Anfang November zu Gast in Passau: Schauspielerin Iris Berben im Interview

Schauspielerin Iris Berben kommt am Freitag, 3. November, zur Veranstaltungsreihe MENSCHEN in EUROPA ins Passauer Medienzentrum. Im Beisein von Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt, Laudatorin Dunja Hayali sowie Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe, erhält sie den MiE-Award. Während Tickets online bereits erhältlich sind, spricht sie im Interview zuvor über Freiheit, Demokratie und Schönheitsideale.
Sie sei vom Naturell her ein alberner Mensch, verrät Iris Berben (73) im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. Doch momentan fällt es der deutschen Schauspiel-Ikone schwer, angesichts der politischen Lage nicht zynisch zu werden. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es noch mal gilt, die Demokratie zu verteidigen“, sagt Berben, die sich seit Jahrzehnten gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus stark macht. Im Interview erklärt sie, warum ihre Devise „Laut und raus!“ heute mehr denn je gilt.
Terror in Israel, ein Krieg in Europa, Rechtsruck an der Wahlurne. Wir leben in aufwühlenden Zeiten. Macht Ihnen die aktuelle Weltlage Angst, Frau Berben?
Iris Berben: Spontan würde ich Ja sagen, aber im gleichen Atemzug verbiete ich mir das Wort Angst. Denn Angst ist ja immer ein Zeichen für Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit. So viel Gewalt, auch in unserer unmittelbaren Nähe, das erschreckt mich: Man hat aus gar nichts gelernt. Ich bin häufig überfordert von der Wucht, mit der das alles auf uns einbricht und in unser Leben eingezogen ist. Diese Konflikte haben ja Auswirkungen auf uns alle. Das ist nicht weit weg, wenn ich hier in Berlin in Taxen sitze und mir die ganze Fahrt über nur Hasstiraden anhören muss.
Man muss aufpassen, dass man dabei nicht zynisch wird. Angst öffnet die Leute für einfache Lösungen. Wir müssen die Menschen, die uns abhanden kommen, wieder einfangen und von der Demokratie überzeugen. Dafür brauchen wir viele Komplizen.
Nur noch trostlose Nachrichten schon geballt zum Frühstück. Was ist Ihr Rezept dagegen?
Iris Berben: Ich lese. Ich rette mich, ich versinke in Büchern. Mich in andere Welten hineinzuversetzen, hilft mir aus diesem Kreislauf auszubrechen. Ich kann meine Welt verlassen, treffe aber auf ähnliche Gefühle und Ängste.
„Ein Leben ohne Lesen kann ich mir nicht vorstellen“
Hat Lesen für Sie eine heilende Kraft? Lesen wir heute zu wenig?
Iris Berben: Ja, absolut! Ich kann mir ein Leben ohne Lesen nicht vorstellen. Denn beim Lesen lebe ich das Leben anderer mit, lerne neue Perspektiven kennen, stelle fest: Da sehe ich mich, da sehe ich mich nicht und kann daraus viel für mein eigenes Leben ableiten. Ich kenne meine Mutter nur mit einem Buch in der Hand, das hat mich geprägt. Aber auch Menschen, die in ihrer Kindheit kein positives Vorbild hatten, können im Laufe ihres Lebens durch andere inspiriert werden.
Die globalisierte und digitalisierte Welt scheint viele Menschen zu überfordern. Jeder lebt kompromisslos in seiner „Bubble“, die gegenseitige Wertschätzung sinkt, dafür gibt es umso mehr Fake News, Shitstorms und Hetze im Netz. Erleben Sie das auch so?
Iris Berben: Für mich war es eine bewusste Entscheidung, nicht in den Sozialen Medien präsent zu sein. Die Iris-Berben-Profile im Netz sind alle Fakes. Ich sehe natürlich, welche Möglichkeiten diese Medien bieten, gerade in Ländern, in denen sich Leute nicht anders mobilisieren und austauschen können. Es kann ein großartiges Hilfsmittel sein – oder die Hölle. Soziale Medien fördern die Anonymität und machen es Menschen leichter, ihren Hass ungefiltert herausbrüllen zu können. In einer echten Diskussion muss ich mir den anderen Punkt anhören und auch aushalten können. Ansonsten gehen die Grundwerte der Kommunikation verloren.
