Eltern erwarten viel von der Kita-Küche – Zu viel Fleisch in städtischen Kinderhäusern?

Von Marion Koller · 16. Oktober 2023 um 05:00

„Ich kann das mit der veganen Kita nicht mehr hören“, sagt die Regensburgerin Mareike Zollner. „So ein Schmarrn, Fleischpflanzerl und Schnitzel gibt es.“ Das sieht sie kritisch. Ihre zwei Kinder besuchen eine städtische Einrichtung. Wird dort zu viel Fleisch serviert?

Beim Wahlkampf-Auftritt auf der Dult schnupperte Markus Söder und stellte fest: „Dieses Bierzelt ist noch nicht komplett vegan.“ Die Grünen in der Berliner Koalition wollten die Menschen auch bei der Kulinarik erziehen. Damit spielte der Ministerpräsident auf die Ernährungsstrategie an, die die Bundesregierung bis Ende des Jahres erarbeiten lässt. Kita-Kinder und Kantinenbesucher sollen künftig gesünder essen. Der pflanzliche Anteil mit regionalem, ökologischem Obst und Gemüse soll wachsen. Das sei gesund und schone die Umwelt, heißt es in den Eckpunkten zur Ernährungsstrategie.

„Ich kann das mit der veganen Kita nicht mehr hören“, sagt die Regensburgerin Mareike Zollner. „So ein Schmarrn, Fleischpflanzerl und Schnitzel gibt es.“ Ihre zwei Kinder besuchen eine kommunale Einrichtung im Stadtsüden. Zum Gespräch hat die Mutter einen Speiseplan mitgebracht. Am Montag gibt es Gulasch, am Mittwoch Rinderbraten und am Freitag Huhn, dazwischen Spaghetti und Dampfnudeln. „Oft wird an vier Tagen Fleisch serviert. Ich koche am Wochenende nur noch Gemüse, um das auszugleichen“, sagt Zollner (Name geändert).

Um 6 Uhr die Brotbox füllen

Der dreijährige Sohn von Tanja Frank besucht einen städtischen Kindergarten im Westen. „Es ist das übliche Kantinenessen“, urteilt die 41-Jährige. Für eine moderne, abwechslungsreiche Ernährung komme zu oft Fleisch auf den Tisch. Manchmal würden Fleisch-Ersatzprodukte aus Soja serviert. „Ein Eintopf aus Sojabohnen oder Kirchererbsen wäre besser“, findet die Mutter. Sie wünscht sich, dass der Kita-Tag mit einer gemeinsamen Brotzeit und frischen Lebensmitteln anfängt.

Frank, die berufstätig ist, füllt um 6 Uhr früh die Brotzeitdosen ihrer drei Kinder. Vieles könne sie nicht mitgeben, weil es bis 9.30 oder 10 Uhr nicht mehr essbar sei. „Ein Avocadobrot ist braun bis dahin. Aber die Augen essen mit.“ Sie hat öfter angeregt, den Fleisch-Anteil zu verringern. „Dann wird es mit einer süßen Mehlspeise ersetzt.“ Dabei war schon laut der letzten repräsentativen Untersuchung des Robert-Koch-Instituts von 2017 bundesweit jedes sechste Kind zu dick oder sogar adipös. „Ich bin entsetzt, wie viele übergewichtige Kinder im Westbad herumhüpfen“, sagt Tanja Frank.

Die städtischen Kitas werden von Caterern beliefert. Das heißt, das Angebot kann sich deutlich unterscheiden. Der Bedarf werde bei Aufnahme der Kinder abgefragt, heißt es im Rathaus. In allen Einrichtungen werde täglich – je nach Bedarf – auch vegetarisches Essen angeboten, vereinzelt veganes. Die Kommune strebt in ihren Kitas einen 30-prozentigen Bio-Anteil bis 2025 an. Das hat der Stadtrat beschlossen.

Es gibt Bayerische Leitlinien zur Kita-Verpflegung und Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die Stadt schreibt vor, das Essen solle diesen „so weit wie möglich entsprechen“. Die DGE schlägt in ihrer „Checkliste“ schon fürs Mittagessen vor: täglich Getreide, Getreideprodukte, Kartoffeln oder Reis sowie Gemüse und Salat; einmal in der Woche Fisch, höchstens einmal mageres Fleisch; als Nachspeise frisches Obst und Naturjoghurt.

Die Johanniter, ein großer Betreiber, versuchen, beide Standards zu erfüllen. „Und wir gehen oft individuell auf die Bedürfnisse der Kitas ein“, betont Sprecher Matthias Walk. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten coacht die Einrichtungen zum biologischen, regionalen Essen, das an möglichst vielen Häusern realisiert werden soll.

Der vierjährige Tim von Marlene Hartmann besucht das Johanniter-Kinderhaus Hochhinaus im Dörnbergviertel ganztags. Seit einem Anbieterwechsel vor ein paar Wochen ist die 38-Jährige sehr zufrieden mit dem Essen, das jetzt aus der Johanniter-Küche kommt. „Tim isst mehr und gesünder in der Kita, weil die gemeinsam essen und alle das Gleiche.“

Zu teuer für manche Familien

Hartmann (Name geändert) schätzt es auch, dass sie morgens nichts vorbereiten muss. Genauso geht es Christine Alt (37), deren Tochter und Sohn in der Dörnberg-Kita betreut werden. „Ich finde das Essen auch recht abwechslungsreich, mit Gemüse und Rohkost.“ Ebenfalls positiv urteilt Vater Mahdi Al-Sormaeri.

Dreimal die Woche essen alle vegetarisch, einmal steht Fisch auf dem Speiseplan, einmal Fleisch. Die Kita setzt vieles bereits um, was in den Eckpunkten der Berliner Ernährungsstrategie empfohlen wird, auch die tägliche Gemüse- oder Obstbeilage und Salat. Für zwei Kinder wird vegan gekocht. „Bei uns lernen die Kinder das gesunde Essen“, sagt Leiterin Vanessa Alzner (28). Der Johanniter-Regionalverband hält die Berliner Ziele für hervorragend. „In vielen Einrichtungen wird allerdings der finanzielle Rahmen der Eltern die Umsetzung dieser Strategie erschweren“, befürchtet Matthias Walk.

Die Stadt sieht sich in einer Vorbildfunktion, eine gesunde und nachhaltige Ernährung zu ermöglichen. Dem Gedanken, hier ein möglichst frisches, saisonales und nachhaltiges Essen anzubieten, trage der Stadtratsbeschluss Rechnung, argumentiert sie. Allerdings zieht sich die Umsetzung offenbar hin. Mutter Tanja Frank fordert, eine Großküche solle für die städtischen Kitas kochen, nicht zig Caterer. „Man sollte das zentralisieren und streng kontrollieren.“

Zahl der Kitas

Kitas: In der Stadt gibt es 119 Kindertages-Einrichtungen. Die Kommune selbst betreibt 36 Einrichtungen für 2600 Kinder, die Freien Träger bieten 83 Kitas.

Johanniter: Der Sozialverband betreibt im Stadtgebiet 14 Kitas. Im „Hochhinaus“, Dörnbergviertel, werden 93 Kinder betreut, 26 davon in der Krippe.

Der Vater Mahdi Al-Sormaeri beurteilt das Kita-Essen seines Sohnes Adam positiv. Foto: Koller
Kita-Leiterin Vanessa Alzner lässt sich zur Ernährungsberaterin weiterbilden, weil ihr das Thema wichtig ist. Foto: Alzner