Neuer Genossenschaft-Vorstand zieht die Reißleine: Senioren-Wohnpark meldet Insolvenz an

Von Petra Schoplocher · 10. Oktober 2023 um 05:00

Es sollte das Vorzeigeprojekt der Region werden. Doch seit Wochen ist das Leben im Senioren-Wohnpark von Frust und Sorgen überschattet – bis hin zu Existenzängsten. Nun hat die Krise eine neue Stufe erreicht: Die hinter dem Projekt stehende Genossenschaft musste Insolvenz beantragen.

„Es blieb uns gar nichts anderes übrig“, erklärt Christiane Hoppe die Situation. Sie hat erst am 19. September den Vorsitz der Genossenschaft übernommen. Von Werner Tochtermann, der das Prestigeprojekt seinerzeit konzipiert, vermarktet und auf den Weg gebracht hatte. Er sieht sich wegen der finanziellen Schieflage teils massiven Vorwürfen ausgesetzt.

Dass es wirtschaftlich um die Genossenschaft mit 15 Mitgliedern – zehn von ihnen als Unterzeichner der entsprechenden Nutzungsvereinbarung und (künftige) Bewohner, fünf als Fördernde mit einem Anteil von je 5000 Euro – nicht sonderlich gut bestellt ist, war schon seit einiger Zeit bekannt. Im Frühjahr musste bereits eine Nachfinanzierung von 360 000 Euro auf die Beine gestellt werden, deren Bewilligung die Bank „lange herausgezögert“ habe, erläutert Christiane Hoppe, die seit knapp einem Jahr in einem der Häuser lebt.

Es gab schon eine Nachfinanzierung

Bezüglich der Nachfinanzierung gingen die Meinungen mit Werner Tochtermann letztlich auseinander, schildert Hoppe den wohl entscheidenden Bruch. „Wir als Gemeinschaft wollten das Geld möglichst sinnvoll einsetzen.“

Für die hochwertigen Häuser und den Gemeinschaftsgedanken (von dessen Grundidee die Wahl-Waldmünchner nach wie vor überzeugt sind) haben fast alle ihre alten Häuser und/oder Eigentumswohnungen verkauft, manche gar ihre Altersversorgung aufgelöst und „alles Geld, das sie hatten, in das Projekt gesteckt“. Sie stehen nun vor den Scherben ihrer Existenz. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen und habe Riesenangst“, schildert eine Betroffene.

Schlaflose Nächte

„Es sind viele Fehler gemacht worden“, sagt ein Nachbar, dessen Frau mittlerweile Selbstmordgedanken quälen. „Alles ist zu einem Albtraum geworden.“ Beide haben schon vor Monaten Klage auf Geld-Rückzahlung aufgrund eines ihrer Meinung nach nicht rechtens zustande gekommen Darlehensvertrages eingereicht und erheben schwere Vorwürfe gegen Werner Tochtermann. Sie reichen von „Hinhaltetaktik“ bis hin zum Ruf nach dem Staatsanwalt.

Belastungen „werden steigen“

Ein anderer Bewohner formuliert es vorsichtiger: „Es wurde zu locker mit Kapital umgegangen.“ Auch seien zu viele wichtige Entscheidungen ohne vorherige Rücksprache mit den Mitgliedern getroffen worden. Er ist überzeugt: Die Belastungen werden steigen.

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Das Eigenkapital der Genossenschaft betrug knapp 2,4 Millionen Euro (bestehend aus Geschäftsanteilen und privaten Darlehen einzelner Mitglieder). Macht eine Darlehenssumme bei der Bank von mehr als 3,2 Millionen Euro inklusive Nachfinanzierung. Die Bewohner zahlen derzeit ein monatliches Nutzungsentgelt zwischen 1000 Euro und 1500 Euro. Das reicht nicht einmal, um Zins und Tilgung zu begleichen. Darüber hinaus hat die Genossenschaft Kosten, die nicht umgelegt werden können, und zusätzlich ist die gesetzlich vorgeschrieben Rücklagen-Bildung nicht möglich.

Nachfolge war schon länger geplant

Christiane Hoppe selbst war schon länger als Tochtermann-Nachfolge im Gespräch. Einen Ein- oder Überblick habe sie dennoch nie bekommen, sagt sie. „Ich hatte immer nur die Informationen, die Herr Tochtermann mir gegeben hat“, sagt sie. „Und das waren nicht alle.“ Immer wieder sei sie – wie Co-Vorstand Bruno Möltgen, der diese Funktion auch an der Seite Tochtermanns inne hatte – vorstellig geworden, habe um Dokumente und Informationen ersucht. Oft vergebens.

