Juraleitung: 80 Meter hohe Masten sollen Wälder bei Postbauer-Heng überspannen

Von Nicole Selendt · 6. Oktober 2023 um 15:00

Die Pläne für die neue 380-kV-Juraleitung werden immer konkreter. Leitungsbetreiber Tennet will im dritten Quartal 2024 die Planfeststellungsunterlagen bei der Regierung der Oberpfalz einreichen. Mittlerweile ist bekannt, dass das Unternehmen im Landkreis Neumarkt einige Wälder überspannen will. Die Reaktionen der Anwohner auf die Pläne könnten aber unterschiedlicher nicht sein.

Wie Tennet auf Anfrage unseres Medienhauses mitteilt, sollen folgende Waldstücke überspannt werden: östlich von Postbauer-Heng (ca. 2,3 km), zwischen Köstlbach und Tyrolsberg (ca. 1,3 km), vor der nördlichen Kabelübergangsanlage in Mühlhausen (ca. 1 km), östlich von Pollanten (ca. 2 km) sowie nordöstlich von Ottmaring und zwischen Töging und Griesstetten (gesamt ca. 1,2 km). Einerseits bedeutet das: Die Wälder werden überspannt, es brauchen keine Schneisen in den Wald geschlagen werden. Andererseits werden die Masten dafür aber zwischen 80 und 90 Meter hoch sein – anstatt normalerweise 60 Meter.

Ein Tennetsprecher schreibt als Begründung: „Es ist immer eine Abwägung zwischen unterschiedlichen Schutzgütern und Belangen, ob ein Wald überspannt wird oder nicht. Deshalb gibt es eine Reihe von Kriterien, anhand derer eine Waldüberspannung zu prüfen ist, beispielsweise wie hochwertig der Wald ist und welche Funktion er erfüllt oder wie nah eine alternative Trassenführung an einer bestehenden Wohnbebauung vorbeiführt.“

Die sogenannten Leiterseile, die den Landkreis überspannen sollen –Tennet spricht hier nicht von Kabeln – haben einen Durchmesser von rund vier bis fünf Zentimetern. Als Masten kommen typischerweise „Donaumasten“ zum Einsatz. Es gebe allerdings in Abhängigkeit der Umgebung verschiedene Masttypen – welche davon in welchen Abständen gebraucht werden, sei noch nicht abschließend geklärt.

Postbauer-Hengs Bürgermeister Horst Kratzer sieht den Planungen von Tennet gelassen entgegen – wie viele seiner Bürger aus seiner Sicht wohl auch, wie er auf Anfrage unseres Medienhauses sagt. Wo vor einigen Jahren zahlreiche Bürger noch gegen die damalige „Monstertrasse“ gekämpft hätten, sei mittlerweile vielerorts Akzeptanz eingekehrt. Viele seien sogar froh darüber, dass die Leitung, die derzeit direkt durch den Ort Postbauer-Heng verläuft, nach außen verlagert werde.

Allerdings gebe es – je nach Betroffenheit – unterschiedliche Auffassungen dazu, ob der Wald nun überspannt werden soll oder nicht. Ein Großteil der Waldbauern sei mit einer Überspannung einverstanden, sagt Kratzer – wie zum Beispiel Hans Thumann. Er gehört zu den rund 20 Waldbauern im Gemeindebereich Postbauer-Heng, die von der Waldüberspannung betroffen wären.

Entschädigungen erwartet

Thumann sagt: „Natürlich gefällt das keinem so richtig. Aber den Wald zu überspannen ist allemal die bessere Alternative, als eine 60 Meter breite Schneise hineinzuschlagen.“ Erste Pläne von Tennet hätten nämlich genau das vorgesehen: die Masten nicht zu hoch, dafür durch den Wald hindurch anstatt oben drüber. „Da waren wir geschockt“, erinnert sich Thumann an die Anfänge des Raumordnungsverfahrens. Ihm ist auch bei der aktualisierten Planung nicht wohl dabei, wenn er an die Bauarbeiten denkt, denen einige Quadratmeter Wald zum Opfer fallen werden. Allerdings werden die Flurstückseigentümer entsprechend entschädigt – je nach Belastung: Wer zum Beispiel einen Masten auf das Flurstück gestellt bekommt, kann mit höheren Entschädigungen rechnen als bei einer reinen Überspannung.

In der Stadt Dietfurt ist die Stimmung nach Angaben von Bürgermeister Bernd Mayr völlig anders als in Postbauer-Heng. Dort haben etliche Grundstücks- und Waldbesitzer jetzt Betretungsverbote gegen Tennet und seine Subunternehmer ausgesprochen. In Dietfurt stellt sich laut Mayr die Frage gar nicht, ob es nun besser ist, den Wald zu überspannen oder eine Schneise durchzuschlagen. Viele Dietfurter wollen den Ersatzneubau der Juraleitung nicht haben. Sie befürchten eine Wertminderung ihrer Flächen, Arbeitserschwernis bei der Bewirtschaftung ihrer Felder und vieles mehr.

