Ansturm auf Solar-Förderung – Kritiker bemängeln: „Viel Geld für Leute, die es nicht brauchen“

Von Bernhard Fleischmann · 27. September 2023 um 18:45

Ein neues Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) fördert Solarstrom für E-Autos. Binnen Stunden waren am Dienstag die Fördermillionen vergeben. Kritiker sagen, sie sind verschleudert, aus mehreren Gründen.

Es klang fast zu schön, um wahr zu sein: Bis zu 10.200 Euro winkten als Zuschuss, wenn Eigentümer von selbst genutzten Wohngebäuden eine Wallbox, Photovoltaik-Anlage (PV) und Heimspeicher im Kombination anschaffen – und ein Elektroauto besitzen oder verbindlich bestellt haben. Als am Dienstag um 8 Uhr das Angebot auf der Seite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) freigeschaltet wurde, war sie sofort überlastet. Rund zwei Stunden später waren so viele Anträge gestellt, dass im Topf für dieses Jahr mit 300 Millionen Euro bereits gähnende Leere herrschte. Weitere 200 Millionen Euro sollen 2024 fließen und können auch, Stand heute, erst dann beantragt werden.

Auch der Profi scheiterte

Selbst Profis wie Stefan Dobler scheiterten. Der Geschäftsführer des Regensburger Photovoltaik-Anbieters Dosol klickte am Dienstagfrüh so oft auf den Button „Antrag abschicken“, dass er dabei seine Computermaus – eine hochwertige von Cherry – zerstört hat, erzählt er unserer Zeitung am Mittwoch. Erfolglos blieb er trotzdem. Um 10.15 Uhr schaffte er es endlich, einen Antrag durchs System zu senden, als Antwort erhielt er eine Nummer über 48.000. Chancen haben aber nur rund 33.000 Anträge, dann ist der Topf erschöpft. Es gilt das Windhundprinzip: Wer zuerst kommt, kriegt das Geld.

Das Angebot war beziehungsweise ist lukrativ. Denn das Paket aus Wallbox, PV-Anlage und Speicher kostet, so rechnet Dobler, zwischen 22.000 und 30.000 Euro (ohne Auto natürlich). Da ersparen rund 10.000 Euro mindestens ein Drittel der Anschaffungssumme.

E-Auto billig laden

Eine solche Anlage lohnt sich aber auch ohne Förderung, ergänzt Dobler. Denn da ist der Stromertrag fürs Haus, die Einspeisung und die Möglichkeit, am Ende für zehn Cent pro Kilowattstunde (kW/h) sein E-Auto aufzuladen. Zugekaufter Strom kostet aktuell ungefähr das Dreifache. Bei einem Verbrauch von 20 kW/h pro 100 Kilometer sind das mit der eigenen PV zwei Euro für diese Strecke. Für einen Diesel oder Benziner fallen mindestens neun bis zehn Euro an.

Dobler steht dem Paket ambivalent gegenüber. Zwar dürfte es dem momentan etwas schwächelnden Absatz von E-Autos ein wenig auf die Sprünge geholfen haben. So hat Dosol-Betriebsleiter Stefan Hausler extra noch am Dienstag ein kleines E-Auto bestellt. Er ging dann aber beim KfW-Antrag leer aus. Andererseits haben, so berichtet Dobler, einige Kunden ihre bereits früher bestellten PV-Anlagen zwischendurch storniert, um sie erst jetzt wieder mit der KfW-Zusage zu ordern. Denn die Anlage darf/durfte davor nicht bestellt sein. Ob sie nach der Enttäuschung nun doch wieder bestellen oder bis zum nächsten Jahr warten, wird sich erst zeigen.

„Die Förderung ist überflüssig und bevorzugt Menschen, die sie nicht brauchen.“ Peter Knuth, Geschäftsführer von Enerix

Noch kritischer äußert sich Peter Knuth, Geschäftsführer der Regensburger Enerix-Gruppe, die in ganz Deutschland und Österreich Solaranlagen im Franchise-System anbietet: „Diejenigen, die sich eh schon für die Anschaffung einer Photovoltaikanlage entschieden hatten, werden nun noch eine satte Förderung zusätzlich erhalten. Der Rest geht leer aus und ist verärgert.“ Viele würden nun auf den zweiten Teil der Förderung bis 2024 warten und hoffen, dass sie dann dabei sind. Ganz davon abgesehen, dass die Förderung Bürgern zugute komme, die eher nicht zu den dringend Bedürftigen zählen. Eigenheim- und E-Auto-Besitzer/Käufer muss man zumindest schon mal sein. Knuth: „Die Förderung ist überflüssig und bevorzugt Menschen, die sie nicht brauchen.“

