Motorradfahrer verunglückt bei Waldmünchen: Der Unfall aus verschiedenen Perspektiven

Gaffen, Handy rausziehen und fotografieren, Rettungskräfte behindern oder beleidigen – ein allgegenwärtiges Ärgernis und Schlagzeilen, die keiner braucht. Es geht auch anders. Wie sich am Samstag zwischen Balbersdorf und Katzbach gezeigt hat. Auf eindrucksvolle Weise noch dazu.
Die Fakten, wie sie später im Polizeibericht auftauchen: Motorradfahrer, 56, überholt in der Kurve ein Auto, kommt auf nasser Fahrbahn ins Rutschen, stürzt, wird schwerverletzt – so der terminus technicus – ins Krankenhaus eingeliefert. Schaden: rund 20 000 Euro. Später werden Polizisten feststellen, dass an besagter Stelle eine Ölspur war.
Das Unfallszenario
Das objektive Bild: Ein arg demoliertes Motorrad in der Wiese auf der einen Straßenseite, ein offenbar verletzter Mann und – je nach Moment – eine, zwei, drei Personen um ihn herum. Diejenigen, die vorbeifahren, noch ehe ein Blaulicht an der Unfallstelle zu sehen ist: Alle fahren Schritttempo, achten auf Motorradteile und die, die den Verkehr zu regeln. Sie lassen sie die Scheibe herunter, fragen, ob sie helfen können, ob alles in Ordnung ist. Kümmernd, nicht aufdringlich, nicht neugierig, sondern beruhigend.
Panik, nichts als Panik
Die persönliche Sicht: Ich hab‘ die Lichter im Rückspiegel noch gesehen, auch das Chamer Kennzeichen des schwarzen Motorrads noch vor Augen. Dann passiert es, die Maschine rutscht weg. Ich bremse wie verrückt, Panik ist das einzige Wort, das die folgenden Sekunden beschreibt. Panik, dass ich das schlitternde Zweiergespann „aufgable“.
Das Auto steht. Gottseidank, der Mann ist in den Graben geflogen. Warnblinkanlage? Rausspringen, hinrennen oder erst Notruf? Irgendwie alles. Ich denke: „Sch... jetzt kannst du das volle Programm auspacken.“
Die 110
Während ich die 110 tippe – besser gesagt – hinzittere, bewegt sich der Fahrer, zieht sich den Helm selber vom Kopf. Ein gutes Zeichen. Die 110, warum bimmelt es da ewig nicht? Offenbar bringen ein paar Meter in Richtung des Verunfallten was, endlich meldet sich jemand. Und beamt mich ins Paralleluniversum: Ich versuche gleichzeitig, herauszufinden, wie es dem Mann geht (er besteht darauf, alles wäre bestens), und der Stimme an der 110 Informationen zu geben. Schlagartig wird mir klar: Katzbach gibt es zwei Mal. „Mann, versuch‘ das jetzt gut zu erklären“, ermuntere ich mich. Offenbar hat auch der Kollege am anderen Ende zunächst Probleme mit der geographischen Einordnung.
Das lange Warten
Endlich. Ein zweites Auto, es ist auf dem Weg Richtung Cham. Es hält, die Frau, sie will helfen, ich drücke ihr im Anflug einer gewissen Gereiztheit mein Handy in die Hand: „Erklären Sie, wo wir sind!“ Ich will endlich nach dem Motorradfahrer sehen – wohl wissend, dass der erste Eindruck nicht der medizinisch abschließende ist.
Notarzt bestellt Hubschrauber ab
Der Biker fragt mich für mich völlig überraschend, wie es mir geht. Mir??? Um dann mehrfach zu betonen, dass ein Hubschrauber nicht nötig sei. Diesen bestellt allerdings tatsächlich erst Notarzt Volker Gaßmann ab, nachdem er sich einen Überblick verschafft hat – und gottseidank den Umständen entsprechend Entwarnung gibt.
Der Verunfallte: Auch zwei Tage später ärgert er sich noch immer. Das ganze Leben fahre er Motorrad, „irgendetwas war da faul“, ist und bleibt einer seiner ersten Gedanken – die später, nach Abtrocknung der Fahrbahn, gefundene Ölspur könnte dies bestätigen. „Das Vorderrad ging einfach weg“, schildert der Mann, der als Feuerwehrler selbst schon weit Schlimmes erlebt hat.
„Mir wurde gut geholfen“, sagt der Verunfallte
Er erinnert sich: Unmittlbar nach seiner Landung im Straßengraben sei ein Auto „ohne mit der Wimper zu zucken“ vorbei gefahren. Der 56-Jährige versucht es mit Verständnis: „Der ein oder andere ist vielleicht auch überfordert.“ Unter dem Strich allerdings lautet auch sein Fazit: „Mir wurde gut geholfen.“ Und: Bei uns ist die Welt diesbezüglich wirklich noch in Ordnung. Allen voran bescheinigt er Notarzt Gaßmann einen „Bombenjob“. Nun hofft er, dass die Menschen auch bezüglich der Ölspur Courage zeigen und sich melden. Seine Triumph ist nur teilkasko-versichert, der Schaden bewegt sich jenseits der 20 000 Euro.
