Prozess in Kelheim: Paar soll Kumpel zum Falschgeld-Kurier wider Willen gemacht haben

Von Martina Hutzler · 24. Oktober 2023 um 15:31

Hat Petru A. seinem Freund Milan O. Falschgeld untergeschoben, damit O. es unwissentlich „wäscht“? Oder hat O. die Geschichte erfunden, weil er für Milan echtes Geld zur Bank bringen sollte, es aber stattdessen für Drogen und Zocken verjubelte? Und wer wollte hinterher wen vermöbeln?

Um Klärung dieser Fragen bemüht sich derzeit ein Kelheimer Schöffengericht, unter allzu lebhafter Anteilnahme aus dem Umfeld vom Angeklagten Petru A und seiner mitangeklagten Lebensgefährtin Jana (alle Namen geändert).

Beide Angeklagten und der Rest der Familie hatten Corona an jenem Tag im April 2022; vor allem Petru A. lag zuhause – im südlichen Landkreis Kelheim – darnieder, wie er dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Sylvia Zorger schilderte. „Fast bewusstlos“ sei er gewesen. Bekam aber durchaus mit, dass sein in Spanien lebender Vater dringend Geld für eine Krankenhaus-Behandlung brauchte. Und chattete via Handy lebhaft mit seinem Kumpel Milan O.: Ihm wollte A. die geliehene 250 Euro zurück- und weitere 1600 Euro für den kranken Vater mitgeben: O. solle das Geld bei einer „MoneyGram“-Filiale einzahlen, einem Anbieter für Geldtransfers ins Ausland.

Laut Anklageschrift ging O. tatsächlich zur Filiale – will dort aber bemerkt haben, dass nur die für ihn gedachten 250 Euro echt waren, die 1600 Euro hingegen im wörtlichen Sinn „falsche Fuffzger“: auffallend helle Falschgeldscheine, denen der Sicherheitsfaden fehlte. Aus Angst, deswegen Ärger mit der Justiz zu bekommen, hat O. nach eigenen Angaben die „Blüten“ dann zuhause verbrannt – und anderthalb Monate gewartet, ehe er das Falschgeld doch noch zur Anzeige brachte.

Sehr dehnbare Zeitachse

Aus Sicht der Angeklagten war aber nicht ihr Geld falsch, sondern O.‘s Story. Der habe nämlich das ganze Geld behalten und damit in einer Spielothek den großen Macker gegeben. Was im übrigen nicht im April, sondern Monate vorher passierte – denn bezüglich des Datums wiederum liege Petru A. falsch, versicherte seine mitangeklagte Lebensgefährtin: In Wahrheit habe O. die 1850 Euro schon im Januar bekommen; es stammte, so die Angeklagte, teils aus ihren Jobcenter-Bezügen in vierstelliger Höhe; teils von Verwandten. Milan O. und dessen Frau hätten dann behauptet, das Geld verloren zu haben – aber in Wahrheit habe O. es „für Drogen und Disco und so“ verjubelt.

Von Januar an hat die Angeklagte nach eigenen Worten O. bedrängt, die nicht-eingezahlten 1600 Euro zurückzugeben. Dazu gab es offenkundig einen regen Chatverkehr, der als Beweismittel vorlag; die Staatsanwaltschaft hatte ihn eigens aus dem Rumänischen übersetzen lassen; die Auswertung während des Prozesses litt aber unter der von den Angeklagten eingestreuten These, dass die Nachrichten teils unter falschem Account gesendet worden seien. Der Chat-Zoff sei auch hinter dem Rücken ihres Lebensgefährten abgelaufen, so Jana A., weil ihr Angeklagter eh schon seit zwei Jahren corona-geschädigt, krank und gestresst gewesen sei. Das erkläre auch, warum er den Januar mit dem April verwechselt habe. Im April „ist er erst nach einer Woche wieder zu sich gekommen“ – und habe dann von O.‘s Bruder die veruntreuten 2500 Euro zurückgefordert. Der Bruder habe es tatsächlich in 500er-Raten zurückgezahlt. Weil O. darüber sauer war, habe er die Story vom Falschgeld erfunden, lautete die Theorie der Angeklagten.

Ungewollte Ermittlungshilfe

In diese zunehmend komplexe Schilderung versuchte sich ein offenkundiger Angehöriger des angeklagten Paares aus dem Zuschauerraum erklärend einzubringen. Ungerührt von mehrfachen Ermahnungen instruierte er die „Frau Richterin“, was sie denn bitte noch fragen müsse. Bis die erboste Vorsitzende ihn unter Androhung von Ordnungsgeld zum Schweigen verdonnerte. Einen scharfen Rüffel fing sich auch die Angeklagte ein, die von der Anklagebank aus per Handy Nachrichten tippen wollte – während gerade ein wichtiger Zeuge ein neues Licht auf den verworrenen Sachverhalt warf.

Der Landshuter Kripobeamte Z. (Name geändert) erklärte, dass er die Schilderung von Milan O. „schon für glaubwürdig“ halte. O. hätte seine Falschgeld-Anzeige am liebsten wieder zurückgezogen: offenbar aus Sorge, dass sein eigener Bruder samt Familie dafür von Petru A. angegangen werden könnte. Auch das erschien dem Kripobeamten nachvollziehbar: Die Angeklagten und ihr Umfeld „beschäftigen die Polizei immer wieder, unter anderem wegen Bedrohungs-Geschichten“, berichtete er. Selbst der angeklagte Petru A. gab an, dass ihn O. doch eigentlich – freilich völlig zu Unrecht – wegen Bedrohung angezeigt habe; „ich verstehe nicht, warum es jetzt das Thema Falschgeld gibt“, sagte er.

Mit dem offenbar recht nachdrücklichen Auftreten der Angeklagten erklärte sich der Kripobeamte auch, dass O.‘s Bruder bei einer Vernehmung bestätigte, dass er die Schulden von O. bei den Angeklagten abstottere – ohne überhaupt zu wissen, warum und wofür. Über den Leumund von O. und seinen Bruder konnte der Polizist nichts sagen.

Nun richteten sich aller Augen auf Milan O. – leider vergebens. Zwar waren er und seine Frau angeblich im Gericht. Aber im falschen: Im Glauben, der Prozess sei in Landshut, stünden sie nun dort, richteten sie telefonisch aus. Überprüfen ließ sich das nicht – Rückruf-Versuche bei den beiden blieben erfolglos. Daraufhin wurde der Prozess unterbrochen; im November soll es einen neuen Anlauf geben; dann hoffentlich mit Milan O. im Kelheimer Gerichtssaal.