Franz Josef Stoiber: Neuer Rektor der Kirchenmusikhochschule – und begeisterter Influencer

Von Katharina Kellner · 7. Oktober 2023 um 11:00

Die Kirchenmusikhochschule Regensburg, erschüttert durch den unerwarteten Tod des designierten Rektors Professor Michael Sewann im August, hat nun eine neue Spitze: Franz Josef Stoiber wurde am 26. September vom Senat zum Rektor der HfKM gewählt.

Sein Amt hat er nach Bestätigung durch den Stiftungsrat, den Großkanzler Bischof Rudolf Voderholzer und das Dikasterium in Rom zum 1. Oktober angetreten. Stoiber erhielt 2003 eine ordentliche Professur für Orgel an der HfKM Regensburg und ist seit 1996 Domorganist. An der HfKM arbeiten 24 hauptamtliche Professoren und Dozenten, 60 Lehrbeauftragte und acht Mitarbeiter. Es gibt aktuell 142 Studierende, 40 Jungstudierende in Gesang, Streich- und Tasteninstrumenten und 45 Jungstudierende in der Mädchenkantorei.

Mittelbayerische: Herr Stoiber, Sie sind jetzt der neue Rektor der HfKM – und der alte. Von 2003 bis 2011 standen Sie schon mal an der Spitze. Kam es unverhofft für Sie, dass Sie es jetzt nochmal geworden sind?

Franz Josef Stoiber: Ich hatte es jetzt nicht auf dem Plan, auch 2003 nicht. Als Musiker will ich unterrichten. Aber ich bin nicht der Typ, der Verantwortung scheut, das gilt damals wie heute. Wenn man gebraucht wird, vor allem in einer so außergewöhnlichen Situation, darf man nicht davonlaufen.

Sie sprechen den plötzlichen Tod des designierten Rektors Prof. Michael Seewann an. War Ihnen gleich klar, dass da etwas auf Sie zukommen könnte?

Stoiber: Die Todesnachricht hat mich umgehauen. Als es mir einer der Stiftungsräte gesagt hat, habe ich gleich so etwas gespürt. Es ist auch nichts Negatives, sondern zeugt von der Wertschätzung des Kollegiums.

Allerdings hatten Sie zunächst, als Prof. Seewann gewählt wurde, Ihren Hut gar nicht in den Ring geworfen?

Stoiber: Nein. Ich war ja schon mal Rektor. Zudem schien Professor Seewann mir sehr geeignet zu sein wegen seiner ruhigen und überlegten Art. Deshalb habe ich seine Wahl voll unterstützt.

Welches Feedback haben Sie bekommen zu Ihrer Wahl?

Stoiber: Die Rückmeldungen waren ausschließlich positiv. Leute drücken ihre Hochachtung aus, dass ich es mache, gerade weil ich weiß, was dranhängt. Das war sehr positiv, das hilft auch ein bisschen. Im Vorfeld wurde ich von sehr vielen gefragt. Ich habe meine Vorstellungen formuliert, dass ich weiterhin die Orgel so pflegen will, wie ich es gemacht habe.

Bedeutet das Amt für Sie , künstlerische Freiheit einzubüßen?

Stoiber: Das Leben als Musiker ist kein Fünf-Tages-Job. Vielmehr arbeitet mein Kopf durchgehend. Mein Spezialgebiet ist die Improvisation, die Stegreifkomposition. Die Arbeit als Rektor erfordert viel Überlegung und Vorausdenken. Eine gewisse Hirnregion ist also belegt. Aber ein Eckchen habe ich noch übrig für die Musik. Auch meine Konzerttätigkeit möchte ich nicht abreißen lassen. So bin ich nächste Woche auf Konzertreise in Portugal und in Österreich, die Termine standen schon über ein Jahr fest.

Worauf freuen Sie sich?

Stoiber: Ich habe sehr gute Mitarbeiter und ich freue mich auf Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen, die man sonst nicht hätte.

Was hat sich verändert, seit Sie das letzte Mal Rektor waren?

Stoiber: Zum einen wurde die Hochschule in meinen ersten Perioden von 2003 bis 2011 sehr gut aufgestellt. Es gibt einen Grunddreiklang aus Kirchenmusik, Schulmusik und Musiklehrerausbildung, dazu kommen die Jungstudenten. Diese Struktur hat sich als zukunftsweisend herausgestellt und uns ein gutes Standing beschert. Wir sind die einzige Musikhochschule im ostbayerischen Raum und haben deshalb so gute Bewerberzahlen.

Was ist noch neu?

Stoiber: Mein Vorgänger Stefan Baier hat die Präsenz der HfKM in der Stadt vorangetrieben. Es gibt sehr viele Kooperationen mit Chören und anderen Musikern, viele Auftritte in der Stadt. Das war eine wichtige Entwicklung, die der Hochschule ebenfalls Standing verliehen hat.

Stefan Baier hat auch eine viel beachtete Kooperation mit Kuba aufgebaut. Setzen Sie das fort?

Stoiber: Mit Kuba ist es momentan politisch etwas schwierig. Wichtig ist die menschliche Verbindung: Es sind aktuell kubanische Studierende in Regensburg. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von den Kollegen ab, die das tragen. Eine Hochschule ist keine Ein-Mann-Veranstaltung. Der Rektor kann hier nur unterstützen und das mache ich auf jeden Fall.

Wo sehen Sie Ihre wichtigsten Herausforderungen?

Stoiber: Intern ist das wichtigste Projekt die vier bis fünf Professurbesetzungen, die die nächsten Jahre anstehen. Zudem fragt jede Woche ein Diözesanmusikdirektor oder Regionalkantor: ,Hast Du nicht einen Kirchenmusiker für mich?’ An uns werden viele Wünsche herangetragen, mehr Lehrer heranzubringen. Man hat wirklich zu tun.

