Das Regensburger Queer-Streifen-Festival startet

Die völlig chaotische, sehr liebenswerte Anti-Heldin Sarah ist mehr Schein als Sein. Noch vor dem ersten Bild hört man Bremsen quietschen. Dann zeigt der Film drei Menschen im Auto wie versteinert durch die Frontscheibe blicken. Sofort beginnt Sarah, die am Steuer sitzt, auf den Fahrlehrer einzureden: Sie müsse den Führerschein bestehen, sonst sei ihr Leben ruiniert. Dessen Blicke und die ihrer Freundin auf dem Rücksitz sind aber eindeutig: Game over, Sarah hat die Prüfung vergeigt – zum dritten Mal.
„Life in Canada“, der 20-minütige Spielfilm des französischen Regisseurs Frédéric Rosset besticht durch großartige Schauspielerinnen. Er ist einer von 21 Kurz- und zwölf Langfilmen, die ab 19. Oktober beim Regensburger Queer-Streifen-Festival zu sehen sind.
Michel Devriendt, Vorsitzender des Trägervereins, stellt mit einem Team jedes Jahr das Festival auf die Beine – alles rein ehrenamtlich. Dennoch schultern sie in diesem Jahr zusätzlich erstmals ein Schulprojekt, zusammen mit der Antidiskriminierungsstelle der Stadt Regensburg. Damit möchte das Festival zur Werte- und Medienerziehung beitragen, Homophobie vorbeugen und demokratisches Miteinander fördern.
Das Regensburger Festival kooperiert beim Dachverband QueerScope mit anderen unabhängigen queeren Filmfestivals. Die Filme werden ausgewählt aus den Beiträgen, die über die Online-Plattform filmfreeway eingereicht wurden – alleine für das Kurzfilmprogramm sichtete das Regensburger Team rund 300 Streifen. Die Auswahl zeigt sich abwechslungreich: Neben Spielfilmen sind Dokumentationen und eine Animation zu sehen.
Das Festival, ein Glücksfall
Das Langfilmprogramm, ebenfalls sehr international ausgerichtet, hat dem Team in diesem Jahr etwas Kopfzerbrechen bereitet. In diesem Jahr seien die Gebühren, um einen internationalen Film zu zeigen, unerwartet stark angestiegen – auf rund 500 bis 650 Euro pro Film, berichtet Devriendt. Hierfür reichte das durch Filmpatenschaften eingeworbene Geld nicht. Nach einiger Diskussion habe sich das Team dagegen entschieden, auf Filme auszuweichen, die nicht erste Wahl gewesen seien, sagt Devriendt. Das städtische Kulturamt sei dem Festival beigesprungen.
Das ist erfreulich, sind doch die Queer-Streifen ein Glücksfall für Regensburg: Neben dem Queer Film Festival München sind sie eines von nur zwei Festivals in Bayern, das sich die Themen der LGBTQI+-Community auf die Fahnen geschrieben hat. Um Spartenfilme geht es hier allerdings nicht: Das hochwertige und sorgfältig kuratierte Programm richtet sich an alle unabhängig von sexueller Orientierung. Die Geschichten von liebenden, leidenden, lachenden, scheiternden Menschen verhandeln Themen wie Selbstbestimmung und Identitätssuche, in denen sich jeder finden kann. Nicht selten werden diese Themen mit viel Humor verhandelt und machen so Mut, zu sich selbst zu stehen – auch wenn man, wie Sarah, noch ein paar Probleme mehr hat als eine vergeigte Fahrprüfung.
Doch es kommen auch Themen vor, die es sonst selten ins Kino schaffen: Im Kurzfilm „Lambing“ von Katie McNeice fragt sich David: „Wie kann ich ein guter Vater sein?“ Weil er selbst als Kind im ländlichen Irland von seinem Vater gedemütigt wurde, erwartet er die Geburt seines Kindes zugleich mit Vorfreude und Sorge. Als dieses intersexuell, also mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen zugleich geboren wird, stürzt dies David in eine tiefe Krise.
Einer der Langfilme zeigt eindrücklich, wie bedeutsam Schutzräume für die LGBTQI+-Community sind: Der spanische Film „My Way Out“ stellt Londons legendären Trans-Club „The Way Out“ in den Fokus: Besitzerin und Stammgäste des Clubs reflektieren drei Jahrzehnte Clubleben. Viele erzählen, wie Abende im Club und die Community ihnen geholfen haben, Traumata, Diskriminierung oder Gesundheitsprobleme zu händeln.
Eine Liebe, die geheim blieb
In „Nelly & Nadine“ erzählt der schwedische Regisseur Magnus Gertten von Sylvies Suche nach einem Geheimnis ihrer Großmutter Nelly: Die Enkelin findet deren Vermächtnis in einer Kiste verschlossen: Fotografien, poetische Tagebucheinträge, Super-8- und Audioaufnahmen erzählen von Nelly und Nadine, die sich 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück trafen und nach dem Krieg eine Paarbeziehung führten, ohne dass diese von der Familie als solche benannt wurde. Das Team habe den Film wegen der einfühlsam erzählten Geschichte ausgewählt, sagt Devriendt: „Die Großmutter hat ihre Liebe nicht offiziell gelebt.“ Heute falle vielen Menschen auf, dass sie Paare kennen, die ihnen früher zum Beispiel als Tante und Tante präsentiert wurden – weil ein Bekenntnis zu einer homosexuellen Liebe soziale Ausgrenzung oder sogar Kriminalisierung bedeutet hätte.
Das 12. Queer-Streifen-Festival
Termin: Von 19. bis 25. Oktober in den Kinos im Andreasstadel. Schirmherrin ist Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer.
Kurzfilme: Es gibt die Kategorien lesbisch, schwul und queer, jedes Programm ist dreimal zu sehen. Eine dreiköpfige Jury wählt aus 21 Filmen mit maximal 30 Minuten ihren Favoriten und vergibt einen mit 750 Euro dotierten Preis und ein rosa Zebra aus Glas als Preistrophäe. Das Preisgeld sponsort das Praxiszentrum Alte Mälzerei.
Publikumspreise: Drei Gewinnerfilme aus den Kategorien lesbisch, schwul und queer erhalten jeweils 250 Euro, gestiftet von der Sparkasse Regensburg. Zusätzlich vergibt das Publikum einen undotierten Preis für den besten Film aus allen drei Programmen.
Schulprogramm: Das Festival zeigt für Oberstufenklassen „Sommersturm“, eine Coming-of-Age-Geschichte von Marco Kreuzpaintner von 2004. Dazu gibt es eine moderierte Diskussion.
Info: www.queer-streifen.de