Die Reise unseres Abfalls: Von der Haustür zum Müllkraftwerk – und wieder zurück

Viele Bürger werden denken, sie seien ihren Abfall nach dem Rausbringen vollständig los. Doch da täuschen sie sich. Denn am Ende geht der Müll aus der ganzen Oberpfalz beim Zentralverband Müllverwertung Schwandorf in Rauch auf und kehrt später in die Haushalte zurück – nur in einer anderen Form: nämlich als Strom. Bis dahin sind die Wertstoffe einige Kilometer unterwegs.
Schwarze und blaue Säcke, Pappkartons, Matratzen, Holzplatten und undefinierbare Überreste so weit das Auge reicht. Es riecht süßlich-vergoren in der Betongrube, die beim Zentralverband Müllverwertung Schwandorf (ZMS) „Bunker“ genannt wird, aber es ist auszuhalten. Zwei Greifer hängen von der Decke und warten auf ihren Einsatz. Dann öffnet sich in der Wand auf der rechten Seite eine Klappe. Es rattert und rauscht, bis noch mehr volle Säcke, Holzplatten, ein paar Ski und weiterer Müll aus der Öffnung hinunter den Bunker fallen. Der Vorgang erinnert an einen Wasserfall. Der Geruch wird zum Gestank.
Die Reise beginnt um sechs Uhr morgens vor der Haustüre. Richard Boseke, Wagenführer der Regensburger Müllabfuhr, und sein Helfer Eugen Bucher, sind von weitem zu erkennen: Ihre orangefarbenen Hosen, T-Shirts und Westen stechen zwischen Hecken und Mülltonnenhäuschen einer Wohnanlage im Stadtteil Königswiesen hervor.
Beide streifen sich ihre Arbeitshandschuhe über und greifen sich einen Restmüllcontainer – einer links, der andere rechts. Sie ziehen die schwarze Tonne zum Müllauto vor ihnen und hängen sie ans Wagenende. Boseke drückt auf einen Knopf am Laderaum, die Tonne wird nach oben gehoben. Es rumst und scheppert, als der Müll aus dem Container in das Auto geschleudert und von der sich drehenden Trommel im Laderaum zerkleinert wird. Es stinkt nach einer Mischung aus vollen Babywindeln und Essensresten.
Von Rosenduft ist im Müllauto keine Spur
Die Männer steigen ins Fahrerhaus ein. Bucher nimmt auf der Rückbank Platz, Boseke auf dem Beifahrersitz. „Man gewöhnt sich an den Gestank, aber ab und zu denkst du dir schon...“, sagt er. „Ich kann mich nicht daran gewöhnen“, sagt Kraftfahrer Thomas Hartl, der das Müllauto steuert.
9,7 Tonnen Abfälle werden im Fahrzeug transportiert. An diesem Freitag sind es 116 Behälter, die die drei Mitarbeiter des städtischen Recyclinghofes entleeren. Ganz ohne Gefahren oder ungewollter Überraschungen ist ihr Job nicht. „Es passiert schon mal, dass beim Entladen Ratten aus den Tonnen hüpfen und einem auf die Schulter springen“, erzählt Boseke. Es sei auch schon vorgekommen, dass Glasscherben in den Mülltonnen waren. Wenn diese beim Entleeren auf die Trommel stoßen, „dann kommen sie einem wieder entgegen“, sagt er. Das komme aber nur selten vor. Diesmal bleiben die Männer von beidem verschont.
Bis zum Entleeren in der Müllumladestation legen sie an diesem Tag etwa 60 Kilometer zurück. Normalerweise steuern die Müllwägen dafür die Hofer Straße 30 in Haselbach an. Doch wegen Umbauarbeiten im Schwandorfer Müllkraftwerk wird der Großteil des Hausmülls derzeit nach Rosenhof transportiert und Haselbach wird nur noch sporadisch angefahren. So auf dieser Tour.
In Haselbach kommen täglich zwischen 300 bis 400 Tonnen Haus-, Sperr- und Gewerbemüll an
In der Umladestation in Haselbach angekommen, schleudert die Trommel den Hausmüll in die Presse. Erneut steigt einem der süßlich-vergorene Duft in die Nase. Nebenan werfen private Anlieferer unter anderem Holzplatten und Bauschutt in den Bunker hinein. Eine Ratte kommt hinter einem blauen Sofa-Teil hervor und verkriecht sich gleich darauf unter einer hölzernen Küchenfront. Bei Normalbetrieb kommen in der Umladestation in Haselbach täglich zwischen 300 bis 400 Tonnen Haus-, Sperr- und Gewerbemüll an.
Ein Greifer hebt die Abfälle aus dem Bunker in die Presse, die die Überreste in einen grünen zylinderförmigen Container drückt. Als dieser voll ist – bis zu 20 Tonnen Müll passen hinein – wird er durch einen Kran auf Zugwaggons gehoben. Es rattert und knarzt, dann ein dumpfes Geräusch: Der Container ist am Waggon angedockt.
Etwa 20 der riesigen Behälter rollen täglich 39 Kilometer über die Zuglinie von der Umladestation in Haselbach bis zum Müllkraftwerk in der Alu-straße 7 in Schwandorf. Hier beim ZMS rieselt der Abfall beim Entladen länger als eine Minute in den Bunker. Bis zu 8000 Tonnen Müll passen dort rein.
Sofort lassen Kranführer Josef Karg und sein Kollege, die in der Kranführerkabine oberhalb des Bunkers im Schwandorfer Müllkraftwerk sitzen, die Greifer nach unten. Ihre Aufgabe ist es, die frisch eingetroffenen Abfälle in einen der Müllschächte zu befördern, durch den die Überreste in einen der 1000 Grad Celsius heißen Öfen gelangen.
Seit 35 Jahren als Kranführer im Schwandorfer Müllkraftwerk
„Seit 35 Jahren mache ich das schon. Ich sehe auf einen Blick, was an Müll da ist und wo ich erst hinsteuern muss“, sagt Karg. Er nennt das den „Bunkerblick“. „Die beiden müssen den ganzen Tag diesen Dreck anschauen“, sagt Stefan Karl, Pressesprecher beim ZMS. „Den sehe ich schon gar nicht mehr“, entgegnet Karg und lacht.
Er drückt seinen Schalthebel nach vorne und steuert den mit 3,5 Tonnen Müll beladenen Greifer über einen der Schächte. Den Schalthebel nach hinten gezogen, der Greifer öffnet sich und die Abfälle fallen hinein. Damit könnte ein vierköpfiger Haushalt ein Jahr lang mit Strom versorgt werden, erklärt Karl. Er öffnet ein kleines Kontrollfenster am Ofen. Zu sehen sind orange-gelb lodernde Flammen. Beim Durchschauen spürt man die Wärme, die durch das Fensterchen nach außen dringt. „Hier ist’s schön im Winter – schön warm“, sagt er.
Was vom Müll übrig bleibt, sind glühende schwarze Haufen, die allmählich in Rauch aufgehen. Bis dahin sind etwa 24 Stunden vergangen. Die freigesetzte Energie wird in Dampf, Fernwärme und Strom umgewandelt. Im Kraftwerk in Schwandorf verbrennen durchschnittlich 390000 Tonnen Müll im Jahr. Der erzeugte Strom wird in das öffentliche Netz eingespeist und gelangt so in die Steckdose des Endverbrauchers, der gedacht hat, den Müll für immer vollständig los zu sein.


