Manganknollen und Röhrenwürmer: Eindrucksvolle Tiefsee-Reise im Jungen Theater

Von Peter Pavlas · 2. Oktober 2023 um 19:00

Wie sich Emma den Meeresboden vorstelle, wollen wir von der jungen Schwimmerin wissen. Sand und Meerestiere eben, antwortet sie. Nach „20000 Meilen unter dem Meer“, dem neuen Schauspiel im Jungen Theater in Regensburg, weiß sie es nun genauer.

Ein leicht verpeilter Professor Aronnax (Gabriel Kähler) und seine beherzte und sehr menschliche Mitarbeiterin Conseil (Johanna Kunze) suchen ein Ungeheuer, das für mehrere Schiffskatastrophen verantwortlich gemacht wird. Als sie Schiffbruch erleiden, werden die wackeren Wissenschaftler aufgenommen vom herrischen und selbstbezogenen Kapitän eines Unterseebootes namens Nautilus, der sich als Nemo (sehr überzeugend: Silke Heise) vorstellt. Nach kurzem Zögern beschließt er, die Passagiere nicht ins Meer zurückzuwerfen, sondern ihnen Zuflucht auf seinem Gefährt zu gewähren, und zwar ohne Aussicht darauf, jemals an Land zurückzukehren. Das akzeptieren die beiden Ozeanologen, schließlich verfügt die Nautilus über eine schöne Bibliothek sowie einen Whirlpool. Und unter Wasser forschen können sie ebenfalls nach Herzenslust.

Schauspiel in Regensburg mit didaktischem Zeigefinger

Nur zehn Prozent des Lebens im Wasser seien schließlich erforscht, berichten sie dem Publikum im ausverkauften Saal. Der didaktische Zeigefinger wackelt da, was verständlich ist angesichts des Zustandes der Welt. Unterhaltsames mit Lehrreichem zu verbinden, das erreicht Benedikt Grubel erkennbar, der Jules Vernes über 150 Jahre alten Roman umgearbeitet hat. Er besorgte auch Inszenierung, Sounddesign und Video. Hannah Spielvogel verantwortet die dramaturgische Umsetzung. Die Aufführung, die sich an Besucher ab zehn Jahren richtet, ist gewürzt mit ironischen Anspielungen und Brechungen und verlässt sich nicht ausschließlich auf die Kraft der Fantasie der Zuschauer (Ausstattung: Mari-Liis Tigasson).

Videospiel-Töne oder ultradämliche TV-Interview-Formate sind der angesprochenen Altersgruppe nicht fremd. Womit das Schiff denn betrieben werde, vielleicht mit Plutonium? Nein, schüttelt sich Nemo, man sei ja nicht bei der US-Marine – die wiederum hatte bekanntlich ihr erstes atomgetriebenes U-Boot ausgerechnet Nautilus getauft. Manganknollen vom Meeresboden seien die Energiequelle.

Im Jungen Theater wird die richtige Atmosphäre geschaffen

Die Spielfläche ist anfangs leer. Ein dicker Hai hängt vom Schnürboden herab, später läuft die Bühnenmaschinerie zu voller Form auf. Tieffrequente Maschinengeräusche, Nebel, Licht-, Windeffekte und Blackouts versetzen uns sinnlich erlebbar ins enge U-Boot. Nemo lässt die Gäste den Zauber der Tiefsee erleben. Zu dritt schweben sie in Zeitlupen-Pantomime ins gar nicht stumme, eiskalte Wasser mit singenden Fischen und balzenden Seepferdchen. 8000 Meter unter Meeresniveau steigt die Temperatur allerdings auf über 200 Grad. Dort brechen beständig Vulkane aus und bilden möglicherweise den Ursprung allen Lebens. Dies gefährde der Mensch durch sein Verhalten.

Ein Einspieler-Video zeigt die Wissenschaftler bei einem Ausflug an Land. Am sonnigen Beraiterweg oder am Donauufer erleben sie wieder die menschliche Zivilisation. Aber Müllhaufen, verdrecktes Wasser, Mücken und Hunger treiben sie schließlich zurück an Bord, wo es immerhin Konserven von Oktopus aus dem Jahr 1869 gibt. „Bäh!“, ruft ein Mädchen spontan. Da muss sogar der strenge Nemo lachen.

Hoffnungen und Ängste zum Abschluss

Assistenzkraft Conseil ist vom Erlebten begeistert und will ein Buch verfassen, „Rechte des Meeres“. Arronax ist ebenfalls euphorisch und will die Ergebnisse in einem Sammelband publizieren.

In der Antarktis droht dann ein kalbender Eisberg den stählernen Koloss zu zermalmen. Der absehbare Tod gibt den Figuren Gelegenheit, über ihre jeweils eigene Version des Endes der Geschichte nachzudenken. Am Ende ringeln sich riesenhafte Röhrenwürmer über Bühne, Hoffnungen und Ängste. Das Premierenpublikum war von der gelungenen Ensembleleistung begeistert.