Sie ergreifen unermüdlich das Wort gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Woher kommt dieses Engagement und diese tiefe Überzeugung, dagegen aufstehen zu müssen?
Iris Berben: Das hat mit dem Klima der 68er zu tun, in das ich hineingewachsen bin. Für meine Generation gab es damals im Nachkriegsdeutschland zwei Wege: Da waren die, die das Land schnell aufbauen und alles andere vergessen wollten. Und dann waren da die anderen, die die Vergangenheit aufarbeiten, die Mechanismen ändern wollten. Nach meinen elf Jahren im Internat, in dem wir auf unsere Fragen nur das bockige Schweigen der Lehrer als Antwort erhielten, war das für mich der einzige Weg. Und mit zunehmender Bekanntheit wurde es auch einfacher. Aber natürlich eckt man damit auch an.
Sie sind Jahrgang 1950, haben für ihre Freiheiten rebelliert und damit nachfolgenden Frauen-Generationen viele Türen geöffnet, wenn man bedenkt, dass es in den 1970er Jahren noch üblich war, dass eine Frau ihren Ehemann um Erlaubnis bitten musste, um arbeiten oder ein Konto eröffnen zu dürfen . . .
Iris Berben: Ja, undenkbar heute, oder? Aber diese Zeit liegt noch gar nicht so lange zurück. Ehe ist bis heute nichts für mich. Mein Statement war: Nicht heiraten, Kind kriegen, alleine machen. Da hatte ich natürlich mit vielen Vorurteilen und Sorgen zu tun. Aber meine absolute Unabhängigkeit war mir immer wichtig. Jungen Frauen kann ich nur zurufen: Vergesst das nicht, entwickelt euch nicht zurück! Stellt Dinge, die wir erreicht haben, nicht zur Disposition. Seid selbstbewusst, ihr habt alle Möglichkeiten und die Öffentlichkeit auf eurer Seite, wenn es euch Leute schwer machen wollen. Laut und raus!
Betrachten jüngere Generationen ihre Freiheiten als zu selbstverständlich?
Iris Berben: Freiheit bedeutet Verantwortung. Jede Generation muss ihr Thema finden, und wir haben eine kraftvolle Jugend, die sich für die Zukunft unseres Planeten stark macht. Aber ich denke, sie sollte sich breiter aufstellen. Wir wissen heute viel mehr als früher, und die junge Generation sollte wachsam sein, wenn man sich die Tendenz hin zu autoritären Regimen und Führungen ansieht. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es noch mal gilt, die Demokratie zu verteidigen.
„Wir investieren zu wenig Geld in Bildung!“
Die Spaltung der Gesellschaft ist in vielen Ländern zu beobachten. Sind wir gerade dabei, Respekt und Toleranz zu verlernen?
Iris Berben: Die Probleme sind heute auf der ganzen Welt dieselben. Die Globalisierung hat für Öffnung gesorgt, die Leute haben sich vernetzt – eigentlich eine großartige Sache. Doch es hat die Menschen gleichzeitig überfordert, sie müssen Dinge überdenken, sich hinterfragen, ihren Lebensstil ändern. Man sehnt sich nach einfachen Antworten. Doch die gibt es nicht. Bildung, die Fähigkeit, analytisch zu denken, ist das A und O. Aber wir investieren zu wenig Geld in Bildung! Junge Menschen werden alleine gelassen und schlagen dann falsche Richtungen ein.
