Rallye-Legende Walter Röhrl: „Der Motorsport verkommt zur Show“

Der gebürtige Regensburger Walter Röhrl war von 1973 bis 1987 als Rallyeprofi aktiv und gewann in dieser Zeit zwei Fahrerweltmeisterschaften (1980 und 1982) sowie eine Europameisterschaft (1974). Legendär sind seine vier Triumphe beim Motorsport-Monument Rallye Monte Carlo, herausgefahren auf vier verschiedenen Fabrikaten: 1980 Fiat, 1982 Opel, 1983 Lancia und 1984 Audi. Im Interview blickt er unter anderem auf die Zentraleuropa-Rallye, die am Sonntag in Passau endet.
Herr Röhrl, die derzeit laufende Zentraleuropa-Rallye im Dreiländereck Deutschland-Österreich-Tschechien führt fast an Ihrer Haustür in St. Englmar vorbei. Sind Sie als Rallye-Legende eingebunden?
Walter Röhrl: Nur am Rande. Am Sonntagmittag werde ich unmittelbar nach Abschluss der letzten Wertungsprüfung nahe Hauzenberg die kleine Siegerehrung vornehmen. Dann fährt der Tross weiter ins Ziel nach Passau. So etwas hätte ich mir zu meiner aktiven Zeit auch gewünscht: Direkt nach der Zielankunft ist die Ehrung, und anschließend hast du deine Ruhe. Das offizielle Brimborium war mir immer ein Gräuel. Der Veranstalter ADAC hatte zwar vor dieser Rallye bei mir angefragt, ob ich das Null-Auto (Vorausfahrzeug/d. Red.) steuern will. Aber die Zeiten sind für mich vorbei.
Warum? Sind Sie wenigstens interessierter Zuschauer an der Strecke?
Röhrl: Ich bin da nicht mehr so wild drauf und komme ohne das ganz große Tamtam aus. An der Strecke würden mich die Fans ständig erkennen. Ich hätte kaum Zeit, das Rennen zu verfolgen, müsste Autogramme geben, für Fotos posieren. Und ich bin jemand, der keinem Fan etwas abschlagen kann.
Im vergangenen Jahr waren Sie noch das große Zugpferd der Olympia-Rallye quer durch Deutschland.
Röhrl: Ja, und ich habe meine Lehren aus dieser Veranstaltung gezogen. Ehrlich gesagt: Diese Rallye hat mich ein wenig geschafft. Sie führte sechs Tage quer durchs Land in alten Wettbewerbsautos ohne Klimaanlage, und das während einer Hitzeperiode. An jeder Durchgangskontrolle warteten 300 Menschen, jeder wollte ein Foto oder ein Autogramm von mir, während die anderen Fahrer gemütlich einen Kaffee tranken. Ich bin 76 Jahre alt und habe danach beschlossen, jetzt ein wenig kürzerzutreten.
Könnte sein, dass Sie am Sonntag den neuen Weltmeister küren. Der finnische Toyota-Pilot Kalle Rovanperä hat bei diesem WM-Lauf alle Chancen, seinen Titel vorzeitig erfolgreich zu verteidigen.
Röhrl: Ja, das könnte tatsächlich sein. Es wäre natürlich eine Schau, wenn ich ihm gratulieren dürfte. Rovanperä wäre zum zweiten Mal Weltmeister, so wie ich. Der Bursche ist richtig gut. Aber warten wir erst mal ab. Bei einer Rallye kann viel passieren.
Was könnte Rovanperä stoppen?
Röhrl: Es werden nicht die Wetterbedingungen herrschen, die er liebt. Zudem ist Asphalt nicht unbedingt der Untergrund für die Skandinavier, die fahren lieber auf Schotter. Auf Asphalt sind die Franzosen und allen voran der achtmalige Weltmeister Sébastien Ogier normalerweise die Besseren.
Pflegen Sie intensiven Kontakt mit Ogier?
