Alle Hände voll zu tun: Über 100 Bedürftige suchen wöchentlich die Tafel in Maxhütte-Haidhof auf

Von Anika Ferko · 24. Oktober 2023 um 05:00

Seit 2022 ist der Andrang auf die Tafel-Ausgabestellen in Maxhütte-Haidhof und Schwandorf sprunghaft gestiegen – bis heute gab es einen Zuwachs von 20 Prozent. Während die Nachfrage größer wird, werden die Spenden knapper. Ein Blick hinter die Kulissen.

Es ist Mittwoch, 10 Uhr. In der Ockerstraße in Maxhütte-Haidhof warten schon vier Personen in der Kälte. Vor dem Haus steht ein großer, weißer Wagen mit der Aufschrift „Tafel“. Ein Schild vor der Tür weist auf die Öffnungszeiten hin: Ausgabezeiten der Tafel sind immer mittwochs von 13 bis 16Uhr.

Während es draußen noch verhältnismäßig ruhig zugeht, wuseln hinter der Eingangstür bereits die fleißigen Helfer. „Reichst du mir mal die Kiste mit den Salatköpfen?“, schallt es aus der einen Richtung. „Ich brauche bitte noch mehr Mehlpackungen“, kommt von der anderen Seite.

Seit 9Uhr sind die Ehrenamtlichen bereits am Sortieren, Kistenvorbereiten und Gemüsewaschen. An der langen Seite des Raumes stapeln sich Konserven und Gläser mit eingelegten Gurken, Brot, Joghurt, Milch – und auch mal zwei, drei Packungen Schokolade liegen im Regal.

Wartenummern für Personen

Susann Weindler ist eine von den Helferinnen. Sie geht in den nächsten Raum, vorbei an etlichen Kartons. Im Büro zieht Weindler einen Stapel mit laminierten Kärtchen aus einem Schrank. „Die Nummern werden später an die wartenden Personen verteilt“, erklärt sie. Diejenigen, die als Einzelperson registriert sind, bekommen eine vorbereitete Kiste mit Lebensmitteln durch das Fenster gereicht – ein Überbleibsel aus der Corona-Zeit, als die ungeimpften Kunden draußen warten mussten. Diejenigen, die Lebensmittel für mindestens zwei Personen benötigen, dürfen in die Räume der Ausgabestelle. Dort suchen sie gemeinsam mit den Helfern die Waren aus.

Seit Anfang 2022 sind die Kundenzahlen in den Ausgabestellen Maxhütte-Haidhof und Schwandorf um etwa 20 Prozent gestiegen. Aktuell sind 283Ausweisinhaber bei der Ausgabestelle im Städtedreieck registriert. Hinzu kommen noch die 271 Familienmitglieder. Doch nicht alle registrierten Menschen würden wöchentlich vorbei kommen – im Durchschnitt seien es 100 bis 130, sagt Weindler. „Irgendwann kennt man die Leute und grüßt sich auf der Straße“, fügt sie hinzu. Seit zweieinhalb Jahren schon hilft die junge Mutter ehrenamtlich bei der Tafel.

Die Tür öffnet sich, und Rudi Dekorsy betritt das Büro. Er ist zuständig für die Büroarbeiten und übernimmt die Teamleitung, wenn Ausgabenstellenleiter Franz Rother nicht im Haus ist. Und soeben ist er auf der Suche nach einer Fernbedienung für den Bildschirm im Ausgaberaum. Dort laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Für die Verständlichkeit hat Dekorsy die Beschriftungen inzwischen auf Deutsch, Arabisch und Ukrainisch abgedruckt. Über den Bildschirm flimmern zum Beispiel Informationen über die Tafel als Einrichtung.

