Schaeffler greift nach der Regensburger Vitesco AG – Nahes Ende der kurzen Freiheit?

Die ehemalige Continental-Sparte Vitesco ist erst seit zwei Jahren selbstständig. Das könnte bald wieder vorbei sein. Schaeffler will die Mehrheit übernehmen und fusionieren. Gewerkschafter haben dazu eine klare Meinung.
Wer Vitesco-Aktien besitzt, hat eine gute Entscheidung getroffen. Auf stattliche Kursgewinne wies der Vorstandschef des Unternehmens, Andreas Wolf, bei der Hauptversammlung im Mai in Regensburg durchaus stolz hin. Am gestrigen Montag wurde der Vitesco-Aktienbesitz noch einmal erheblich lukrativer. Die Aktie schoss um 20 Prozent auf 91 Euro nach oben. Der Grund: Der fränkische Autozulieferer Schaeffler hat ein Übernahmeangebot bekanntgegeben – zu 91 Euro pro Aktie. Damit wird es wahrscheinlich zu einer Übernahme kommen – und in einem späteren zweiten Schritt zu einer Verschmelzung der beiden Unternehmen. Das Angebot richtet sich nur an den Streubesitz. Exakt 49,9 Prozent der Vitesco-Anteile hält bereits die Familie Schaeffler.
Ein großes Zuliefererimperium: Schaeffler will sich Vitesco einverleiben
Und so würde die Zeit, in der die ehemalige Continental-Antriebssparte Vitesco eigenständig war, ein kurzes Intermezzo bleiben. Erst seit September 2021 war Vitesco an der Börse notiert, gestartet mit einem Kurs von knapp unter 60 Euro.
Nun greift der Familienkonzern Schaeffler zu und will sich den Regensburger Antriebsspezialisten einverleiben. Es soll ein großes Zulieferimperium mit Elektromobilität als einem der Schwerpunkte gebildet werden. „Es wird ein Unternehmen entstehen, das 25 Milliarden Euro Umsatz macht, 120000 Mitarbeiter und 100 Werke hat“, sagte Schaeffler-Vorstandschef und Vitesco-Aufsichtsrat Klaus Rosenfeld gestern. „Bei Schaeffler gab es immer wieder Zäsuren, die Übernahme von FAG, Conti, der Börsengang – in diese Reihe ist diese Transaktion einzureihen.“
Stark in Elektromobilität
Über solche Pläne war schon länger spekuliert worden. So zeigte sich denn auch der 1. Bevollmächtigte der Regensburger IG Metall, Rico Irmischer, gegenüber unserer Zeitung weder überrumpelt noch skeptisch. Er kann Schaefflers Sichtweise nachvollziehen, wonach ein Zusammengehen der Unternehmen technologisch sinnvoll sei. Schaeffler müsse sein Portfolio für die Elektromobilität stärken und könne Vitesco eine sichere Heimat bieten. Insbesondere im Bereich der E-Mobilität verfügten Schaeffler und Vitesco über ein zusammenpassendes Technologieportfolio, hieß es. Auf diesem Gebiet will Schaeffler-Chef Rosenfeld die Wachstumschancen nutzen.
Vitesco, einst als Antriebssparte in den Conti-Konzern integriert und nach der Abspaltung bis 2019 als Continental Powertrain firmierend, macht noch den Löwenanteil des Geschäfts mit Verbrennerkomponenten – hat jedoch zuletzt vor allem Aufträge für die Elektroantriebssparte eingesammelt. Anfangs galt Vitesco als Klotz am Bein, den Conti loswerden wollte. Nun, zwei Jahre später, wirkt Vitesco zukunftsgewandter als die ehemalige Konzernmutter.
Vitesco erwirtschaftete mit weltweit 38000 Mitarbeitern 2022 einen Umsatz von 9,1 Milliarden Euro. Am Stammsitz in Regensburg sind 3300 Mitarbeiter beschäftigt.
Das Dreieck Conti, Schaeffler, Vitesco
Die Konstellation zwischen Conti, Vitesco und Schaeffler mutet kurios an. An Conti besitzt die Schaeffler-Familie seit einem missglückten Übernahmeversuch in der Finanzkrise 2008 rund 46 Prozent. Nun, kaum von Conti getrennt, findet sich Vitesco womöglich bald in einem Verbund mit der ehemaligen Mutter wieder.
Irmischer stimmt zuversichtlich, dass nicht ein Hedgefonds eine feindliche Übernahme versuche, „sondern mit Schaeffler ein positiv zugewandtes, tarifgebundenes Unternehmen aus Bayern“ eine einvernehmliche Lösung anstrebe. Ein mögliches Zusammengehen werde auch dadurch erleichtert, dass in beiden Unternehmen der gleiche Tarif gelte, was etwa eine Ungleichbehandlung von Beschäftigten innerhalb des Zusammenschlusses verhindere. Die IG Metall Bayern machte ihren Wunsch nach einer „einvernehmlichen Lösung“ deutlich. „Unser vorrangiges Ziel ist es, dass die Standorte beider Unternehmen in ihrer Stärke erhalten bleiben und keine Arbeitsplätze abgebaut werden“, sagte Landesbezirkschef Horst Ott.
Es könnte schnell gehen
Rosenfeld machte deutlich, dass das Unterfangen rund 1,8 Milliarden Euro an Finanzierung benötige. Vitesco wurde bislang mit etwas mehr als drei Milliarden Euro bewertet. Das Angebot von Schaeffler bewertet Vitesco nun mit rund 3,6 Milliarden Euro. Das im SDax gelistete Unternehmen Schaeffler hat sich nach eigenen Angaben ein Finanzierungspaket arrangiert, das eine Brückenfinanzierung für das Erwerbsangebot einschließt.
Der Zusammenschluss der Firmen soll jährlich vor Zinsen und Steuern Kosteneinsparungen von 600 Millionen Euro bringen. Diese sollen bis 2029 realisiert werden.
Rosenfeld rechnet mit dem Erwerbsangebot von Mitte November bis Mitte Dezember, im vierten Quartal 2024 soll dann die Verschmelzung erfolgen. Nun geht es darum, zwischen den Gesprächspartnern ein gutes Einvernehmen zu erzielen. Schaeffler werde sogleich Kontakt zum Vorstand und Aufsichtsrat aufnehmen. Auch Entscheider in Regensburg außerhalb von Vitesco sollen auf der Liste der anvisierten Gesprächspartner stehen.
mit Material von dpa