Die Helfer
Die Helfer: Knapp 20 Feuerwehrler aus Katzbach und Balbersdorf waren im Einsatz, sorgten für die Verkehrsführung und reinigten später den Unfallort. Routine, wenngleich einer zugibt, bei der Alarmierung Unfall mit Motorradfahrer trotz jahrzehntelanger Routine Gänsehaut zu bekommen. „Man sieht zu oft, dass sie die Schwächeren sind.“
Trümmer aufgesammelt
Die Vorbeifahrenden: Die Erste, die besagtes Handy samt Verbindung zur Einsatzleitstelle nach Regensburg in die Hand gedrückt bekommt, weiß sicher nicht, wie ihr geschieht, sie reagiert souverän. Ihre Tochter hat sie angewiesen, im Auto zu bleiben − man weiß ja nie.
Das verschwundene Warndreieck
Die Nächste folgt (wie ein Mann auf der anderen Unfallseite) der vermeintlich etwas zu wirsch anmutenden Anweisung, „endlich“ ein Warndreieck aufzustellen. Sie ist auf dem Weg zu einem Junioren-Fußballspiel nach Untertraubenbach, will den Sohn ihrer Cousine abholen. Die Frau hilft, trotz Zeitdrucks, Trümmer von der Straße zu räumen. Sie bestätigt: Alle Vorbeifahrenden hätten staad gehalten und gefragt, ob ebbs gebraucht würde. „Das war wirklich beeindruckend.“ Das Warndreieck, das sie auf dem Rückweg wieder einsammeln will: verschwunden, aber verschmerzbar.
Das sagt die Feuerwehr
Die Feuerwehr: Kreisbrandrat (KBR) Mike Stahl teilt meine Einschätzung. Vereinzelte Vorfälle in Sachen unangemessenem Verhalten ja, „ein großes Thema ist es aber nicht“. Was er – gerade in Bezug auf die Feuerwehr – darauf zurückführt, dass man örtlich vernetzt sei. „Außerdem sind wir mehr“, sagt er mit Blick auf Polizei und Rettungsdienst, die seines Wissens nach um ein Vielfaches mehr (verbalen) Attacken ausgesetzt seien.
Was nicht bedeutet, dass Feuerwehrler verschont blieben. „Die Frage ist vielmehr, wie gehen wir damit um?“ Stahl präferiert die rigorose Linie. Derjenige, der einen Helfer beleidigt, wird angezeigt. In der Realität allerdings enden Attacken oft mit einem „Mei, lass‘ mers halt bleib‘n“.
Positives aus dem Landkreis Cham
Der KBR weiß allerdings auch um positive Beispiele. Ersthelfer, die die professionellen Retter in die Örtlichkeiten und Gegebenheiten einweisen würden.
Der Rettungsdienst: Der Schutz der Persönlichkeitsrechte verunglückter Personen sei ein sehr, sehr hohes Gut, schickt Dominik Lommer, BRK-Einsatzleiter voraus. Folglich sei auch eine Bewertung dessen, was am Samstag Nähe Katzbach vorgefallen sei, schwierig. Klar sei aber auch: es sei erfreulich, zu hören, wenn ein Einsatz auch in den Augen der Beteiligten und Betroffenen gut über die Bühne gegangen sei.
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Die Einordnung: Martin Plötz ist bei der Polizeistation Waldmünchen für das Thema Verkehr zuständig. Gefühlt sei man auf einem guten Weg, sagt er als Grob-Überblick zum Unfallgeschehen mit Zweirädern in diesem Jahr. Dass eine Streife nach Räumung der Unfallstelle diese noch einmal begutachte, sei Routine. Schließlich gehe es beim Erst-Einsatz um Menschenleben. Die Übersichtsaufnahme, Fragen, wer sich wann wo befand, könne hingegen später erfolgen, erklärt er.
Erlebtes hinterlässt Spuren
Der Nachgang: „Das hätte weitaus übler ausgehen können“, sagt nicht nur eine(r). Und es hätte negative Begleiterscheinungen geben können. Hat es aber nicht. Wie schön. Das ist trotz der Begleitumstände die gute Geschichte am Rande. Und eine dicke positive Schlagzeile wert.
Blick in die Polizei-Statistik
Hoffnungsschimmer: Nach momentanem Stand wird die Beteiligung von motorisierten Zweirädern an Unfällen im Jahr 2023 die der Vorjahre unterschreiten. Noch liegt sie im einstelligen Bereich, weiß Martin Plötz, bei der Dienststelle für den Bereich Verkehr zuständig.
Gesamt-Zahl: In den vergangenen fünf Jahren waren durchschnittlich elf Führer von motorisierten Zweirädern an Verkehrsunfällen beteiligt (niedrigste Beteiligung 2018 mit sieben, höchste 2021 mit 16), weist seine Statistik aus.
Umfang: Erfasst sind darin alle motorisierten Zweiräder: S-Pedelecs, Mofas, Mokicks, Leichtkrafträdrn sowie leichte drei- und vierrädrige Kfz sowie Motorräder.