Mit der PNP-Weihnachtsaktion „Ein Licht im Advent“ richtet die Passauer Neue Presse jedes Jahr bewusst den Blick auf Kinder in existenzieller Not. Sie haben heuer die Schirmherrschaft für unsere Aktion übernommen, die ein Ernährungsprojekt der Welthungerhilfe e.V. in Sierra Leone unterstützt. Das Ziel: Kleinbäuerliche Strukturen aufzubauen, damit sich die Menschen aus eigener Kraft versorgen können. Warum ist es wichtig, sich nicht nur mit den Problemen im eigenen Land zu beschäftigen?
Iris Berben: Wir haben Probleme im eigenen Land, das darf man nicht zynisch übergehen. Aber wir sind immer noch in der Lage, die ärmsten Länder dieser Welt zu unterstützen. Die wertvollste Art der Hilfe dabei ist, Menschen in Eigenverantwortung zu bringen. Die Spenden bedeuten langfristige Perspektiven für die Menschen.
Als Schauspielerin haben Sie sich in Ihrer langen Karriere sehr wandelbar gezeigt – und immer wieder viel Humor bewiesen. Sind Sie ein fröhlicher Mensch?
Iris Berben: Ich liebe das Leben, liebe es zu leben. Und wenn man sich dabei zuschaut, gibt es jede Menge komische Momente, selbst in tragischen Situationen, auf die man mit einem Lächeln, mit Humor reagieren kann. Ich bin vom Naturell her albern, beizeiten sogar peinlich. Ein Korsett gibt es für mich nur beim Filmemachen, beim Arbeiten bin ich sehr diszipliniert.
Drei Ihrer jüngsten großen Rollen waren die gelähmte Kreuzfahrt-Passagierin mit Sprachbarriere in dem Kinofilm „Triangle of Sadness“, die skrupellose Pharmaunternehmerin mit schlohweißen Haaren im Selbstoptimierungswahn in der Netflix-Serie „Paradise“ und eine Sterbende in dem Film „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“. Drei sehr uneitle Rollen, gespielt von einem Schönheitsidol. Was bedeutet Schönheit für Sie?
Iris Berben: Vielleicht ist es meine Art der Eitelkeit, mir solche Rollen zu suchen. Das waren drei extrem starke Arbeiten. Das Thema Schönheit verändert sich gerade auf eine kluge Art und Weise. Frauen über 40 sind nicht mehr nur Beiwerk. Die Industrie hat Platz gemacht für ihre Geschichten. Wir bleiben sichtbar. Ich habe in meiner Karriere nur wenige dieser Kämpfe führen müssen, das lag an meiner Lust zur Wandelbarkeit. Ich bin gerne auf unsicherem Terrain gelaufen, auf dünnem Eis oder auf den viel zu hohen Berg.
„Schönheit muss im Alter mit etwas gefüllt sein“
Makellose Schönheit – gibt es vielleicht in jungen Jahren, danach muss sie mit etwas gefüllt sein. Bei mir ist das wohl mein Auftreten, mein Selbstbewusstsein, meine Lebenslust und meine Offenheit für Neues.
In all den Jahren Ihrer Karriere: Gab es da eine Figur, mit der Sie sich emotional am meisten identifizieren konnten?
Iris Berben: Die Rolle der Sterbenden ging mir sehr nahe, wie selbstbestimmt sie bis zuletzt ihren Weg geht und das Leben feiert. Natürlich spielt da mein eigenes biologisches Alter mit rein. Und es gab diese Figur der RAF-Generation in dem Film „Es kommt der Tag“, die ihre Tochter weggibt und sich 30 Jahre später ihr und ihrer Vergangenheit stellen muss. Das war ein Flop an der Kinokasse, aber ich mochte diesen Film so sehr. Er zeigt das Thema meiner Generation und dass es auch ganz anders hätte laufen können.
Was muss eine Rolle oder ein Drehbuch haben, damit es Sie noch reizt?
Iris Berben: Für die Entwicklung der letzten Jahre bin ich unendlich dankbar. Dass es Menschen gibt, die Figuren und Talente in mir sehen, die ich selber noch gar nicht ahne. Ich hoffe, dass ich noch auf mehr solcher Menschen treffen darf.
Das Gespräch führte Eva Fischl.