Riesenfass aufmacht an alten Traumata, an Ängsten, an Panik, an Misstrauen, an allem. Dazu kommt das Leid all der Zivilisten. Ich trenne da sehr genau zwischen der Terrormiliz Hamas und dem palästinensischen Volk. Dieses Massaker an jüdischen Zivilisten das ist für mich ein Albtraum. Ich leide mit mit den palästinensischen Zivilisten, aber ich kann die Hamas nur verurteilen. Wer das nicht tut, den kann ich überhaupt nicht verstehen. Diese Situation ist gar nicht so kompliziert: Es werden Juden und Israelis miteinander vermengt, Palästinenser und Hamas-Terroristen. Das stachelt die Gewalt an.
Seit dem 7. Oktober steigt in Deutschland die Zahl antisemitischer Straftaten deutlich an.
Altaras: Es hat sich sehr viel verändert seit dem 7. Oktober, für jeden von uns. Ich habe das nicht für möglich gehalten – den Sprachgebrauch der jetzt Platz gefunden hat. Ich habe aber noch nicht mal die hohe Anzahl der AfD im bayerischen und hessischen Landtag für möglich gehalten. Das ist jetzt schon ein bitteres Erwachen.
In einem Artikel für die Zeit schreiben Sie 2015: „Lieber Bibi Netanjahu, du wirst ohne mich auskommen müssen, denn ich fühle mich wohl in Deutschland.“ Gilt das auch jetzt noch?
Altaras: Deutschland ist mein Heimatland und ich werde diese Demokratie nicht verlassen, ich sehe das gar nicht ein. Ich werde für sie kämpfen zusammen mit allen anderen Demokratiewütigen. Wir haben ein Wahnsinnsgeschenk hier in Deutschland und das lasse ich mir so schnell nicht nehmen. Wir haben so viele Länder um uns herum, die nicht demokratisch regiert werden. Es gibt viele Juden, die das erwartet haben. Ich habe immer zu denen gehört, die auf Versöhnung und Vertrauen gesetzt haben. Jetzt musste ich bitter erwachen.
Der Schriftsteller Tomer Dotan-Dreyfus sagte bei der Buchmesse, Israel sei für Juden kein sicherer Hafen mehr. Was bedeutet das für Juden in Deutschland?
Altaras: Diese Frage muss ich Ihnen wirklich zurückgeben: Was bedeutet es für Sie? Mit Antisemitismus kennen sich die Nicht-Juden viel besser aus als die Juden, das ist nicht nur ein jüdisches Problem. Wenn Gewalt herrscht oder eine Diktatur, wenn der Islamische Staat regiert, müssen wir alle uns fragen, wo wir stehen. Das erwarte ich auch von der Demokratie und von nicht-jüdischen Deutschen.
Die „gepackten Koffer“ sind eine Metapher für das fehlende Vertrauen von Juden in die deutsche Gesellschaft und den Staat. Nun kommt der Druck auch noch aus Israel.
Altaras: Es war für alle Juden gut zu wissen, es gibt ein Land, wo ich hinkann. Das gibt es nicht mehr. Ich verabscheue die Regierung Nethanjahu – das ist für mich wirklich eine Katastrophe. Neu ist, dass viele andere Länder eine Fratze zeigen. Also muss ich mich verlassen auf meine Mitmenschen.
Wie haben Sie die Zeit seit dem 7. Oktober persönlich erlebt?
Altaras: Ich habe wahnsinnig viel Anteilnahme bekommen. Ich fühle mich nicht allein und trotzdem fühle ich mich allein. Das ist eine neue Situation, die auch mich als Jüdin anders betrifft.
Inwiefern?
Altaras: Bisher hatte ich nie darüber nachgedacht, öffentlich zu sagen, ich bin Jüdin oder darüber, dass Leute mit Kippa vorbei gehen. Jetzt denke ich nach – zum Beispiel darüber, ob ich Ulrich Dombrowsky anrufe und ihn frage: Weißt Du eigentlich, was das jetzt heißt, wenn eine Jüdin kommt? Gerade jetzt eine Jüdin einzuladen, ist sehr speziell. Ich bin in meinem Selbstverständnis infrage gestellt, in meinem Land, in meiner Stadt. Ich mag blauäugig gewesen sein, aber es war so.
Im bayerischen Landtagswahlkampf wurde durch den Flugblattskandal um Hubert Aiwanger viel über Erinnerungskultur diskutiert. Gibt es damit ein Problem in Deutschland?
Altaras: Klar gibt es ein Problem in Deutschland, das hat der Fall Aiwanger gezeigt. Ich habe das verfolgt. Bayern ist herrlich und mir sehr vertraut. Aber wenn die Bayern so weitermachen, ist der Rechtsruck nicht mehr aufzuhalten. Er kommt nicht ganz überraschend: Die Zeiten sind unsicher, nicht nur wirtschaftlich. Und da sucht man nach einfachen Lösungen. Das Schlimme ist, dass die Rechtspopulisten lauter leere Versprechungen machen. Ich finde das sehr, sehr deprimierend.
Ihre Geschichten kommen mit viel Humor daher. Machen Sie so Ernstes zugänglicher?
Altaras: Ja, aber ich kann auch nicht anders. Das ist meine Sicht auf das Leben. Das haben meine Eltern auch so gemacht. Wenn ich schon keine blöden Witze mehr mache, dann ist echt Alarm.
Was bedeutet die neue Situation für Ihr Schreiben?
Altaras: Mich hat eine derartige Ohnmacht erfasst, dass ich selber noch nicht weiß, wie ich künftig schreiben und sprechen werde. Ich bin wirklich eine Plappertasche und habe immer zu allem einen flotten Spruch, aber es ist ein absoluter Einschnitt. Ich suche nach Worten, wie ich diesen neuen Zustand beschreiben soll.
Das Gespräch führte Katharina Kellner
Regensburg liest ein Buch:
Leseaktion: Im Februar 2024 startet „Regensburg liest ein Buch“ zum fünften Mal in Kooperation mit der Stadt Kelheim.
Termin: Die Stadtgesellschaft ist aufgerufen, die Aktionswochen mit eigenen Formaten zu bereichern. Dazu veranstaltet das Organisationsteam einen Info-Abend: Heute um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Regensburg. Ideen und Vernetzungswünsche können eingebracht werden, um viele Vorschläge, gerne auch ungewöhnliche, rund um das breite Themenspektrum des Romans „Titos Brille“ zu realisieren. Das Team bittet um Anmeldung unter info@regensburg-liest.de.