Kelheims Wahlvolk krempelt einiges um

Ginge es nach dem Wahlvolk im Landkreis Kelheim, wäre die CSU nur der Juniorpartner in einer neuen orange-schwarzen Regierungskoalition: Mit 31,5 Prozent der Gesamtstimmen sind die Freien Wähler hauchdünn vor den Christsozialen (31,2 Prozent) auf Platz eins gelandet. Nicht die einzige bemerkenswerte Trendwende in Kelheim.
Der CSU einen Denkzettel verpassen; demonstrativ die Freien Wähler samt ihrem in die Kritik geratenen Parteichef Aiwanger unterstützen: Diese Vermutungen liegen nahe angesichts der „Zweiteilung“ bei den schwarz-orangen Verhältnissen im Landkreis Kelheim. Bei den Erststimmen lag die amtierende CSU-Direktabgeordnete Petra Högl (36,9 %) eindeutig auf Platz eins, vor FW-Herausforderer Dennis Diermeier (23,4 %); sie legte sogar noch einen Prozentpunkt gegenüber ihrer ersten Wahl 2018 zu.
Das kann die Vertreterin Kelheims sicherlich als Bestätigung ihrer Landtags-Arbeit werten. Zu denken geben wird ihr als CSU-Kreisvorsitzender indes, dass die bayernweit gestutzte CSU gerade im Landkreis Kelheim herbe Verluste einstecken musste: 25,5 Prozent bei den Zweitstimmen bedeuten ein Minus von knapp 6,5 Prozentpunkten gegenüber der Landtagswahl 2018. Und 2013 hatte die CSU sogar noch satte 45 Prozent geholt.
CSU teils unter 20 Prozent
Das auch in der Region schlechteste Zweitstimmen-Ergebnis, mit lediglich 16,5 Prozent der Stimmen, holte die CSU in Attenhofen – wo die Freien Wähler bei satten 56,5 % landeten. Ähnlich niederschmetternd war das CSU-Ergebnis auch in Rohr (16,3) und Herrngiersdorf (17,3). In allen drei Orten kamen die FW ebenfalls über die 50-Prozent-Marke bei den Zweitstimmen, während die Nächstplatzierten AfD, Grüne und SPD jeweils unter ihrem Landkreis-Schnitt lagen.
Mager blieben die CSU-Ergebnisse auch in Mainburg (19,9), Elsendorf (21,4) und sogar Högls Heimatort Volkenschwand (21,3), wo sie freilich 49,8 Prozent der Erststimmen erhielt. In diesen drei Orten ernteten die FW zwischen 44 und 46 Prozent der Zweitstimmen. Mehr als im Landkreis-Schnitt (14,6%) gab es dort auch jeweils für die AfD, während sie in Attenhofen nur 11,4% der Zweitstimmen erhielt.
Die CSU holte ihr bestes Zweitstimmen-Ergebnis auf Landkreis-Ebene in Abensberg, mit 30,8 Prozent. Als Hochburg der AfD hat sich Wildenberg (19,7%) erwiesen; am anderen Ende der Skala: Hausen mit 10,5%. Bei Höhen und Tiefen gilt für FW und Grüne „Des einen Freud‘, des Andern Leid‘“: In Bad Abbach fiel das FW-Zweitstimmen-Ergebnis (30,9) am schlechtesten und das der Grünen (13,0) am besten aus; genau umgekehrt der Trend in Attenhofen (56,5 / 4,0%)
SPD vor 5-Prozent-Hürde
Richtig brachial – freilich erwartbar – traf die Entscheidung der Wähler die SPD im Landkreis Kelheim. Die einstige Volkspartei rutschte auf 6,1 Prozent Gesamtstimmen-Anteil ab und holte bei den Zweitstimmen gar nur noch 5,Prozent.
Selbst in der ehemaligen Hochburg Painten reichte es nur noch für 7,0% der Zweitstimmen; im früher ebenfalls „roten“ Neustadt schafften die Sozialdemokraten mit 5,9% nicht mal ihren Landkreis-Schnitt. Ganz im Gegensatz zur AfD übrigens, die in der Industriestadt auf 17,2% kam. Für die SPD erwiesen sich Train (2,2 Prozent) und Elsendorf (2,4) als die Schlusslichter im Landkreis. Die FDP geriet in Teugn an den Rand der Bedeutungslosigkeit, mit nur 0,7% der Zweitstimmen. Verglichen damit sind ihre 2,7% in Bad Abbach gut, weil über dem Landkreis-Schnitt von 1,8%.
Das sagen die Kreisvorsitzenden zum Wahlergebnis
CSU: „Unser Team hat einen guten Wahlkampf geführt“, das sieht Kreisvorsitzende Petra Högl in ihrem eigenen Erststimmen-Ergebnis bestätigt. Trotzdem werde man analysieren, in welchen Orten die Partei mit mehr Veranstaltungen und Präsenz „nachjustieren“ müsse. Dass die CSU Kelheim sehr viele Zweitstimmen verlor, führt sie aber vor allem auf den „Aiwanger-Effekt“ zurück, der extrem viele Stimmen geholt habe.
FW: Dass die Freien Wähler die CSU bei den Gesamtstimmen überholt haben, „ist historisch und für mich völlig überraschend“, gesteht Kreisvorsitzender Christian Nerb gerne ein. Der deutliche Zugewinn im Landkreis wertet er als „Vertrauensbeweis der Wähler“. Das tröstet Nerb auch über das „entgangene“ Listen-Mandat für Dennis Diermeier hinweg.
AfD: Zufrieden ist auch AfD-Kreisvorsitzender Georg Bergermeier mit dem Ergebnis seiner Partei, das „ein ganzes Hauseck mehr“ als 2018 darstelle. Auf Kreisebene habe er gar nicht mehr erwartet – wohl aber landesweit, sagt er. So aber werde das AfD-Ergebnis auf bayerischer Ebene „leider wieder nicht zu einer anderen Politik führen“; die CSU-FW-Koalition bleibe.
Grüne: Bei Kreissprecherin Dorothea Seider ist zumindest lokal „die Freude groß über das gute Abschneiden unseres Direktkandidaten“ im niederbayerischen Grünen-Vergleich: Daniel Elsner habe gezeigt, „dass man mit guten Leuten und Themen punkten kann“. Aber insgesamt müssten die Grünen „auf Kreisebene noch präsenter werden – auch wenn kein Wahlkampf ist“.
SPD: Mehr Erststimmen im Kreis als 2018: Das ist für Luisa Haag ein kleiner Trost. Aber als Unterbezirksvorsitzende von Kelheim ist ihr klar: „Wir als SPD müssen analysieren, ob wir im Wahlkampf auf die falschen Themen gesetzt haben“. Und „wie wir vor allem unsere klassische Zielgruppe, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, wieder besser erreichen.“ Andernfalls drohe die Partei an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern.
FDP: „Nicht entmutigen lassen“ will sich Kreisvorsitzende Eva Keil vom FDP-Abschied aus dem Landtag. Sie selbst habe „viel gelernt“ im Wahlkampf, will sich nun im Kreisvorsitz engagieren.