Der Sparkassenchef und sein Geldinstitut im Wechselbad der Zinswelten

Die Welt verändert sich fast über Nacht. Auch die von Franz Wittmann. Wenn der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse im Landkreis Cham vor einigen Jahren mit seinem E-Scooter entlang des Regens zur Arbeit flitzte, drehten sich die Leute nach ihm um. „Heute sind da viele Inder mit ihren Rollern unterwegs“, da interessiere sich keiner mehr für ihn, so Wittmann, auf die mobilen Studenten des Chamer Campus anspielend.
Gedreht hat sich auch die Zinswelt – auch fast über Nacht, und so, wie es keiner erwartet hat. Wenn es noch möglich wäre, hätte Franz Wittmann deshalb wohl graue Haare bekommen.
Überraschende Zinswende
„Alle Volkswirt e haben vorhergesagt, dass der niedrige Zins 2024 bleibt! Alle waren überrascht!“, sagt Wittmann und meint die abrupte und massive Zinswende der Europäischen Zentralbank aus dem Nullzinstal auf steile Zinsberge von vier Prozent und mehr – und das innerhalb weniger Monate.
Das sei ein Stresstest der besonderen Art gewesen. Auch ihn selbst wie die Sparkassen hat das überrascht – mit einem Lachen auf dem Gesicht ist sein Fazit daher klar: „Glaube keinem Volkswirt!“ Der Ukrainekrieg sei noch dazugekommen und habe die Lage belastet. Vieles wie etwa Baufinanzierungen als ein Geschäftsbereich der Sparkasse hat das über Nacht fast zum Stillstand gebracht – „das tut weh!“
Daher seien aktuell noch viele in der „Schockstarre“ – die Bauanträge seien daher im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent eingebrochen. Doch er rechne als Optimist damit, dass sich der Zins 2024 wieder leicht nach unten bewege und sich die Warteschleife für Bauvorhaben etwa im Einfamilienhausbau im Landkreis im kommenden Jahr auflösen werde. Denn dann kämen die Tarifabschlüsse zum Tragen – „der Lohn steigt“, so Wittmann. Und damit steige bei vielen Haushalten auch wieder die Möglichkeit, etwa in den Baubereich, ob Sanierungen oder Neubauten, zu investieren.
Zudem würden die Bauunternehmen neu kalkulieren müssen, also die Preise senken müssen, um Anschlussaufträge zu bekommen. Denn aktuell würden noch Auftragsbestände abgearbeitet. Und auch die Gefahr von Arbeitslosigkeit von Kreditnehmern als Ausfallrisiko sei gering – noch immer würden Arbeitskräfte im Landkreis von den Unternehmen gesucht, sagt der 63-Jährige.
Für sein Geldinstitut seien aktuell etwa 70 Chamer Bauherrn und ihre Projekte, für die Kredite nachgefragt worden seien, in der Warteschleife. Anderen Kunden, die ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen wollten, hat die Sparkasse gleich einen Korb gegeben, weil das bei der Zinslage wie den gestiegenen Baupreisen nicht mehr darstellbar gewesen sei, sagt Wittmann. „28 Finanzierungen haben wir abgelehnt“, so Wittmann – auch im Sinne der Kunden sei das Risiko zu groß gewesen.
Viel Kapital auf Girokonten oder Sparbüchern – auch auf Chamer Sparkassenkonten lagern Millionen Euro – sucht ein neues Zuhause mit besseren Zinsen. Was hat die Sparkasse da zu bieten? „Für 20000 Euro für ein Jahr fest angelegt gibt es bei uns 2,4 Prozent Zinsen“, sagt Wittmann. Mehr Unterschiede gebe es beim Tagesgeld. Die Angebote seines Hauses seien da auf einem „vernünftigen Marktniveau“, betont er. Das woanders fürs Festgeld bereits bis zu fünf Prozent Zinsen gezahlt werden, weiß er auch – doch die Sparkasse biete hier das komplette Programm der Beratung rund ums Geld, zeige den Kunden, wie man etwa mit Aktien- oder Immobilienfonds langfristig strukturiert Geld anlegen könne: „Das ist unser Vorteil!“
Und wie ist die künftige Strategie vor Ort? Nach Jahren des Abbaus von Filialen und dem Ausbau des Online-Bankings betont Franz Wittmann heute die Notwendigkeit dieser verbliebenen Außenstellen: „Die Geschäftsstellen sind wieder sehr wertvoll geworden!“ Sie seien wieder Anlaufpunkt für viele Menschen, um sich vor Ort beraten zu lassen, weil sei etwa nicht so computeraffin seien.
Weg zur Klimaneutralität
Ein Thema hat Franz Wittmann mit der Sparkasse besonders ins Auge gefasst: Bis 2035 soll das Geldhaus klimaneutral werden. Er zeigt dazu eine Grafik, die den bisherigen Weg verdeutlicht. Seit 2018, wo für die Sparkasse insgesamt 815 CO²-Äquivalenz-Tonnen – die Maßeinheit für alles, was die Sparkasse an Energie verbraucht – errechnet wurden, ist der Wert auf 362 Tonnen im vergangenen Jahr gesunken.
Das sei durch Investitionen etwa in PV-Anlagen, in energetische Umbauten oder die Umstellung auf E-Autos passiert, so Wittmann. Doch die erreichte 362-Tonnen-Marke sei „die härteste Nuss“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Das sei vor allem Wärme, da zum Teil noch mit Öl oder Gas geheizt werde. Hier sei man auf der Suche nach Lösungen.
Neuer Job im Leitungskreis
Sparkasse: Franz Wittmann als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse im Landkreis Cham ist im Leitungskreis der 59 bayerischen Sparkassen in einen neuen, ehrenamtlichen Job gewählt worden: Der 63-Jährige ist jetzt stellvertretender Landesobmann der Sparkassen.
Aufgaben: Dabei sei er vor allem Kommunikationspunkt, um Themen rund um Sparkassen in Bayern wie in Deutschland von unten nach oben und umgekehrt zu transportieren. „Man lernt viel dabei und kann einiges bewegen“, so Wittmann – und das deutschlandweit. Denn Reisen nach Berlin und Treffen mit dem Sparkassenpräsidenten Deutschlands gehören dazu, wie Entscheidungen zu Investitionen und Projekten im ganzen Land. „Da kann man mehr mitgestalten als andere“, so Wittmann.
Oberpfalz: Ähnliches macht er bereits in Bayern für die Oberpfälzer Sparkassen. Hier ist er 2016 zum Sprecher berufen worden und hat das Amt seitdem inne, obwohl die Chamer Sparkasse mittlerweile bayernweit nach Fusionen mit einer Bilanzsumme von 2,2 Milliarden Euro zu den kleineren gehört. Er sieht für Cham keinen Anlass, sich einen Partner zu suchen, auch wenn die Regulatorik weiter wachse und Fachkräfte binde, die vielerorts fehlen würden. Doch zwinge das manches Institut zur Fusion. Die Sparkasse decke hier genau die Landkreisgrenze ab – „wir wollen selbstständig blieben!“
Aufgabe: Damit verbunden sei die Aufgabe der Sparkassen, deren Eigner die Landkreise oder Städte seien, und die daher im Landkreis Cham gut abzubilden sei: Geld einzusammeln und wieder auszugeben, um die Chamer und Unternehmen im Landkreis mit Geld für Investitionen zu versorgen.