Viel beachtet wurde die Einführung des Masterstudiengangs Neue geistliche Musik, der Kirchenmusik mit neuem Repertoire und Instrumenten zusammenbringt. Wie läuft es damit?

Stoiber: Sehr gut. Die Dozenten, die ihn leiten, sind sehr offen und zeigen sich sensibel in Bezug auf liturgische Anforderungen. Das ist wichtig, um neue Einflüsse zu integrieren. Das sind neue Instrumente wie Schlagwerk oder neue Strömungen aus anderen Ländern. Was mir noch fehlt, ist eine deutschlandweite Ausstrahlung des Studiengangs, gerade, weil wir ihn mit so guten Leuten besetzen konnten.

Sehen Sie die Modernisierung von Kirchenmusik als einen Ihrer Schwerpunkte an?

Stoiber: In der Beziehung sind Stefan Baier und ich eng beisammen. Kirchenmusiker machen nicht erst seit vorgestern Popularmusik, salopp gesagt: Sakro-Pop. Das ist vielleicht nicht unser Steckenpferd, doch es ist wichtig, dabei zu sein und positiv zu beeinflussen. Wenn der neue Studiengang einen Platz hat, dann an unserer Hochschule. Wir sind ein Schwergewicht in Deutschland. Es ist Aufgabe dieses Studiengangs, das Qualitätsbewusstsein zu fördern.

Inwiefern?

Stoiber: Das Besondere an Kirchenmusik ist: Man gibt den Menschen eine Hoffnung auf etwas Höheres, auf Gott hin. Wenn das alles gleich klingt, in der Disco, im Kaufhaus und im Gottesdienst, dann machen wir uns überflüssig. Es braucht mehr als: eine Heavy-Metal-Stilkopie oder einen Rap, unterlegt mit einem neuen Text und dann haben wir schon eine moderne Kirchenmusik. Das kann es nicht sein.

Wie sehen Sie den Status Quo? Muss die Kirchenmusik attraktiver werden?

Stoiber: Die Kirchenmusik ist attraktiv. Schauen Sie, wie viele Laienchöre Kirchenmusik aufführen, gerade die großen und bekannten Sachen wie Bach und Mozart, Musik aus allen Jahrhunderten. Sie ist Aushängeschild für die Kirche. Unser Bischof war voll dahinter, neue Regionalkantorstellen einzurichten. Wenn die ein bisschen was davon verstehen, wie man mit Kindern und Jugendlichen umgeht, dann kommen die auch. Wir haben hier an der Hochschule einen Mädchenchor, der sich toll entwickelt hat. Der neue Mädchenchor der Domspatzen gehört in kürzester Zeit zu den besten Mädchenchören Deutschlands.

2024 feiert die HfKM ihr 150. Jubiläum. Was planen Sie?

Stoiber: Für das Ende des Sommersemesters ist das Te Deum des Komponisten Louis Hector Berlioz anvisiert. Daran wirken der Unichor und die Domspatzen mit. Im Herbst planen wir einen Dies academicus mit wissenschaftlichen Vorträgen. Wir sind ja die älteste Ausbildungsstätte dieser Art weltweit und waren von Anfang an international – um 1900 fast die Hälfte der Studenten, das war damals ganz normal.

Die HfKM ist die älteste der drei Regensburger Hochschulen. Sehen Sie sie im Bewusstsein der Stadtgesellschaft gut verankert im Vergleich zu Uni und OTH?

Stoiber: Rein quantitativ haben wir keine Chance gegen 20000 oder 30000 Studenten. Das große Plus einer Musikhochschule ist, dass sie mit Konzerten reüssieren kann. Doch in erster Linie sind wir ein Ausbildungsbetrieb. Ein Großkonzert bindet ungemein Kräfte. Da sind viele Proben fällig und am nächsten Tag ist Examen. Studenten spielen Orgel oder in Ensembles, leiten Chöre. Klar, es gehört dazu, aber es ist ein Balanceakt.

Auch Sie selbst machen noch einiges nebenher. Wie kam es zu Ihrem YouTube-Kanal?

Stoiber: Den habe ich seit der Corona-Zeit. Ein ehemaliger Student von mir hat gesagt: Du brauchst einen YouTube-Kanal. Von ihm habe ich mich technisch anlernen lassen, jetzt mache ich es alleine. Für die Videos überlege mir ein Drehbuch, es gibt ein Intro und zum Schluss ein Outro, wo ich jeweils kurz zu sehen bin. Im Hauptteil habe ich ein Über-Kopf-Stativ, da sieht man die Tasten und kann mir beim Spiel auf die Finger schauen.

Sie spielen nicht nur vor, sondern machen auch Tutorials zur Orgel-Improvisation.

Stoiber: Der Kanal hat über 3000 Abonnenten, obwohl er so speziell ist – Orgel ist ohnehin ein kleiner Bereich, aber Improvisation erst! Mein Kanal wird weltweit geguckt – ich bin sozusagen Influencer. Ich werde immer mehr eingeladen als Pädagoge in Sachen Orgel-Improvisiation. Durch den Kanal habe ich gemerkt, wie groß das Defizit ist an einer guten Hinführung. Seit ich zum Rektor gewählt bin, haben viele Angst, dass jetzt keine Videos mehr kommen. Ich hoffe, dass ich dieses Hobby beibehalten kann. Was die Pädagogik der Orgel angeht, habe ich wirklich was zu sagen.

Das Gespräch führte Katharina Kellner