Nie zuvor wurden so viele Geldautomaten gesprengt – so rüstet man sich in Neumarkt

Von Katrin Böhm · 13. Oktober 2023 um 15:00

Ob Regensburg, Fürth oder Allersberg: Nie zuvor wurden in Bayern so viele Geldautomaten gesprengt – im vergangenen Jahr waren es laut LKA 37, bundesweit sogar knapp 500, fast 30 Millionen Euro wurden auf diesem Weg erbeutet. Das hat jetzt auch Folgen für Neumarkt.

Auch wenn das LKA Ende September eine Bande schnappte, sieht das Innenministerium keinen Grund zur Entwarnung, im Gegenteil. Banken müssten bessere Sicherungssysteme anwenden, fordert das Ministerium – aus diesem Grund waren Vertreter der Kripo bei den Banken in der Region vor Ort, um zum einen das Risiko der jeweiligen Filiale zu analysieren, und zum anderen Maßnahmen zur Nachschärfung zu besprechen.

Freilich wollen auch die Banken ihr Geld behalten, die Verantwortung sieht man hier aber durchaus auch an anderer Stelle. „Leider schaffen es die Sicherheitsbehörden nicht, diese Banden zu stellen“, sagt Stefan Wittmann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Neumarkt-Parsberg.

Farbpatronen im Geldautomat

In der Sparkasse erwägt man aktuell den Einsatz von Farbpatronen oder Klebesystemen – in beiden Fällen wird das Geld bei einer Sprengung automatisch unbrauchbar gemacht, indem es eingefärbt oder verklebt wird. Allerdings, so Wittmann, gebe es mittlerweile wohl bereits einen Markt für eingefärbtes Geld.

Ihren Anfang nahmen die Sprengungen von Geldautomaten in den Niederlanden. Die Folge: „Dort wurden 80 bis 90 Prozent der Geldautomaten abgebaut“, sagt Wittmann. Könnte das auch in Neumarkt der Fall sein? „Das ist nicht geplant“, sagt der Vorstandsvorsitzende, Bargeld spiele in Deutschland insgesamt eine größere Rolle. In Holland sei dadurch allerdings eine gewisse Dynamik entstanden.

Polizei analysiert Fluchtwege und Zugänge zur Bank

Nach und nach sichert aktuell die Raiffeisenbank Neumarkt ihre Automaten um oder stellt gleich neue auf, die dann etwa tiefer verbaut werden. Farbpatronen wurden bereits in allen Automaten eingebaut, sagt Oliver Melde, Pressesprecher der Bank – schließlich hätten die Banken ein „hohes Eigeninteresse“ daran, das Geld zu sichern. Die Polizei habe für die Standorte der Bank eine Gefahrenanalyse durchgeführt und dabei etwa Fluchtwege, Zugänge und die Sicherung der Automaten untersucht. Eine Folge dessen: Nachts sollen die Geldautomaten nicht mehr zugänglich sein, etwa von drei bis sechs Uhr morgens.

Aktuell laufe hierzu die Detailplanung, sagt Melde. Für die Kunden dürfte das wenig dramatisch sein, zu diesen Uhrzeiten sei wenig los, „auch wenn irgendwo immer jemand Geld abhebt“. Trotzdem auch vor Ort Kartenzahlung eine immer größere Rolle spiele, „ist Bargeld immer noch der Deutschen liebstes Kind“, so Melde. Bargeldlos bezahlt werde nur in etwa 50 Prozent der Fälle.

Nachts kann niemand mehr in die Filiale

Bei der Raiffeisen – Meine Bank mit sieben Filialen im südwestlichen Landkreis ist man schon weiter, was die Sicherheit betrifft: Alle Automaten wurden ausgetauscht, weitgehend wurde das Färbesystem verbaut, sagt Vorstandsvorsitzender Udo Wehrmann. Auch nachts haben die Filialen bereits zu, zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens kann niemand mehr Geld abheben beziehungsweise zum Geldautomaten gelangen. Allerdings, gibt Wehrmann zu bedenken, handle es sich bei den versperrten Türen nur um Glastüren.

Dass es durchaus etwas bringen kann, auch eine Glastür zu versperren, davon geht die Polizei allerdings schon aus – schließlich geht es den Tätern vor allem darum, schnell zu sein. Aktuell dauert es keine drei Minuten, einen Automaten zu sprengen und zu fliehen – die Täter sind laut LKA hochprofessionell und werden in speziellen Trainingszentren geschult. Je mehr Hindernisse im Weg sind, desto länger dauert es – und desto höher ist die Gefahr, entdeckt zu werden.

Kripo: Sprengungen bergen hohe Gefahr für Menschen

Ludwig Gradl, Kriminalhauptkommissar bei der Kripo Regensburg und in der Prävention tätig, spricht von einem erheblichen Problem durch die kriminellen Banden. Als Sicherheits-Experte sagt er dazu: „Am sichersten ist der Geldautomat, den es nicht gibt.“ Schließlich sei es häufig der Fall, dass auch Menschen in oder direkt neben den Gebäuden lebten, in denen eine Bank beziehungsweise ein Geldautomat untergebracht seien. Und für die könne eine Explosion eine ernsthafte Gefahr sein – die Wucht der Sprengung, für den ganz normaler Sprengstoff verwendet werde, sei nicht zu unterschätzen. „Es ist ein Wunder, dass da noch nicht mehr passiert ist“, sagt Gradl.

Allerdings seien die Geldautomaten immer auch ein Politikum, gerade in kleineren Orten. Also müssten sie zumindest so gut wie möglich gesichert werden. Denn dass die kriminellen Banden ihre Sprengungen von Holland nach Deutschland und mittlerweile auch Bayern verlagert hätten, liege zum einen daran, dass es in Holland immer weniger Geldautomaten gebe und zum anderen daran, dass dort die Standorte so unattraktiv wie möglich gemacht worden seien.

Das sagt das Innenministerium:

Fahndung: Innenminister Joachim Herrmann kündigte an, dass das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) auch nach der Festname von vier Verdächtigen Ende September „mit Hochdruck nach Geldautomatensprengern fahnden wird“.

Fakten: 37 Geldautomaten wurden im Jahr 2022 in Bayern gesprengt, heuer waren es bis Ende September 13, so das Innenministerium. Im Jahr 2020 waren es 24 Sprengungen, 2021 17. Auch bundesweit gab es vergangenes Jahr einen Rekordstand (493).

Forderung: „Für eine Entwarnung gibt es keinen Anlass“, betont Herrmann, denn erfahrungsgemäß gebe es immer wieder „skrupellose Nachahmer“. Umso wichtiger sei es, dass es Banken und Automatenhersteller Tätern so schwer wie möglich machten. Die Maßnahmen im benachbarten Ausland und der dortige Rückgang der Sprengungen zeige, wie wirkungsvoll stärkere Vorkehrungen seien. Weniger Bargeldbestand und der Einsatz von Einfärbe- und Klebesystemen würden den Kriminellen das Geschäft vermiesen.