„Genehmigung für Solarpark dauert Jahre“: Forscher fordern mehr politischen Willen

Ein Team mehrerer Wissenschaftler um den Regensburger OTH-Professor Michael Sterner fordert, dass Klimaschutz und Energiewende in der Politik höher priorisiert werden. „Ein neues Impfstoffwerk wurde innerhalb eines Tages genehmigt, bei Wind- und Solarparks dauert es Jahre.“
Vor ein paar Tagen mussten – speziell in Ostbayern – etliche Photovoltaik-Anlagen vom Netzbetreiber Bayernwerk ausgerechnet „wegen zu viel Sonne“ abgeschaltet werden: Laut Bayernwerk-Sprecher Christian Martens kein einmaliger Vorgang, sondern „unumgänglich“. Das Abschalten werde schließlich nur durchgeführt, um die Stabilität der Netze und die Versorgungssicherheit für alle Kunden zu gewährleisten. Zwar habe die Betroffenheit kleinerer Anlagen mit Blick auf die Gesamtzahl der inzwischen 230 000 Eingriffe im Jahr erheblich zugenommen. Auf das Konto der größeren Anlagen dagegen gehen nicht weniger als 93 Prozent der gesamten Ausfallenergiemenge.
Auch künftig werden PV-Anlagen abgeregelt
Dieser Aspekt macht Dietmar Hanser von der Ostwind management GmbH für die Projekte seiner Unternehmensgruppe, die seit letzter Woche als Orsted Onshore Deutschland firmiert, in der Region Ostbayern weniger Sorgen. Die Problematik sieht er eher für Norddeutschland, wo die Nachfrage nach Energie tendenziell gering sei – bei einem permanent steigenden Angebot. Vor diesem Hintergrund gilt es, gegenzusteuern. Bis Netzausbau und Speicher auch in Bayern ausreichend zur Verfügung stehen, werde Bayernwerk Netz laut Martens wohl auch künftig Erzeugungsanlagen abregeln müssen.
Speziell die Speicher sind aber auch nach Auffassung von Michael Sterner neben dem Ausbau der Netze ein entscheidender Baustein der Gesamtlösung. Jedenfalls sei es gerade in Bayern überaus schädlich gewesen, die Netze und Speicher kaum auszubauen, weil ohne diese Elemente keine sichere Versorgung auf der Basis von Wind und Solar gewährleistet werden könne. Wie der Regensburger Forscher und OTH-Professor in einer Studie für Greenpeace herausgearbeitet hat, müssten Klimaschutz und Energiewende die gleiche Priorität haben wie etwa die Corona-Maßnahmen: „Ein neues Impfstoffwerk wurde innerhalb eines Tages genehmigt, bei Wind- und Solarparks dauert es Jahre.“ Es brauche jedenfalls nach Auffassung von Sterner, der das „Klimaschutz-Sofortprogramm für Bayern“ mit seinen Kollegen Leon Schumm, Falk Birett und Valentin Heusgen formuliert hat, „mehr als das 10-fache Tempo, um bis 2040 die Emissionen auf netto Null zu reduzieren“. Mit dem bisherigen Tempo werde Bayern erst 2303 klimaneutral.
Wissenschaftler fordern Speicherentwicklungsplan
Der Vorschlag der Autoren: Bestehende Wind- und Solarparks durch Solar, Wind und Speicher nachverdichten und vorhandene Netzanschlüsse besser ausnutzen. Außerdem plädieren Sterner und Kollegen dafür, bundesweit Speicherprojekte vom Baukostenzuschuss zu befreien, die Netzentgeltbefreiung zu verlängern und Gewerbesteuer am Standort anfallen zu lassen, „so dass die Wertschöpfung vor Ort bleibt“. Parallel zum Netzentwicklungsplan sollte ein Speicherentwicklungsplan aufgesetzt werden.
Aus bayerischer Sicht müsste darauf geachtet werden, dass im Rahmen der deutschen Kraftwerksstrategie nicht zuletzt mit Blick auf die vielzitierte Deindustrialisierung ausreichend gesicherte Leistung im Freistaat landet. Dabei ist Michael Sterner durchaus optimistisch, dass mit der Umsetzung des gesamten Zehn-Punkte-Programm der Wissenschaftler – vom Häuserprogramm über Wind- und Solarausbau bis zur Stärkung des ÖPNV – die CO2-Emissionen im Freistaat mit einem Budget von 550 Millionen Euro immerhin in fünf Jahren um ein Fünftel gesenkt werden könnte: „Es braucht nur den politischen Willen, an Technologien mangelt es nicht.“