Unmut der anderen Kunden

„Inzwischen ist die Lage nicht mehr so angespannt“, sagt Dekorsy. Jedoch sei es am Anfang des Ukraine-Kriegs nicht leicht gewesen, erinnert er sich. „Viele haben von der Tafel anfangs eine andere Vorstellung gehabt und sind mit Einkaufszetteln gekommen. Wir sind aber kein Einkaufsladen. Jeder soll etwas bekommen“, sagt Dekorsy. Die Situation habe sich jedoch nach zwei, drei Tagen eingependelt. Auch Weindler erinnert sich an den Unmut der anderen Kunden, der plötzlich aufkam. „Von vielen kam die Aussage, dass wir die Ukrainer bevorzugen würden“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Es bekomme jeder etwas zu essen – und sei es vielleicht auch in abgespeckter Version.

Inzwischen ist es 11.20 Uhr. Ein Blick vor die Eingangstür der Tafel verrät, dass sich inzwischen mehr als 16Personen in der Ockerstraße versammelt haben. Es wurden bereits Stühle aufgeklappt und die Wartenummern verteilt.

Ein junger Mann darf als erstes in die Ausgabestelle, auf seinem Kärtchen steht die Nummer eins. An der Kasse muss er seinen Personal- und Tafelausweis als Bescheinigung einscannen lassen, drei Euro bezahlen, dann geht es los. Die fünf Ehrenamtlichen stehen an ihren Posten und verteilen nach und nach das Essen an den Mann. Seine Tasche füllt sich mit Kürbis, Avocado und Joghurt und einem Glas Apfelmus.

Verstärkte Kontrolle

Die Situation in der Tafel-Ausgabestelle wirkt geordnet. Eine ältere Frau zeigt ihren Ausweis vor und stellt sich hinten an. „Die Kunden kommen sehr diszipliniert. Es hat sich schön eingependelt“, sagt Dekorsy und hält die Tür für die nächste Person auf – eine ältere Frau. Es sei jedoch schon vorgekommen, dass Personen nicht ihren eigenen Tafelausweis vorlegten. Die Konsequenz aus solchen Fällen sind für Christoph Imbach, den Tafel-Manager der Ausgabestellen Schwandorf und Maxhütte-Haidhof, verstärkte Kontrolle.

Ein weiterer Aspekt sei die geringere Menge an Lebensmitteln aus den Supermärkten, die für die Tafel übrig bleibe. „Wir merken schon, dass die Märkte die Lebensmittel knapper kalkulieren“, erklärt Imbach. Auch würden die Spenden, die 2022 und Anfang 2023 relativ hoch waren, wieder nachlassen.

Die Einrichtung

Beginn: Die Schwandorfer Tafel gibt es seit Anfang 2008, ein Jahr später eröffnete die Ausgabestelle im Städtedreieck.

Team: Circa 50 Ehrenamtliche arbeiten vor Ort.

Kunden: Aktuell sind 283 Ausweisinhaber bei der Ausgabestelle im Städtedreieck registriert. Hinzu kommen die 271 Familienmitglieder. Seit 2022 gab es einen Zuwachs der Tafel-Kunden von knapp 20 Prozent.

Kommentar von Anika Ferko: „Nicht nur zusehen!“

Der Blick hinter die Kulissen hat gezeigt, dass die enorme Arbeit und der gute Wille der Ehrenamtlichen unerlässlich sind. Die Tafel im Städtedreieck ist in den vergangenen 14Jahren zu einer Konstante geworden. Der Andrang wird immer größer.

Dass die Tafel als Grundversorger jedoch für viele nicht mehr wegzudenken ist, ist tragisch. Und dass der Sozialstaat dabei zusieht, ist ein Skandal. Sollte es nicht die Aufgabe unseres Sozialstaats sein, sich um die Bedürftigen zu kümmern? Und zu gewährleisten, dass weder Alleinerziehende und Rentner noch Arbeitslose auf die Hilfe solcher Einrichtungen angewiesen sind? Definitiv, es wäre eine Tragödie, wenn es die Tafeln nicht mehr gäbe. Es ist aber erst recht eine Tragödie, dass es sie überhaupt geben muss.

Die Kiste für eine Einzelperson mit genügend Lebensmitteln für eine Woche wird von Susann Weindler hergerichtet. Foto: Anika Ferko