Innenstadt, Wohnen und Co.: OB-Kandidaten stellen sich den Fragen des Neumarkter Tagblatts

Von Petra Schlierf · 27. September 2023 um 18:00

Alle Autos raus oder weitgehend weiter wie bisher? In diesem Spannungsfeld bewegen sich die Pläne der fünf OB-Kandidaten für die Neumarkter Innenstadt. Wenig verwunderlich also, dass dieses Thema bei der Podiumsdiskussion des Neumarkter Tagblatts am Dienstagabend äußerst umstritten war.

Rund 150 Zuhörer verfolgten die gut eineinhalbstündige Diskussion im Saal des Landratsamts um zu klären, wer künftig der richtige Mann oder die richtige Frau im Rathaus ist. Die Zuhörer erlebten Attacken von Linken-Herausforderer Marco Winkler gegen den Oberbürgermeister. Und Thumann schoss scharf zurück.

Die Themen waren an diesem Abend breit gestreut. Los ging es mit dem großen Thema Stadtentwicklung: Wo sollen Gewerbeflächen entstehen? Wie soll sich die Innenstadt verändern? Wie begegnet die Stadt dem Klimawandel? Und was kann die Stadt tun, damit sich der Wohnungsmarkt etwas entspannt? Der zweite Teil drehte sich um Mobilität. Dabei ging es zum Beispiel um mögliche Reformen des Stadtbus-Systems und den Radweg nach Höhenberg.

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Am Ende hatten die Besucher Gelegenheit, den Kandidaten ihre Fragen zu stellen – und das taten sie. Besonders viele richteten sich an den Amtsinhaber Thomas Thumann.

„Kampf um jeden Parkplatz“

Zum Start ging es aber ums Herz Neumarkts: die Innenstadt. Wie geht es mit den Altstadt weiter? Das wollte Moderatorin Eva Gaupp, Redaktionsleiterin des Neumarkter Tagblatts, dann auch zuerst von den Bewerbern wissen. Matthias Sander, Herausforderer von der SPD, verfolgt einen radikalen Ansatz. Er will sämtliche Autos aus der Innenstadt verbannen: „Wir wollen die Innenstadt autofrei definieren. Man soll nicht mehr wie jetzt durchfahren können. Die Obere und Untere Markstraße würde mit elektronischen Pollern abgeriegelt, damit nur noch der Busverkehr, Taxis und Rettungskräfte durchfahren können.“ Der Wandel solle aber schrittweise vonstatten gehen.

Für Arztpraxen, Bäckereien und andere Gewerbetreibende will er aber Ausnahmen möglich machen: „Eine Art Park and Ride, wo man das Auto kurz stehen lassen kann, die Semmeltaste drücken und wieder raus aus der Stadt.“

Außerdem will er dafür sorgen, dass die Altstadt barrierefrei und das unwegsame Pflaster umgebaut wird. In die alte Feuerwache soll wieder Leben einziehen – zum Beispiel durch den Einbau einer Ladenzeile.

Über den Plan einer autofreien Innenstadt konnte Thomas Thumann (UPW) nur die Nase rümpfe und wünschte Sander „Viel Spaß bei der Umsetzung dieses Konzepts“. Die heißen Diskussionen kennt der Amtsinhaber nämlich aus einem ersten Versuch des Innenstadt-Umbaus mit Schrägparkplätzen, das der Stadtrat vor Jahren abgelehnt hatte: „Da wurde um jeden Baum und um jeden Parkplatz gestritten.“ Seine Idee: Mehr Raum für Fußgänger und schattiges Grün schaffen, indem die Autos an der Marktstraße nicht mehr quer, sondern längs parken. Aber auch dadurch würden Parkplätze verloren gehen.

Derzeit arbeite die Stadt außerdem daran, barrierefreie Überbrückungen zu schaffen. Aber er betonte: „Der Einzelhandel in der Innenstadt wird nicht mit einem anderen Pflaster gerettet.“ Es müsse mehr passieren. Das könnten schöne Flächen zum Verweilen sein, mit Grün, Sitzplätzen und Sonnensegeln.

Mehr Bäume in der Innenstadt will Markus Ochsenkühn (CSU), vor allem, um die Stadt im Sommer trotz immer weiter steigender Temperatur noch erträglich zu halten: „Wir brauchen mehr natürliche Beschattung und Wasserspiele, damit das Klima in der Altstadt besser wird.“ Der Bodenbelag sei aber auch für ihn ein wichtiges Thema, das er schnell angehen will. Gerade in der Hallertorstraße tun sich ältere Menschen schwer. Er plädierte dafür, Schritt für Schritt vorzugehen und mit einer Straße anzufangen.

Mindestens ebenso kritisch bewertet er die Situation am Rathaus, wo für Autofahrer eigentlich schon lange ein Durchfahrtsverbot herrscht. Das aber werde allzu oft ignoriert und die Aufenthaltsqualität dadurch geschmälert.