Röhrl: Ja, er ist mir als Mensch sehr sympathisch, ein toller Typ. Und als Pilot ist er nach wie vor eine Offenbarung. Er fährt so wie ich früher, sehr überlegt und mit sauberer Linie. Sébastien ist auch ein Grund, warum ich mich immer noch für die Rallye-WM interessiere. Er fährt nicht mehr alle Rennen, ist nur noch sporadisch dabei. Ich schaue mir die letzten Wertungsprüfungen an und schicke ihm eine Glückwunsch-SMS, wenn er gewinnt. Prompt kommt eine Antwort von ihm. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Er wohnt ja inzwischen in München, ist mit der Sportmoderatorin Andrea Kaiser verheiratet und hat unheimlich gut Deutsch gelernt.
Was trauen Sie ihm sportlich bei der Zentraleuropa-Rallye zu?
Röhrl: Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, kann ich mir kaum vorstellen, dass ihn jemand schlagen kann. Er ist immer noch topfit.
Glauben Sie, dass der Rallyesport in Deutschland eine Renaissance erleben kann?
Röhrl: Offen gesagt: Nein! In Österreich und Tschechien ist man dem Rallyesport gegenüber aufgeschlossener, dort gibt es auch wunderbare Wertungsprüfungen. Sehr gut finde ich aber, dass man sich für dieses Rennsport-Ereignis zusammengetan hat und der Sport Nationen näher zusammenrücken lässt. Diese Rallye ist auch für die Wirtschaftsregion Bayerischer Wald unter touristischen Aspekten eine tolle Sache.
Es hagelt auch Kritik von Umweltschützern, für die eine solche Veranstaltung aus der Zeit gefallen ist.
Röhrl: Ja, leider. Da fahren 68 Autos auf abgesperrten Strecken, auf denen sonst 500 oder mehr unterwegs wären. Natürlich kommen auch Zuschauer, aber das ist bei jedem Fußballspiel auch so. Zudem sind die Fahrzeuge mit synthetischen Kraftstoffen betankt oder Hybridautos. Ich denke, mehr kann der Motorsport nicht tun, um zu beweisen, dass ihm der Umweltschutz am Herzen liegt. Außerdem liefert er weiterhin enorm wichtige Impulse für die technische Fortentwicklung.
Wie stehen Sie allgemein zum Thema Elektroantrieb im Motorsport?
Röhrl: Es macht natürlich einen guten Eindruck in der Öffentlichkeit, diese Technologien einzusetzen. Aber für den Motorsport ist es meiner Ansicht nach nicht der richtige Weg. Ich kritisiere generell, dass der Rennsport immer mehr zur reinen Show verkommt. Früher ging es schlicht darum, wer der Schnellste ist. Heute sind am besten alle Fahrer gleich schnell. Ich bin dem Herrgott jeden Tag dankbar, dass ich zur richtigen Zeit fahren durfte, als der Sport noch im Vordergrund stand.
Fehlt der deutschen Rallyeszene einfach nur eine Galionsfigur, wie Sie es einst waren?
Röhrl: Sobald ein Deutscher in der Weltspitze mitfahren würde, würde das Interesse sicherlich wieder sprunghaft wachsen. Das ist nun mal so: Du brauchst einen nationalen Helden. Momentan ist aber keiner in Sicht. Zudem haben die großen Automobilwerke ein bisschen das Interesse am Rallyesport verloren. Diese Aspekte spielen alle hinein, warum Rallyes bei uns nicht mehr so interessant und präsent in der breiten Öffentlichkeit sind.
Herr Röhrl, hat es Sie nicht doch ein wenig in den Fingern gejuckt, Teil dieser Zentaleuropa-Rallye zu sein?
Röhrl: Als mich der ADAC gefragt hat, ob ich das Null-Auto fahre, habe ich tatsächlich einen kurzen Moment überlegt, wie es wäre, mit einem modernen Auto an den Start zu gehen. Aber dann hat die Vernunft gesiegt. Gott sei Dank. (lacht)