Geld für Porsche- und Tesla-Fahrer

Zuständig ist Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP). Er betont, man setze auf selbst erzeugten Strom für E-Autos. Die Kombination aus Photovoltaik-Anlage, Batteriespeicher und Ladestation in eigenen und selbst genutzten Wohngebäuden sei ein wesentlicher Schritt in Richtung einer nachhaltigen und sicheren Energieversorgung. „Wir unterstützen damit Menschen mit Eigenheim, die auf das Auto angewiesen sind“, so Wissing. Kritiker sagen, er subventioniere den lifestyligen Tesla- und Porsche-Taycan-Fahrer mit schickem Anwesen im Speckgürtel. Knuth jedenfalls resümiert: Kein Mensch hat diese Förderung wirklich gebraucht.

„Mitnahmeeffekte in größerem Stil sind zu befürchten. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ein kleiner Schritt in die Zukunft – es hätte aber klügere Lösungen gegeben“, schreibt etwa CleanThinking, das sich als Wirtschaftsmagazin über die Cleantech-Branche bezeichnet. Hinter Cleantech würden sich alle Technologien verbergen, die Ressourcen schonen und zur Schonung der Umwelt beitragen. Allerdings hat sich Cleantech im Vorfeld gewaltig geirrt. Die Autoren rechneten mit keinem Run auf das Programm.

Eine der Förderbedingungen ist, dass die Wallbox und der Heimspeicher so optimiert werden, dass stets zuerst das Elektroauto geladen wird, wenn es angeschlossen ist. Durch „solaroptimiertes Laden“ und somit weniger Stromeinspeisung und Stromnetz-Bezug sollen Netze entlastet und Elektromobilität klimafreundlicher gemacht werden, so das Verkehrsministerium.

Bidirektionale Wallbox: Gibt es nicht

Eine andere Merkwürdigkeit: Die Fördersumme für die Wallbox beträgt 600 Euro für eine Einwegvariante und 1200 Euro bei bidirektionalen Versionen. Hier kann das Auto als Stromspeicher genutzt werden und Energie ins Netz zurückgeben. Dumm nur, dass es solche Wallboxen noch nicht gibt, sagt Markus Bleicher von der Firma Solaredge, ein führender Hersteller von Wechselrichtern. Sinnvoll wäre die Technik ja, aber rechtlich bei uns noch nicht erlaubt. „Wir warten seit Jahren darauf“, so Bleicher. Dobler dazu sarkastisch: „Das ist, wie E-Hubschrauber für den Garten zu fördern, die gibt es auch nicht.“

Obendrein ist die Auswahl an Autos, die bidirektional laden können, zumindest heute sehr begrenzt. Eine – womöglich nicht ganz vollständige – Liste des ADAC enthält folgende Modelle: Nissan Leaf, Nissan eNV200, Mitsubishi Outlander/iMIEV, Hyundai Ioniq 5/6, Kia EV6/Niro EV, MG 4/5/Marvel, Skoda Enyaq, Volvo EX90, VW ID.3, ID.4, ID.5, ID Buzz, Polestar 3. Das macht deutlich: Eine Reihe populärer E-Autos scheidet aus. Allen voran Tesla (hier könnte wohl mit einem Update nachgerüstet werden). Aber auch Audi, Porsche, BMW, Mercedes, Opel, Ford, Fiat, Toyota fehlen.

Eine Hoffnung bleibt

Antragsteller haben nun zwei Jahre Zeit, ihre Vorhaben umzusetzen. Wenn alle Kriterien des Programms erfüllt sind, wird das Fördergeld ausgezahlt.

Eine leise Hoffnung für manche Antragsteller: Nach Angaben eines KfW-Sprechers wurden in der Vergangenheit bei ähnlichen Programmen nicht alle Zuschüsse ausgezahlt, die beantragt wurden. „In einigen Fällen haben es sich Antragsteller möglicherweise anders überlegt. Teilweise dürften auch die Kriterien des Programms nicht erfüllt worden sein.“ Das nicht ausbezahlte Geld fließe an das Ministerium zurück.