Überfall auf Geldtransporter in Cham: Haft für Millionen-Coup

Von Philip Hell · 3. November 2023 um 18:36

Das Urteil ist gefallen: Die drei Angeklagten im Prozess um einen fingierten Überfall auf einen Geldtransporter Mitte April dieses Jahres in Cham müssen in Haft. Das hat das Landgericht Regensburg am Freitag entschieden.

So hat sich die Tat zugetragen: Ein 56-jähriger Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, der in Regensburg wohnt, parkte den Geldtransporter vor einem Supermarkt in Cham. Seine zwei Kollegen gingen in das Geschäft. In dieser Zeit öffnete der Regensburger einer 28-Jährigen die Tür. Die Influencerin ist die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin (52), die die junge Frau in der Nähe des Supermarkts abgesetzt hat. Den beiden Angeklagten gelang es, rund eine Million Euro zu stehlen. Der 56-Jährige instruierte die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin, wie sich der Tresorraum des Transporters öffnen lässt. Die junge Frau betätigte daraufhin einen Knopf, wodurch der Mann zum Geld gelang. Die 28-Jährige brachte die Beute zu ihrer Mutter, während der 56-jährige Regensburger der Polizei und seinen Kollegen von einem angeblichen Überfall erzählte. Noch am Tag der Tat brachte die 52-Jährige einen Großteil des Geldes zu einem anderen Liebhaber – der lieferte die Scheine jedoch nach einigen Wochen bei der Staatsanwaltschaft Regensburg ab. Rund 130.000 Euro fehlen allerdings bis heute.

Schnell kam den Ermittlern Zweifel an dieser Version, sie beschatteten die Beteiligten. Rund zwei Wochen nach der Tat klickten die Handschellen. Während der Regensburger schnell gestand, verstrickte sich seine ehemalige Lebensgefährtin immer wieder in Widersprüche.

Wer zog die Fäden?

Der ganze Prozess drehte sich immer wieder um die Frage, wer denn nun der eigentliche Drahtzieher des Coups war. In seinem Plädoyer maß Staatsanwalt Oliver Kugler dem nur eine untergeordnete Rolle zu. Alle seien Mittäter, betonte der Jurist. „Es ist letztlich irrelevant, wer wen überredet hat.“ Die Beweisaufnahme habe hierzu keine klare Antwort geliefert. Er forderte Haftstrafen bis zu fünf Jahren.

Helmut Mörtl, Strafverteidiger des ehemaligen Geldtransporter-Fahrers aus Regensburg räumte in seinem Plädoyer ein: „Ohne ihn wäre die Tat unmöglich gewesen.“ Sein Mandat hätte nur Nein sagen müssen, betonte der Jurist. Für die Strafzumessung sei allerdings bedeutend, wie es zur Tat kam: Mörtl zufolge sei der 56-Jährige nach der Trennung von seiner Frau vor rund elf Jahren in eine Krise abgerutscht, sei zeitweise nur noch zum Arbeiten aus dem Haus gegangen. Als er die Mitangeklagte im März 2022 in einer Straubinger Diskothek kennenlernte, habe sich das geändert. „Das Licht ging an.“ Schnell habe ihn seine neue Freundin allerdings um viel Geld gebracht. Mörtl betonte aber auch, dass sein Mandant das durchaus gern getan habe. „Er war blind vor Liebe.“ Die 52-Jährige sei schließlich auch die treibende Kraft hinter dem Diebstahl gewesen. Der Mann habe Angst gehabt, die Frau zu verlieren – so wie er schon seine Ex-Frau verloren habe. Prabhlin Sidhu, die den Regensburger ebenfalls vertritt, betonte, dass ihr Mandant frühzeitig gestand. Sie forderte eine Haftstrafe von unter drei Jahren und drei Monaten.

Die 52-jährige Ex-Lebensgefährtin wurde vor Gericht von Rechtsanwalt Michael Frank vertreten. Er betonte die Strapazen, die seine Mandantin durch die Untersuchungshaft, in der sie seit rund einem halben Jahr sitzt, erlitten habe. Zudem äußerte er Zweifel daran, ob es sich wirklich um einen Diebstahl mit Waffen gehandelt hat. Zwar habe der 56-jährige Geldtransporterfahrer eine Pistole getragen, diese aber schnell abgelegt und verstaut. Zudem sei ein Großteil der Beute zurückgegeben worden. Wo der Rest sei, wisse sie nicht. Frank forderte für die Frau aus dem Landkreis Straubing-Bogen eine Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Der Anwalt der angeklagten Influencerin, Martin Ondrasik, betonte in seinem Plädoyer, dass die Tat auch ohne die 28-Jährige möglich gewesen wäre. Sie räume die Tat allerdings ein. „Sie hat aber nur das getan, was man ihr gesagt hat.“ Auch Ondrasik hegte Zweifel an der Anklage wegen Diebstahls mit Waffen. Die Pistole sei nie Thema gewesen. Er forderte eine Bewährungsstrafe. Das halbe Jahr in Untersuchungshaft sei seiner Mandantin „ein Warnschuss“ gewesen. In ihren letzten Worten betonten alle Angeklagten, dass ihnen der Vorfall leid tue. Bei dem 55-jährigen Regensburger und der 28-jährigen Influencerin flossen Tränen.

Verliebtheit und Angst

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Andreas Gietl verurteilte die beiden Hauptangeklagten wegen Diebstahls mit Waffen zu jeweils drei Jahren und sechs Monaten Haft. Die Influencerin muss wegen Diebstahls für zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Gietl sah beim 56-Jährigen eine „Mischung aus Verliebtheit und Angst“ als Motiv. Er sei allerdings die zentrale Figur des Coups gewesen. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass seine ehemalige Lebensgefährtin weiß, wo die restliche Beute ist. Das wirke sich strafverschärfend aus. Sie habe darüber hinaus ihre Tochter „mit reingezogen“, diese habe allerdings nichts von der Waffe gewusst, weshalb das Gericht von einem Diebstahl ausgeht. Strafmildernd wirke sich die „sehr hämische“ Berichterstattung überregionaler Boulevard-Zeitungen aus.

Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.