Wie der Tennetsprecher erklärt, respektiere das Unternehmen die von Eigentümern ausgesprochenen Betretungsverbote, weist aber auch darauf hin, dass dadurch signifikante Verzögerungen bei Planung und Bau und zusätzliche Kosten entstünden, die von der Allgemeinheit getragen werden müssten. „An Standorten, an denen eine Mast geplant ist, müssen Bodenuntersuchungen durchgeführt werden“, heißt es. Diese seien für das offizielle Planfeststellungsverfahren zwingend erforderlich. „Wir wollen bis zum Schluss eine gütliche Einigung mit den jeweiligen Eigentümern erzielen. Ist das nicht möglich, müssen wir eine Duldung beantragen, um weiterhin unseren gesetzlichen Auftrag erfüllen zu können“, so der Sprecher weiter.

Denkmäler berücksichtigen

Im Bereich Dietfurt hat die Regierung der Oberpfalz neben einem Waldstück südlich der Stadt auch das Naherholungsgebiet rund den LDM-Kanal und die Alcoma als planerisch anspruchsvoll eingestuft. Um Naherholungsgebiete oder Denkmäler zu schützen, ist laut Tennet daher angedacht, während der Bauphase mit Schutzgerüsten zu arbeiten und die Anfahrtswege zu den Baustellen so zu planen, dass Wander- und Radwege nicht dauerhaft gesperrt werden müssen.

Ruhig um die Juraleitung ist es dagegen in Berching geworden, wie Bürgermeister Ludwig Eisenreich erklärt. Der Stadtrat dort hatte sich zwar in einer seiner Sitzungen im Jahr 2021 – zu dieser Zeit lief das sogenannte Raumordnungsverfahren noch – gegen eine Überspannung von Wäldern ausgesprochen. Jedoch waren die Juraleitung und die nun geplante Überspannung eines Waldstücks bei Pollanten während der letzten Monate weder vonseiten der dortigen BI noch vonseiten des Stadtrats Thema.

„Wir warten jetzt auf die Planfeststellung und wollen alles schwarz auf weiß haben. Dann kann der Stadtrat entscheiden, ob wir gegebenenfalls gegen die Pläne vorgehen“, sagte Eisenreich auf Anfrage unseres Medienhauses.

Eine Sonderstellung beim Bau der Juraleitung im Kreis Neumarkt hat die Gemeinde Mühlhausen. Dort soll die Leitung auf einer Länge von rund drei Kilometern an sogenannten Kabelübergangsanlagen in der Erde verschwinden. Diese nehmen laut Bürgermeister Martin Hundsdorfer zwischen 5000 Quadratmetern und einem Hektar Grund in Anspruch.

Sorge um die Landwirte

Die Stimmungslage in Mühlhausen beschreibt er gerade als abwartend. Nach seinen Informationen führt Tennet derzeit Gespräche mit den Eigentümern, die für den Bau einen Teil ihrer Grundstücke verkaufen müssten. Eigentümer, die Tennet ein Nutzungsrecht – eine Grunddienstbarkeit – einräumen müssten, seien noch nicht kontaktiert worden. Das weiß Hundsdorfer deswegen so genau, weil er mit seiner Obstwiese selbst davon betroffen wäre.

Zu den Gesprächen mit Eigentümern erklärt der Tennetsprecher: „Bei einem Projekt wie der Juraleitung, das Planungszeiträume von vielen Jahren aufweist, wird es fortlaufend Gespräche mit den direkt Betroffenen geben.“ Auch jetzt können sich Betroffene mit ihren Fragen an die Bürgerreferenten des Unternehmens wenden. Die Kontaktdaten der Referentin im Landkreis Neumarkt, Helen Bernardi, sind unter anderem auf der Projektseite der Juraleitung zu finden unter infomarkt.tennet.eu/juraleitung/kontakt.

Hundsdorfer indes ist froh darüber, dass eine der beiden Kabelübergangsstationen von Tennet noch einmal verlegt worden sei. Sie ist nun ein wenig an den Wald und weiter weg von der Ortschaft Wangen gerückt. Sorgen bereitet ihm vor allem, wie sich der Bau auf die Beschaffenheit der landwirtschaftlichen Flächen auswirkt. Den Landwirten sei zwar erklärt worden, dass die Flächen nach dem Bau genauso sein würden wie zuvor. Hundsdorfer reicht diese Zusage jedoch nicht. Er kündigte an, sich in Norddeutschland bei Landwirten informieren zu wollen, die bereits Erdkabel unter ihren Feldern haben. Sollten diese von Ernteausfällen berichten, werde er entsprechende Konsequenzen im Planfeststellungsverfahren ziehen.

Ein Großteil der Waldbauern im Gemeindebereich Postbauer-Heng ist froh darüber, dass der Wald zwischen Köstlbach und Tyrolsberg überspannt werden soll. Foto: Johann Thumann