Eine Marktstraße ganz ohne Autos? Das passe nicht zu Neumarkt, findet Ochsenkühn, das sei etwas für größere Städte. Um den Geschäften nicht die Kunden abzuschneiden, sei es wichtig, weiterhin Autos zu erlauben.

Autos ja, aber nur noch auf einer Fahrspur – das ist die Idee, die FDP-Kandidatin Ira Hörndler vorschwebt: Die Autos fahren über die Marktstraße in die Stadt und sollen über die Gassen wieder abfließen. Dank der Einbahnregelung entstünde so mehr Fläche für Fußgänger, Radfahrer und den Aufenthalt. Die Parkplätze könnten bleiben.

Aber würde das angesichts der schmalen Gassen nicht zum Verkehrschaos führen, hakte Moderatorin Eva Gaupp nach? Nein, findet Hörndler, „zumindest am Oberen Markt wäre das gut umsetzbar. Der Verkehr könnte über die Rosengasse und über den Viehmarkt abfließen“. Die seien zwar zu Beginn sehr eng, würden dann aber schnell breiter.

Ein positiver Nebeneffekt wäre, dass die Geschäfte an diesen Gassen für potenzielle Kunden sichtbarer würden und die Wendeschleifen auf der Marktstraße wegfielen. So entstünde sogar mehr Platz zum Parken. „Am Unteren Markt ist es schwieriger. Da würde es nur funktionieren, wenn man über die Bräugasse wieder rausfährt. Nur über den Rainbügel wird es nicht funktionieren“, ist ihr bewusst.

Mehr Beschattung, mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger und weniger Barrieren durch ein neues Pflaster, das sind die Ideen von Marco Winkler (Die Linke) für die Innenstadt. Ihn ärgert, dass das Siegermodell des Architektenwettbewerbs von 2014 in der Schublade verschwunden sei, nachdem es bei Stadträten wie auch Gewerbetreibenden heftige Kritik geerntet hatte. „Wo war die Mediation? Wo war der Versuch, einen gemeinsamen Nenner zu finden?“, fragte er.

Zu der kleinen Lösung der Verwaltung sagte Thumann, dass diese Pläne nach der Bürgerbeteiligung durch Corona gestoppt worden seien. Danach habe der Stadtrat beschlossen, den Einzelhändlern „erst einmal die Luft zu geben, damit sie wieder in ein normales Wirtschaftsleben kommen“.

Winkler plädierte dafür, beim Umbau der Innenstadt stückweise vorzugehen und die Gassen besser einzubeziehen. Im Dialog mit den Anwohnern und Geschäftsleuten will er gemeinsam Ideen entwickeln. „Wenn die Gassen schöner gestaltet sind, zum Beispiel mit Sitzgelegenheiten, gehen sie dort auch hin“, sagte Winkler. Das sei mit der Klostergasse bereits gelungen.

Den Verkehr will Winkler zwar nicht ganz verbannen, aber reduzieren, ebenso wie die Parkplätze, denn: „Um die Innenstadt herum gibt es genug nahe Parkplätze.“

Mehr als nur neues Pflaster

Ein Zuschauer hakte am Schluss nach, was OB Thumann denn konkret für die Radfahrer in der Innenstadt tun will. Das holprige Pflaster in der Marktstraße mit zum Teil sehr breiten Fugen macht den Radlern nämlich schon lange zu schaffen. Thumann will Verbesserungen mit möglichst kleinen Baustellen vorantreiben und dafür erst einmal ein Gesamtkonzept entwerfen. Die Kleinteiligkeit sei unumgänglich, denn: „Wir können unserem Einzelhandel nicht antun, dass wir am Oberen und Unteren Tor zumachen und dann zwei Jahre bauen.“

Außerdem kann er sich vorstellen, dass sich der glattere Bodenbelag rund um das Rathaus auch in anderen Teilen der Marktstraße wiederfinden könnte. Das werde im Stadtrat diskutiert. Aber: „Es ist nicht damit getan, dass wir das Kopfsteinpflaster rausnehmen und andere Platten einsetzen. Es muss erst ein Tiefbau stattfinden, Leitungen müssen erneuert und verlegt werden.“ Alle Maßnahmen müssen in verschiedene Gesamtkonzepte eingebettet werden: Gesamtverkehrsplan, Entwässerungsplan, Klima-Anpassungskonzept.

Doch er beharrte darauf: „Allein über den Bodenbelag wird kein weiterer Mensch in die Innenstadt kommen. Wir brauchen in der Innenstadt einen Kompromiss: nicht ganz autofrei, aber weniger Autos. Und wir brauchen den Diskurs mit dem Einzelhandel.“

Nur noch Reste in den Fugen: Ein roter Belag sorgte vor einigen Jahren dafür, dass die holprige Marktstraße für Radfahrer etwas angenehmer wurde. Foto: Petra Schlierf