Kosmetik für Krebskranke: Klaudia Berger tätowiert gegen die Folgen der Chemotherapie an

Gutes tun mit Taten, nicht nur mit Geld– das möchte Klaudia Berger. Die Kosmetikerin aus Pösing tätowiert Krebspatienten die Krankheit aus dem Gesicht. „Ohne Augenbrauen verliert man die ganze Sprache der Mimik“, sagt Berger, und gibt Betroffenen nach einem Chemotherapie-bedingten Haarausfall die Sprache zurück.
„Wenn man Chemo hört, denkt man immer zuerst an ausfallende Kopfhaare“, sagt Katrin Zängl aus Michelsdorf. Sie war vor drei Jahren die erste Kundin, der Berger zu neuen Augenbrauen verholfen hat – und aus traurigem Anlass damit auch Ideengeberin für die Charity-Aktion ihrer Kosmetikerin. Eine hartnäckige Delle an der rechten Seite ihrer Brust veranlasste Zängl im August 2020 , einen Arzttermin zu vereinbaren. Erst ein halbes Jahr zuvor war ihr kleiner Sohn zur Welt gekommen, „Da habe ich mir zunächst nicht gleich etwas gedacht, man meint, das hängt halt noch mit der Schwangerschaft zusammen.“
Ultraschall zeigt Tumor
Doch schon bei der Ultraschall-Untersuchung bereitet der Frauenarzt Zängl vorsichtig darauf vor, dass die Delle wohl Anzeichen für einen bösartigen Tumor sei. Die Folgeuntersuchungen bestätigen schnell den Verdacht. „Da sitzt du dann da, dein Kind ist ein halbes Jahr alt, und du denkst natürlich erst einmal ans Sterben“, schildert Zängl ihre Gefühlswelt damals. Bei der Erinnerung steigen ihr noch heute die Tränen in die Augen. Die Behandlung mit Chemotherapie ist beschlossen, da weiß die 31-Jährige, dass sie nicht von allen Leuten auf den ersten Blick als Krebspatientin erkannt oder bemitleidet werden will. Und auch selbst will sie sich im Spiegel nicht so krank sehen, wie sie eigentlich ist. Von ihrer Kosmetikerin weiß sie, dass diese Permanent-Make-up anbietet. Und so kommt es, dass Klaudia Berger erstmals einer Krebspatientin zu neuen dauerhaften Augenbrauen verhilft.
Erst einmal geweint
„Das musste ziemlich schnell gehen. Wegen der Infektionsgefahr wäre die Tätowierung während der Chemotherapie nicht möglich gewesen“, erklärt Zängl. Doch Berger reagiert schnell, schiebt ihre langjährige Kundin in ihrem vollen Terminplan dazwischen. „Als ich Katrins Geschichte gehört habe, habe ich selbst erst einmal geweint. Ich dachte nur, sie ist ja jünger als ich, und mit dem kleinen Sohn zuhause...“
Zwei Wochen später beginnt die Chemotherapie von Zängl, einige Monate später wird sie operiert, im Anschluss erfolgt noch eine Strahlentherapie. „Das hat sich alles von August 20 bis Juli 2021 hingezogen“, blickt Zängl auf diese schwere Zeit zurück. Inzwischen ist sie gesund, muss alle drei Monate zur Kontrolluntersuchung. „Man hofft natürlich, dass nichts mehr nachkommt.“ Vor ein paar Tagen ist sie zu Klaudia Berger nach Pösing gekommen, um sich die Brauen noch einmal nachstechen zu lassen. Das Tattoo verblasse mit der Zeit, erklärt Berger. Deshalb eigneten sich die modernen Permanent-Make-up-Methoden auch für junge Patienten, Teenager oder sogar Kinder – natürlich mit Einverständnis der Eltern. Berger hat sich inzwischen immer mehr auf diesen Aspekt ihrer Arbeit als Kosmetikerin spezialisiert, bildet sich laufend fort.
Ärzte wundern sich über hartnäckige Brauen
„Wie gut Klaudia das hinbekommen hat, habe ich während meiner Behandlung gesehen“, sagt Zängl. „Die Ärzte im Krankenhaus haben sich immer gewundert, wieso mir die Kopfhaare ausgehen, aber die Augenbrauen nicht.“ Ihr Mann habe sich zunächst eine Weile daran gewöhnen müssen, denn bis die Hautirritation abgeheilt ist, sei das Tattoo schon sehr auffällig. „Er hat nur gesagt: Wow“, grinst Zängl bei der Erinnerung.
Sie steht zu ihrer Entscheidung. „Ausgefallene Kopfhaare kann man mit Tüchern oder Perücken kaschieren, aber die fehlenden Haare im Gesicht nicht“, sagt sie. Und sich jeden Tag selbst Brauen zu schminken, dafür hätten ihr die Fähigkeit und Geduld gefehlt. Dafür ist sie Berger unglaublich dankbar, dass sie für das Tattoo kein Geld verlangt hat.
Kranksein ist teuer
„Was man kaum weiß, ist, dass man auch in einem Land wie Deutschland, wo die Krankenkassen viele Kosten übernehmen, als Krebspatient ein paar tausend Euro im Jahr zahlt.“ Zuzahlungen zu Taxifahrten, Medikamenten oder Kosten für Perücken summierten sich schnell, sagt Zängl. Und betont, dass Klaudia Berger mit ihrer Aktion auch Aufklärungsarbeit leiste.
„Viele Kundinnen sind jünger, so wie ich. Und da hat man einfach das Thema Krebs noch nicht so auf dem Schirm. Aber es kann wirklich jeden treffen.“ Wenn durch Bergers Aktion andere, jüngere Frauen dazu gebracht würden, sich regelmäßig abzutasten, sei schon viel gewonnen.
Angebot auch für Männer und Kinder
Berger selbst betont im Übrigen, dass sie ausdrücklich auch krebskranken Männern und jungen Krebspatienten helfen will. „Das Problem haben ja nicht nur erwachsene Frauen.“ Betroffene könnten sich gerne einfach und unkompliziert bei ihr melden, um gemeinsam das weitere Vorgehen zu besprechen. „Ich bestelle die Kunden nicht her, und dann, zack, tätowiere ich. Das wird vorher genau besprochen, ich zeichne erst vor, dann wird noch einmal genau besprochen, was ich machen soll“, beschreibt Berger das Procedere.
Gratis-Tattoos für Krebspatienten – „das ist mir lieber, als irgendwohin Geld zu spenden, wo ich nicht weiß, ob es auch ankommt“, erklärt die zweifache Mutter.
Zängl war die erste, aber nicht die letzte Krebspatientin mit Tattoowunsch, die Berger behandelt hat. Sie hofft darauf, dass sich ihr Gratis-Angebot weiter herumspricht, damit sie auch anderen Kranken helfen kann.
Kostenlose Hilfe
Tattoo: Klaudia Berger will Krebspatienten, denen während der Chemotherapie häufig die Haare am gesamten Körper ausfallen, helfen. Betroffene, die sich von Berger Augenbrauen tätowieren lassen möchten, können sich bei ihr melden. Die Behandlung ist kostenlos. Kosmetiksalon Paradise, Pösing, Tel. (0170)5924469




