Wirtschafts-Vereinigung schlägt Alarm: „Standort Oberpfalz ist in Gefahr“

Von Lorenz Nix · 17. Oktober 2023 um 19:00

Eine Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent im September, ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von fast 43000 Euro in 2020: Die Oberpfalz spielt – wie der gesamte Freistaat – in der deutschen Wirtschaft ganz vorne mit. Und dennoch warnt die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) mit drastischen Worten: Der Standort Oberpfalz sei in Gefahr.

Von „großen Sorgen“ sprach Stephan Fischer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Oberpfälzer vbw-Bezirksgruppe, gestern bei einem Pressegespräch in Regensburg. Immer mehr Betriebe würden sich die Frage stellen, ob eine wettbewerbsfähige Zukunft in der Region möglich sei. Tatsächlich haben in einer im Juli durchgeführten Konjunkturumfrage über die Hälfte der Oberpfälzer Metall- und Elektrounternehmen angegeben, dass sich die örtlichen Standortbedingungen in den letzten beiden Jahren verschlechtert haben. Die Folge: Es wird weniger in der Region, mehr im Ausland investiert.

Stephan Fischer: „Schleichende De-Industrialisierung“

Auch Fischers Unternehmen, Fischer Licht & Metall in Mühlhausen im Kreis Neumarkt, hat mittlerweile einen Standort in Tschechien. Er mache das nicht gerne, sagte Fischer gestern. Investitionen im Ausland seien immer „anstrengend“, aufgrund der sich verschlechternden Bedingungen in der Oberpfalz aber unabdingbar. „Wir erleben eine schleichende De-Industrialisierung“, so der Vize-Bezirksvorsitzende. Die Zukunft der Wirtschaft in der Region sei ernsthaft gefährdet.

Wie es um ebenjene bestellt ist, sehe man auch immer am Baugewerbe, sagte Fischer. Da gebe es eine alte Regel: „Wenn es dem Bau schlecht geht, zieht das alle anderen mit nach unten.“ Passend dazu veröffentlichte gestern die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz ihren Konjunkturbericht für das dritte Quartal 2023. In einer Mitteilung dazu ist von einer „angespannten Situation im Bauhauptbereich“ in Ostbayern die Rede. Dort zeige sich ein deutlicher Nachfragerückgang. „Ein drohender Kapazitätsabbau im Bausektor muss unbedingt verhindert werden“, wird Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, zitiert. Von der Politik fordere man nun „Investitionsanreize und eine mittelstandsfreundliche Steuerpolitik“, heißt es auch von HWK-Hauptgeschäftsführer Kilger.

Forderungen: Keine Steuererhöhungen und weniger Bürokratie

Bei der vbw ist man ähnlicher Meinung. Diskussionen um Steuererhöhungen seien „völlig fehl am Platz“, sagte Fischer gestern. Bereits jetzt würden Höhe und Komplexität der Steuern die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen „enorm belasten“. Fischer forderte zudem einen Abbau der „überbordenden Bürokratie“ und nannte dazu ein Beispiel aus seiner Firma. Seit März habe er eine größere Photovoltaikanlage. Die sei aber noch nicht angeschlossen, weil es bürokratische Hürden gebe.

Das Thema Energieversorgung griff Fischer auch gesondert auf. Man müsse mit Hochdruck am Umbau des Stromsystems arbeiten, sagte er. Um das im bayerischen Klimaschutzgesetz verankerte Ziel – Klimaneutralität bis 2040 – zu erreichen, müsse sich die installierte Leistung bei Wind- und Solarenergie in der Oberpfalz ungefähr versechsfachen. Das sei keine leichte Aufgabe, müsse aber gelingen, um den Standort wettbewerbsfähig zu halten, erklärte Fischer.

Hubert Obendorfer: Gastronomie kämpft mit Fachkräftemangel

Er sprach außerdem den Mangel an Fach- und Arbeitskräften an. Die vbw warnte bereits im August davor, dass 2035 in der Oberpfalz rund 61000 Arbeitskräfte fehlen werden. Als Gegenmaßnahme müsse man beispielsweise mehr in die Bildung investieren und die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren erhöhen, forderte Fischer. Auch die gezielte Zuwanderung aus dem Ausland sei ein wichtiger Baustein. Er selbst habe Mitarbeiter aus 17 Ländern in seinem Unternehmen, oft werde es den Migranten sowie den Arbeitgebern aber noch zu schwer gemacht, sagte Fischer.

Zustimmung gab es hier von Hubert Obendorfer, Hotelier und Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) im Kreis Schwandorf. Das Gastgewerbe habe es ohnehin schwer bei der Mitarbeitersuche, sagte er mit Verweis auf die „leider unattraktiven Arbeitszeiten“ in der Branche. Es werde immer schwieriger, junge Menschen zu motivieren, abends zu arbeiten.

„Ich habe Angst, dass das Kartenhaus ein bisschen zusammenfällt“, bilanzierte Obendorfer. „Wir haben in der Oberpfalz wirklich viel zu verlieren“, sagte Fischer. Noch sei Bayern aber ein „dynamischer Innovationsstandort“. Auf dem Status Quo dürfe man sich allerdings nicht ausruhen.