Trotz Vakanzzeit ein Grund zum Feiern: Glocken in evangelischer Kirche läuten seit 60 Jahren

Von Oliver Hausladen · 4. November 2023 um 19:00

Das Leben in der evangelischen Gemeinde Roding geht auch in der Vakanzzeit ohne Pfarrer (fast) seinen gewohnten Gang, und es gibt sogar einen Grund zum Feiern: Vor 60 Jahren wurden die vier Glocken im Turm der Christuskirche eingebaut. „Das ist schon etwas Besonderes“, freut sich Lektor Andreas Förster, der sich mit weiteren Ehrenamtlichen erfolgreich bemüht, die Zeit ohne einen Pfarrer so zu überbrücken, dass die Gläubigen wenig davon merken.

Der Weg der Kirchengemeinde, die Glocken zu bekommen, war kein einfacher, wie ein Blick in die Chronik zeigt. Am 10. Oktober 1954 wurde die Christuskirche eingeweiht, doch erst am ersten Advent 1963 konnten die Glocken bei einem Festakt eingeweiht werden. Auch damals gab es schon Probleme etwa mit der Finanzierung, hat Förster recherchiert.

Die vier Glocken taten dann lange Jahre treuen Dienst, bis vor einem Jahr eine größere Investition anstand, um vor allem die größte und mit 1240 Kilogramm schwerste der vier Glocken, die nach dem Evangelisten Matthäus benannt ist, zu reparieren. Der Motorantrieb war kaputt, ebenso wurden von einer Spezialfirma neue Klöppel installiert und rostanfälliger Stahl durch Eichenholz ersetzt, berichtet Förster.

Eine Menge Technik

Bei der Gelegenheit wurde dann aber auch gleich mehr auf Vordermann gebracht, „es steckt auch eine Menge Technik dahinter“, weiß der Lektor. Unter anderem gibt es eine Zeitschalt-Uhr, die dafür sorgt, dass die Glocken wenig Arbeit machen: „Sie läuten zu vorprogrammierten Zeiten von selbst. Wir müssen eigentlich nur tätig werden, wenn das Vater-Unser-Gebet ansteht oder wir Gottesdienste außer der Reihe haben, wie etwa Taufen oder Beerdigungen“, erläutert Förster. Die Töne sind im Übrigen mit der katholischen Pfarrkirche St. Pankratius abgestimmt, „quasi eine Ökumene bei den Kirchenglocken“, sagt der Lektor mit einem Lächeln.

Etwa 1500 Gläubige in und um Roding

Die Vakanzzeit, die seit 1. März besteht, als Pfarrerin Lisa Hacker auf eigenen Wunsch Roding wieder verlassen hat, sei so weit durchorganisiert, berichtet Förster. Den etwa 1500 Gläubigen in und um Roding solle so wenig wie möglich auffallen, dass kein Pfarrer da sei, was auch größtenteils gelinge: „Die Gottesdienste und sonstige Veranstaltungen finden wie gewohnt statt.“

Als Vertretungspfarrer agiert Gerhard Beck aus Neunburg vorm Wald, der schon öfter im Rodinger Raum tätig war. Für die Kasualien wie Taufen oder Beerdigungen ist Pfarrer Joachim Höring aus Nittenau zuständig. Auch Dekanin Ulrike Dittmar in Cham stehe als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Weitere Verbesserungen sind geplant. So wird etwa eine Sekretärin eingestellt, die an einem festen Tag einige Stunden im Pfarrbüro sein wird, „damit die Leute wissen, dass jemand da ist und sie einen Ansprechpartner haben.“ Ebenso soll der Telefonanschluss bald mit den Pfarrbüros in Nittenau und Neunburg vorm Wald zusammengelegt werden, so dass Anrufer ein menschliches Gegenüber haben. „Bei manchen Dingen, etwa bei einem Todesfall, ist das sehr wichtig“, findet der Lektor, der auch selbst verstärkt Gottesdienste hält.

Hoffen auf kurze Vakanz

Ein „wahrer Glücksfall“ für die Gemeinde sei, dass auch Dekan in Ruhe Walter Kotschenreuther, der in Roding wohnt, immer wieder einspringe und etwa Gottesdienste zelebriere. „Wir sind sehr dankbar, dass er uns in dieser Zeit hilft“, sagt Förster.

Eine Zeit lang könne die Arbeit so auf mehrere Schultern verteilt erledigt werden, trotzdem würde sich Förster riesig freuen, wenn es bei der vorgeschriebenen minimalen Vakanzzeit von sechs Monaten bleiben und sich ein geeigneter Bewerber finden würde. „Die Zusage eines neuen Pfarrers wäre das schönste Weihnachtsgeschenk für uns“, sagt er. Wenn es etwa länger dauern sollte, wäre es nicht so schlimm, solange eine Zusage da wäre, betont Förster aber: „Das würde es für alle Helfer einfacher machen, wenn ein Ende absehbar wäre.“

Glocken sind nach den Evangelisten benannt

Symbole und Inschriften: Die vier Glocken im Turm der evangelischen Christuskirche Roding sind nach den Evangelisten benannt. Sie tragen das jeweilige Symbol der Evangelisten sowie eine Inschrift.

Glocke 1: Matthäus (Mensch): „Siehe, ich bin bei Euch bis an der Welt Ende.“ (Mattäus 28, 20).

Glocke 2: Markus (Löwe): „Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallet, der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ (Markus 14, 38)

Glocke 3: Lukas (Stier): „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ (Lukas 2, 14)

Glocke 4: Johannes (Adler): „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“ (Johannes 3, 16).

Anlieferung der Glocken vor 60 Jahren Foto: Archiv Kirchengemeinde