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Wie desolat die finanzielle Situation wirklich ist, wurde Hoppe erst Anfang September klar, als Werner Tochtermann in Vorbereitung des geplanten Wechsels an der Genossenschaftsspitze Unterlagen übergab. „Ich hab‘ zuhause gerechnet und gleich gemerkt: Das ist dramatisch.“

Offene Rechnungen

Beinahe noch mehr schockiert hat sie die Erkenntnis, dass mit Ausnahme der Rohbauten für keine Gewerke schriftliche Verträge oder Vereinbarungen vorliegen. Eine Aussage, die einer der Handwerker bestätigt. Er spricht von einem Handschlag-Geschäft. Für einen Teil indes gebe aber noch offene Rechnungen. „Das ist sehr unangenehm“, sagt Hoppe im Namen der Mitglieder. Die Handwerker hätten tolle Arbeit geleistet und während der Bauzeit stets mitgedacht.

Dass Hoppe und Co. nun so offen mit dem Thema umgehen, hat viel mit Waldmünchen und den Menschen hier zu tun. „Wir sind mit Freundlichkeit und offenen Armen aufgenommen worden“, berichtet sie.

Wie geht es weiter?

Das Amtsgericht Regensburg hat am 5. Oktober das vorläufige Insolvenzverfahren angeordnet und Rechtsanwalt Hans-Peter Lehner zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. „Wir hoffen auf die Bank“, sagt Christiane Hoppe unumwunden. Die, die das Gesamtprojekt finanziert hat und als sozial eingestellt gilt. Zusammen mit dem Rechtsanwalt will der Vorstand das Gespräch suchen und eine für alle Seiten erträgliche Lösung finden. Andernfalls... „Daran will ich gar nicht denken“, seufzt die frühere Geschäftsführerin eines mittelständischen Unternehmens. „Das wäre unvorstellbar.“

Eine starke Gemeinschaft

Denn: „Wir haben uns als Gemeinschaft gut zusammengefunden, alle sind motiviert, jeder kann sich auf jeden verlassen“, betont sie, „ein wunderbares Gefühl“. Das war schließlich auch die Grundidee eines „genialen Konzepts“: sich gegenseitig im Alter begleiten, helfen. „Uns war klar, dass wir hier unsere letzten Freunde finden werden.“

Hoppe sieht das Große-Ganze. Natürlich gehe es ums Finanzielle, aber eben weit mehr als das. „Wir wollten und wollen hier als Gemeinschaft leben.“ Dafür hätten sie Heimat, Familie, Freunde, „ein Leben“ hinter sich gelassen.

Sorgen um die Gesundheit

Sie persönlich macht sich mehr Gedanken um ihre Mit-Bewohner, die teils schon in den 80ern und gesundheitlich angeschlagen sind, als um sich selbst. Die Situation gehe allen an die Substanz, sie befürchtet, dass bei dem ein oder der anderen zusätzliche gesundheitliche Probleme nicht lange auf sich warten lassen werden.

Forschungsprojekt nicht umgesetzt

Gerade, weil es um so viel oder alles geht, wollen die Seniorenpark-Bewohner über bauliche und technische Mängel und die nie erfolgte Umsetzung eines begleitenden Forschungsprojekts gar nicht groß reden. Dessen Grundidee: Die gleich konzipierten Häuser unterschiedlicher Bauweise baubiologisch zu untersuchen, was für die TU München interessant war wie auch für die Hersteller.

Das sagt der Insolvenzverwalter

Insolvenzverwalter Lehner kann in der Sache noch nicht viel sagen, er hat sich erst am Wochenende zusammen mit der Anwältin des Seniorenparks, Rosemarie Lankes, bei einem Ortstermin einen Überblick verschafft. Er pflichtet Hoppe in der Hoffnung auf eine einvernehmliche Lösung mit der Bank bei. Und betont: „Es ist ganz klar das Ziel, die Wohnmöglichkeiten langfristig zu erhalten.“

Ideengeber sieht sich als Opfer

„Nachdem ich turnusgemäß durch Frau Hoppe als Vorstand abgelöst wurde, bin ich nicht befugt, Auskünfte zum Senioren-Wohnpark zu geben“, lässt Werner Tochtermann auf Anfrage wissen. Zu möglicherweise fehlenden Verträgen und dem Vorwurf mangelnder Transparenz hat sich der Ingenieur und Baubiologe trotz mehrfacher Nachfrage schriftlich und telefonisch nicht geäußert.

Was er allerdings klarstellt: „Zwischen der TU und der Genossenschaft gibt es keine Geldflüsse.“ Und, dass er sich sich vielmehr selbst als Opfer sieht. Er glaubt, dass „ein Mitglied versucht, die Genossenschaft und/oder mich in Verruf zu bringen“, wie er mitteilt.

Da war die Welt noch in Ordnung. Ideengeber, Projektleiter und Genossenschaftsvorsitzender Werner Tochtermann beim Richtfest des ersten Hauses vor knapp zwei Jahren. Foto: Ruhland
Stillstand: Teilweise sind Rechnungen noch nicht bezahlt. Das ist den Nutzern besonders unangenehm, wurden sie in Waldmünchen doch herzlich aufgenommen.